Kritik: Dämonen und Wunder – Dheepan (FR 2015)

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© Weltkino Filmverleih

Alles ist eine Lüge.

Alljährlich locken die Internationalen Filmfestspiele von Cannes zahlreiche Journalisten und Filmbegeisterte an die südfranzösische Küstenstadt. Auch dieses Jahr fand das angesehene Festival statt, die Jury unter der Leitung von Ethan und Joel Coen sichtete 19 Spielfilme, die um die begehrte Goldene Palme konkurrierten. Gewonnen hat sie letztlich „Dämonen und Wunder“, ein französisches Flüchtlingsdrama von Jacques Audiard. Doch schnell wurden auch Gegenstimmen laut, die der Jury vorwarfen „Dheepan“ (so der Originaltitel) lediglich wegen seiner politischen Aussage, nicht aber wegen filmischen Qualitäten ausgezeichnet zu haben. Es ist daher überraschend, dass der Film weit weniger politisch, dafür aber sehr menschlich ausgefallen ist.

Das filmische Konzept hinter „Dheepan“ ist höchst interessant. So spaltet sich der Film in zwei ungefähr gleich lange Teile, die sehr unterschiedlich daherkommen. Während die erste Hälfte eine sehr ruhige, fast schon dokumentarische Bestandsaufnahme einer Flüchtlingsfamilie in Frankreich darstellt, entwickelt sich der Film in Hälfte zwei zusehends zu einem plotgetriebenen Genrestreifen. Was sich zu Beginn noch sehr vielversprechend anhört, funktioniert im fertigen Film dann leider deutlich schlechter als geplant. Zwar ist es durchaus beabsichtigt, dass sich die Handlung gegen Schluss auf eine sehr übertriebene Art zuspitzt, trotzdem wirkt vieles dadurch zu gewollt dramatisch und verwässert die bisherige Wirkung des Streifens. „Dheepan“ versucht die Sympathien, die man in der ersten Hälfte für die Charaktere aufbaut, zu nutzen um den Zuschauer in einer rasanten Endsequenz zu schocken, scheitert dabei aber an seiner eigenen überzogenen Darstellung. Gerade dem Finale merkt man seine Künstlichkeit stark an, womit der Film seine geplante Wirkung auch weit verfehlt. Das ist schade, denn die erste Hälfte weiß vor allem auf einer emotionalen Ebene zu überzeugen. Die Geschichte über die Probleme von Flüchtlingen ist universell verständlich und schafft es seine Zuschauer dadurch mitzureißen und zu fesseln.

Herzstück des Films ist dabei ganz klar Dheepan. Der titelgebende Protagonist wird, ebenso wie die anderen Charaktere, von einem Laienschauspieler verkörpert, der seine Rolle aber sehr überzeugend spielt. Das liegt wohl auch daran, dass der Hauptdarsteller selbst als Flüchtling nach Frankreich kam und die behandelten Probleme am eigenen Leib erfahren hat. Das beginnt bei der allgegenwärtigen Sprachbarriere, die dem Zuschauer immer wieder schmerzhaft vor Augen führt, dass die fehlende Kommunikation nicht am Willen, sondern schlichtweg an den Fähigkeiten scheitert. Lächeln und nicken, auch wenn man den Gegenüber nicht versteht, denn schließlich will man einen guten Eindruck hinterlassen. Dazu kommen kulturelle Unterschiede, die nur sehr schwerlich überschritten werden können. Auch hier macht der Film mit vielen kleinen Beispielen deutlich, dass oftmals nicht Widerwille, sondern Unverständnis der Grund für eine erschwerte Integration darstellt. „Dheepan“ schafft es vor allem in der ersten Hälfte viele Momente zu kreieren, die trotz ihrer schlichten Präsentation eine emotionale Intensität erzeugen, der man sich nur schwer entziehen kann. In ihrer Darbietung zutiefst menschlich verleihen diese Momente dem Film eine ehrliche und universell verständliche Aussage, die nie in simple politische Parolen abdriftet, sondern durch ihre Charaktere herrlich bodenständig (zumindest in der ersten Hälfte) bleibt.

„Dheepan“ ist letzten Endes wohl aufgrund seiner starken ersten Hälfte ein verdienter Gewinner der goldenen Palme. Leider schafft es die fiktive zweite Hälfte, die laut Aussage des Regisseurs eine mögliche logische Konsequenz der an realen Geschehnissen angelehnten ersten Hälfte darstellt, nicht an den gelungenen Start anzuknüpfen und scheitert an ihrer überzogenen Handlung. Dennoch muss man den Film dafür loben, wie er die brandaktuelle Flüchtlingsthematik anpackt. Er ist eben keine politische Bestandsaufnahme, sondern ein menschliches Charakterdrama, das nie auf simple Meinungsmache aus ist.