Kritik: Blade of the Immortal (JP 2017)

But do right and wrong matter when it’s for people you love?

Was für ein beachtliches Jubiläum: Nicht einmal das 60. Lebensjahr hat Takashi Miike erreicht und dennoch seinen bereits 100. Film abgeliefert. Miike, der Inbegriff eines Alles- und Vielfilmers; eine wahre Lichtgestalt der asiatischen Kulturlandschaft, deren Output natürlich auch wunderbar aufzeigt, dass Quantität nicht über Qualität siegt. Dennoch bleibt der Regisseur, der uns kontroversen Zündstoff wie Ichi the Killer, Visitor Q, Audition und Lesson of the Evil geschenkt hat, immer eine interessante Adresse, eben weil man als Zuschauer nie genau weiß und bestimmen kann, worauf man sich nun wirklich einlassen muss – und über wie viele Kunstschaffende lässt sich das heutzutage schon noch sagen? Mit Blade of the Immortal, seinem 100. Film, allerdings scheint der 1960 in Yao geborene Regisseur einen – für seine Verhältnisse – ungewöhnlich harmonischen Pfad gewählt zu haben.

Unter ‚Harmonie‘ soll in diesem Fall nicht verstehen sein, dass sich Takashi Miike kuschelig gibt, aber von einer gewissen Anbiederung ist durchaus zu sprechen. Die Manga-Adaption Blade of the Immortal ist in ihren Anlagen nämlich derart geschichtsträchtig aufgeladen, dass es Takashi Miike von vornherein unmöglich gewesen schien, dem Schatten dieses historischen Gewichts entwachsen. Wunderlicherweise. Wir befinden uns in einem klassischen Samurai-Film, der sich, wenn man es ganz forsch formulieren möchte, mit einem Wort auf den Punkt bringen lässt: Stangenware. Auf der Hauptfigur Manji (Tomokazu Seki) lasten bedrückende Schuldgefühle, von denen er sich nicht einmal mit dem Tod freisprechen kann, weil Manji durch einen gespenstischen Flucht zur Unsterblichkeit verdammt wurde. Mit der Begegnung der nach Rache gierenden Rin (Rina Sato) bekommt Manji 50 Jahre später aber noch eine Chance auf Wiedergutmachung.

Mehr gibt die Handlung im Prinzip nicht her. Und einen Film, der sich eine Lauflänge von fast zweieinhalb Stunden aufgebrummt hat, in zwei Sätzen zusammenzufassen, erscheint schon reichlich sportlich. Dass es Miike nicht gelingt, diese Überlänge akkurat auszukleiden, erscheint fast schon als logische Konsequenz dessen. Vor allem macht sich an Blade of the Immortal deutlich, wie ein Epos aussieht, welches nicht in der Lage ist, in die Breite und Tiefe erzählt zu werden, sondern einzig und allein in die Länge gestreckt wird. Dabei ist diese von Leichen und noch mehr Leichen gesäumte Vergeltungsodyssee prinzipiell ansehnlich inszeniert. Von formschönen Bildern nämlich kann sich Blade of the Immortal kaum retten. Die Schönheit dieser Aufnahmen jedoch bleibt eine oberflächliche, eben weil Miike den Sinngehalt innerhalb des visuellen Erzählens hier in ungeheuerlichem Ausmaß vernachlässigt.

Im Brauchtum des Jidai-geki verankert, ist es Miike primär daran gelegen, den Mythos des lebensüberdrüssigen Kriegers am Leben zu erhalten. Wer sich bei Blade of the Immortal den ein oder anderen dekonstruierenden Moment wünscht, der wird enttäuscht, denn Miike nimmt es aufgrund der Unsterblichkeit seiner Hauptfigur ganz wörtlich: Liebgewonnene Traditionen dürfen nicht vergehen, sie müssen beständig bleiben und vererbt werden. Eigentlich Anlass genug, um genau diese Traditionsverhaftung als Mühlstein der (Weiter-)Entwicklung zu entlarven. Stattdessen wird durch die nostalgisierte Unantastbarkeit der Materials in Blade of the Immortal gleichwohl die Verzweigung zwischen dem amerikanischen Western und dem Samurai-Film ausdrücklich betont: Beide Kategorien dürfen sich als Heimatfilme definieren – und in beiden Bereichen schwingt eine Wehmut mit, Erinnerungen doch bitte nicht verblassen zu lassen. Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Tatsächlich?

Fazit: Eigentlich hätte man von Blade of the Immortal auch eine Unterwanderung des klassischen Samurai-Films erwarten können, gerade in den oftmals subversiv agierenden Händen eines Takashi Miike. Der allerdings möchte die Allgemeinplätze des Genres in seinem Jubiläumsfilm nicht hinterfragen, sondern bestätigen und reproduzieren und versperrt sich dem diskursiven Potenzials seiner gewalttätigen, aber nicht blutrünstigen Manga-Adaption beinahe vollständig. Ein konventionelles Epos ohne Durchschlagskraft. Eben nur in die Länge, aber nicht in die Tiefe erzählt.

Blade of the Immortal ist ab dem 12. Januar auf Blu-ray und DVD erhältlich.