Kritik: Anomalisa (USA 2015)

anomalisa

Look for what is special about each individual, focus on that.

„The most human film of the year. And it doesn’t feature a single human.“ Dieses Zitat von Esquire Filmkritiker Matt Patches ist seit ein paar Monaten groß auf allen US-Marketing-Materialien zu Anomalisa, dem neuen Film von Drehbuchautor Charlie Kaufman (Being John Malkovich), zu sehen. Das Zitat trifft den Nagel auf den Kopf. Kaufman und sein Co-Regisseur Duke Johnson bedienen sich der Stop-Motion-Animationstechnik und einer Vielzahl an Puppen, um ihre Vision glorreich zum Leben zu erwecken. Tote Augen, leere Figuren, überzogene Inszenierungen…  übliche Missstände, welche sich bei vielen Animationsfilmen im Laufe der langen und zähen Produktionsphase einschleichen, sucht man bei Anomalisa vergeblich. Die Arbeit des Indie-Studios „Starburns Industries“ ist wunderbar unkonventionell. Man sieht die sonst sorgfältig verborgene Machart der Puppen, die Fingerabdrücke auf der Haut, die Knitter im Kostüm. Das Produkt ist unpoliert und persönlich, man fühlt die Leidenschaft des kleinen Filmteams in jedem sorgfältig-animierten Bild.

Michael Stone (Stimme: David Thewlis) hat eine Anleitung für Kundenberater geschrieben und soll nun dazu in einem Hotel in Cincinnati einen Vortrag halten. Genauso langweilig wie seine Arbeit ist Michael auch selbst. Er ist schwer depressiv, Kettenraucher, mittleren Alters und hasst seine Familie und seinen Job. Was seine Situation noch schlimmer macht: Jeder dem er begegnet hat die gleiche Stimme (Tom Noonan, wunderbar monoton) und das gleiche Gesicht. Doch als er plötzlich im Flur seines Hotels einer Frau begegnet, die als einzige eine eigene Stimme hat (Jennifer Jason Leigh), fängt er an auf ein neues Leben zu hoffen.

Wie inzwischen vielen anderen Low-Budget-Filmen verdankt auch Anomalisa der Crowdsourcing-Plattform Kickstarter sein Leben. 2012 schaffte es das Projekt dort auf insgesamt 400,000 US-Dollar, was die ersten Schritte der Produktion in Gang brachte. Am meisten überrascht von diesem Erfolg schien der Mann hinter der Idee selbst. Autor Charlie Kaufman musste sich, trotz gewonnenem Oscar, in der Vergangenheit schon öfters mit abgelehnten Drehbücher und abgesagten Produktionen abfinden. Seine Geschichten gehören zu den wohl originellsten Hollywoods und stellen dabei fast automatisch ein hohes finanzielles Risiko dar. Diese Frustration spiegelt sich in seinen Skripts wieder, was diese noch unzugänglicher macht. Ein ewiger Kreislauf, dem Anomalisa fast zum Opfer gefallen wäre.

2005 ließ Kaufman das Stück nur einmal live von drei Schauspielern vorlesen. Er stellte es der kleinen Anzahl an Zuschauern sogar unter einem Pseudonym, Francis Fregoli, vor. Danach lag die Geschichte scheinbar für längere Zeit nur in einer Schublade.

Als die Produzenten Dino Stamatopoulos (Moral Orel & Mary Shelley’s Frankenhole) und Dan Harmon (Community) ein paar Jahre später auf ihn zukamen und das Stück als Animationsfilm verfilmen wollten, weigerte Kaufman sich dann auch noch. Problematisch schien ihm, dass es „einen Unterschied gebe zwischen dem was auf der Bühne gesagt werde und dem was das Publikum sehe.“ (the Guardian, 2015)

Vielleicht konnte Kaufman, der zuvor nie mit der Animationswelt in Kontakt gekommen war, wirklich nicht ahnen, wie gut sich sein Stück auf die Mini-Sets der kleinen Anomalisa-Welt übertragen lässt. Durch das Puppenspiel sehen wir in eine verzerrte Welt, die um Michael herum entsteht. Für jemanden, der sich in seinem Kopf gefangen fühlt, ermöglicht das animierte Szenario ein umso effektiveres Spiel mit Paranoia und Klaustrophobie. Co-Regisseur Johnson wurde davor gewarnt, seine Figuren zu lebensnah zu gestalten, da dies verstörend wirken könnte. Das Team hinter Anomalisa warf sich mit 3D-gedruckten Puppen und minimalen, realistischen Körperbewegungen stattdessen voll und ganz hinter diesen Verstörungseffekt. Stellenweise sehen Momente zum Täuschen echt aus, was einen dann plötzlich wieder aufschrecken lässt und man sich fast schon betrogen fühlt. Verfremdung und erneute Annäherung: ein Spiel mit Intimität zwischen den Figuren und dem Zuschauer.

Michael hat ein Zimmer im fiktiven „Fregoli Hotel“. Eine kurze Google-Suche offenbart, dass Betroffene des Fregoli-Syndroms an einer Wahnvorstellung leiden, die alle Menschen um einen herum als die gleiche Person erscheinen lässt. Kaufmans Hauptfigur leidet zwar nicht an dieser Geisteskrankheit, jedoch dienen diese Symptome als perfekte Allegorie für die Einsamkeit die Michael spürt. Was groß in Kaufmans anderen Filmen thematisiert wird – Einsamkeit, eine lähmende Unfähigkeit bedeutungsvollen Kontakt zu anderen Menschen zu finden – hat in dieser Animationswelt wohl den besten Rahmen gefunden. Selbst das Spiel großartiger Mimen in Kaufmans anderen Filmen (z.B. Nicolas Cage in Adaption, oder Jim Carrey in Vergiss mein nicht, oder Phillip Seymour Hoffman in Synecdoche, New York) kann dieses Gefühl des vollkommenen Alleinseins nicht annähernd so gut beschreiben, wie diese Puppe. Kaufman sollte sich überlegen, ob seine Geschichten nicht grundsätzlich besser für Stop-Motion geeignet wären.

Fazit: Von einer überraschend intimen Sexszene bis hin zur scheinbar mondänen Taxifahrt, Anomalisa ist trotz Puppenspiel immer überragend menschlich und bewegend. Ein erneuter Triumph für Charlie Kaufman und ein vielversprechendes Debüt für Duke Johnson.

Anomalisa ist ab dem 21. Januar 2016 in deutschen Kinos zu sehen.