Kritik: Black Panther (USA 2018)

© Marvel Studios

The world is changing. Soon there will only be the conquered and the conquerors. You are a good man, with a good heart. And it’s hard for a good man to be a king.

Die Verantwortlichen des Marvel-Cinematic-Universe planen immer drei Schritte voraus. Bereits im November 2017 verkündete Marvels Grundarchitekt Kevin Feige, dass die nächsten 20 Filme (!!!) eine neue Richtung einschlagen und sich im Grundton gehörig vom bisher Gesehenen unterscheiden werden. Eine Runderneuerung hätte das MCU inzwischen auch bitter nötig, denn allzu oft müssen inzwischen junge Regisseure formelhaft Aufträge erledigen, die nach marktanalytischen Auswertungen zielgruppengerecht durchstrukturiert wurden. Ein frischer Ansatz, der den marvelschen Filmkosmos auch für die Zeit nach dem Abgang der großen Stars und Helden für Zuschauer interessant macht, fehlt dem Marvel-Cinematic-Universe schon länger. Warum also nicht bereits mit dem lange angekündigten Soloauftritt des Black Panthers eine erste Duftmarke der „neuen Richtung“ setzen? Leider gelingt dies Creed-Regisseur Ryan Coogler nur bedingt. Zwar inszeniert er seinen Black Panther als den streitbarsten Superhelden des gesamten MCU, verpasst aber die Chance, dessen fragwürdigen Weltansichten angemessen zu thematisieren, sondern stellt stattdessen altbekannte CGI-Schauwerte in den Vordergrund. Letztlich bleibt Marvels Black Panther dadurch ein Film der ungenutzten Möglichkeiten und verpasst die Chance, aus bekannten Erzählmustern auszubrechen und der heilen Welt des marvelschen Kosmos eine erzählerische Narbe zuzufügen.

Isoliert von der Außenwelt liegt im Nordosten Afrikas der Staat Wakanda, dessen Bewohner über schier unendlichen Reichtum verfügen und dem Rest der Welt in ihrer technologischen Entwicklung einige Schritte voraus sind. Der Grund für diesen Fortschritt liegt in dem sagenumwobenen Metall Vibranium, das einzig und allein in Wakanda gefördert werden kann. Der Schutzpatron Wakandas ist der sagenumwobene Black Panther, der mit übermenschlicher Stärke für das Wohl seiner Leute und deren Wohlstand kämpft. Nach altem Brauch hält diese Position auch immer der aktuelle Thronerbe inne. T’Chala (Chadwick Boseman) hat das ehrwürdige Amt noch vor dem Ableben seines Vaters T’Chaka (John Kani) von ihm übernommen, als dieser jedoch während eines Anschlags ums Leben kommt (The First Avenger: Civil War – wir erinnern uns), muss sich T’Chala auch seinen Königsaufgaben stellen. Doch noch ehe sich der frisch gekrönte König an seine neuen Pflichten gewöhnen konnte, versucht der brutale Söldner Erik Killmonger (Michael B. Jordan) die königliche Krone an sich zu reißen und Wakanda politisch neu auszurichten…

Wakanda – ein fiktiver Staat im Herzen Afrikas, der von ganz realen Problemen eingeholt wird. Während die Bewohner der geheimnisvollen Übermacht in unwirklichem Wohlstand schwelgen, kämpft der Rest Afrikas mit aktuellen Problemen: Menschenhandel, Armut, Kriegszustände und Flüchtlingswellen sind nur einige der Probleme, die im Film (viel zu kurz) anklingen. Die Politik, die in Wakanda gefahren wird, ist dabei zutiefst nationalistische geprägt. Mit einer Barriere verbirgt sich der Staat vor den Blicken und humanitären Bittstellern – die Bewohner Wakandas sind sich der Probleme in der Welt durchaus bewusst – und fährt damit wohl einen Kurs, der am ehesten als der feuchte Traum Donald Trumps beschrieben werden könnte. „Wakanda first, Africa second“ lautet die Parole des Königshauses. Abgrenzung, Grenzsicherung und Realitätsverweigerung als Mittel gegen die Probleme der Welt. Der politische Führungsstil des Wunderlands lässt den denkenden Zuschauer übel aufstoßen. Wenn letztlich sogar der Schutz der Grenzen und das Geheimnis der technologischen und wirtschaftlichen Überlegenheit mit Waffengewalt gesichert wird (natürlich nur um Waffengewalt durch Waffenlieferungen zu unterbinden), ergibt sich Ryan Coogles Black Panther vollends der eigenen Absurdität. Da hilft auch eine nachgeschobene Grenzöffnung und der plötzliche Gesinnungswandel des Thronerben T’Chala in der ersten nachgeschobenen Post-Credit Szene wenig.

Black Panther ist – und das sollte dem Film trotz aller Fehler zugute gehalten werden – dennoch durchaus unterhaltsames und solide inszeniertes Blockbusterkino. Ryan Coogle mischt James Bond mit Versatzstücken klassischer Shakespeare-Dramen und hält sich an die altbekannten Muster des bewährten Marvel-Konzepts. Visuell fühlt sich der Superheldenfilm jedoch erstaunlich frisch an, die bunten Kostüme und die afrikanische Klang- und CGI-Kulisse bilden eine angenehme Abwechslung zum amerikanischen „grau-in-grau“ Städte-Setting des restlichen Marvel-Universums. Zudem wurde eine der größten Schwachstellen des MCUs in Black Panther behoben: Mit dem zwielichtigen Waffenhändler Ulysses Klaue (Andy Serkis) und dem radikalen Polit-Idealisten Erik Killmonger (Michael B. Jordan) muss sich Marvels neuster Superheld gleich mit zwei hochkarätigen Widersachern messen, die problemlos auch eigenständig einen Film hätten tragen können. Während Andy Serkis den wunderbar verschrobenen Waffenhändler Ulysses Klaue mimt, überzeugt insbesondere Michael B. Jordan als Söldner mit politischer Sprengkraft. Jahrelange Unterdrückung, Rassismus und die im Krieg gewonnene trügerische Erkenntnis, dass politischer Wandel nur mit Waffengewalt erzwungen werden kann, lassen in Erik Killmonger den Wunsch nach einer schwarzen Revolution aufkeimen. Killmonger ist kein simpler Terrorist, er will den technologischen Fortschritt Wakandas nutzen, um den Status Quo der westlichen Zivilisation in seinen Grundfesten zu erschüttern. Im finalen Kampf trifft nicht nur Königssohn T’Chala auf Söldner Killmonger, es trifft auch menschenverachtender Konservatismus auf zerstörerischen Radikalismus – und der Zuschauer weiß nicht, auf welchen Ausgang er hoffen soll. Das MCU braucht genau solche ambivalenten Figuren, die dem politischen Zeitgeschehen ein Gesicht geben, um auch in Zukunft relevant zu bleiben.

Black Panther startet am 15.02.2018 in den deutschen Kinos.

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