Kritik: Deadpool (CA, USA 2016)

Deadpool

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Surprise, this is a different kind of superhero story.

Ich glaube, wenn wir irgendwann auf das Filmjahr 2016 zurückblicken, werden wir es vielleicht als Zäsur im Blockbusterkino begreifen. „Fant4stic Four“ hatte im Sommer zuvor versucht die Konventionen des Superhelden-Films, die uns über ein Jahrzehnt zur Erfolgsformel gereift waren, zumindest behutsam gegen den Strich zu bürsten. Unglücklicherweise standen fachliche Mängel und die labile Persönlichkeit von Regisseur Josh Trank einem Erfolg dieses Experiments ebenso im Weg wie die mangelnde Bereitsschaft von Publikum und Studio sich auf einen 90-Minuten-Langweiler einzulassen, der wenigstens wagte sich dem Genre über einen Cronenberg’esken Zugriff zu nähern. Die Erfolge von „Avengers 2“ und „Ant-Man“ hingegen sollten beweisen, dass leichte Variationen der Formel dem Zuschauer Herausforderung genug waren. 2016 nun sollte mit „Batman v Superman: Dawn of Justice“, dem großangelegten Launch des DC Cinematic Universe Warner den Versuch starten, Disney-Marvel über den Zaun zu fressen. Und gleichzeitig würde mit „Suicide Squad“ erstmals der Fokus auf die weniger heroischen Charaktere des Genres gelegt werden. „Deadpool“ von Regienovize Tim Miller hingegen basiert auf einer Figur, deren gesamte Existenzsberechtigung ein Insiderwitz ist. Folgerichtig dürfte man erwarten, dass der gesamte Tropenschatz von Comic-Verfilmungen verdreht, humorvoll und blutig durch den Kakao gezogen wird, was möglicherweise zu einer reinigenden Selbsterneuerung des Genres führen könnte. Dürfte man. Stattdessen wird dem Zuschauer aber leider größtenteils stumpfsinniger Pennälerhumor um die Ohren gehauen.

Mit seinem für Hollywoodverhältnisse moderaten Etat und dem spürbaren Enthusiasmus aller Beteiligten erinnert „Deadpool“ dabei mehr an ein Fan-Projekt als etwas, das im gleichen Kosmos existiert wie die Großprojekte der „X-Men“-Reihe. Dieser beinah dilletantische Charme vermag den Film jedoch nicht über den starken ersten Akt hinaus zu tragen. Wobei dieser ohnehin zu großen Teilen Szenen aufarbeitet, welche wir aus dem 2014 lancierten „Testmaterial“ kennen. Danach verliert „Deadpool“ spürbar an Tempo und die Schwächen des Konzepts werden deutlich. Als größter Knackpunkt stellt sich dabei meiner Meinung nach ganz klar der Humor heraus. Ich bin diesbezüglich der Meinung, dass es in den Medien zwei große Missverständnisse gibt, die da lauten: „Randomness = Comedy“ und „Foul language = Comedy“. Und dieser Sünden macht sich „Deadpool“ leider schwerwiegend schuldig. Dabei wird gerade der sprachliche Aspekt derart übersteigert, dass es fast unangenehm ist. Der Grund für die künstlerische Freiheit, die ein R-Rating bietet, ist, dass ein Film die Sprache seiner Zielgruppe wiedergeben kann. Menschen fluchen, das gehört zur Alltagssprache. Aber Menschen setzen sich nicht andauernd gegenseitig kindischsten Beleidigungen aus, wenn sie über alltägliche Dinge sprechen. Zumindest nicht über dem Alter von 16. Und so stößt die Sprache von „Deadpool“ merkwürdig gespreizt und unnatürlich auf. Ein Problem, das durch die deutsche Synchro leider nur verstärkt wird (wer zum Teufel sagt bitte noch „Honk“? Hat überhaupt schon mal jemand „Pissnase“ gesagt?). Ebenso sind die popkulturellen Verweise teils überaus merkwürdig. Ein Verweis auf die 90er-Jahre-One-Hit-Wonder-Band Spin Doctors hängt derart zusammenhangslos im Raum, dass er gefährlich nach Humor der Marke Seth McFarlane („Ted“) riecht. In einem Satz: „Deadpool“ ist ein Film, der denkt, dass Untertitel in Comic Sans verfickt lustig sind, du Schwanzlutscher.

Doch leider sind das nicht alle Schwächen, mit denen der Film zu kämpfen hat. Da wäre auch die Hauptfigur selbst. Wade Wilson, aka. Deadpool ist als Nervensäge angelegt, das erklären uns sogar die Opening Credits. Allerdings fällt es schwer in einem unerträglichen Großmaul, das fast ausschließlich in flotten One-Linern kommuniziert, Identifikationspotenzial zu entdecken. Der Versuch, Wade dadurch sympathischer zu machen, dass er als Ex-Elitesoldat und Söldner nun nur Leuten das Leben schwer macht, die es auch verdient haben, ist dabei mit Sicherheit dem Studio anzulasten, wodurch er aber nicht weniger lächerlich wird. Deadpool taugt ebensowenig als Held wie als Antiheld, denn während erster durch seine bspw. moralische Überlegenheit die Sympathie des Publikums gewinnt, sind es beim Antihelden eben die Schwächen, die ihn attraktiv machen. Hat Wade Wilson sichtbare Schwächen? Allenfalls seine Entstellung in Folge seiner Gentherapie würde mir in den Sinn kommen. Da diese aber dazu führt, dass er der Liebe seines Lebens nicht mehr unter die Augen treten kann, weil er nicht mehr hübsch genug ist, macht Wade Wilson eher unsympathischer als alles andere. Hier hätte das Drehbuch von Rhett Reese und Paul Wernick einen durchaus interessanten Diskurs über (männliche) Körperlichkeit und Geschlechterrollen (in Comic-Verfilmungen) aufmachen können. Aber wozu, wenn man in der gleichen Zeit doch neun Schwanzwitze anbringen kann? All dies kann niemand Ryan Reynolds anlasten, dessen Eifer für das Projekt „Deadpool“ niemand in Frage stellen will. Elf Jahre hat der Enddreißiger an der Realisierung seines Herzensprojektes gearbeitet und man nimmt ihm ab, dass er sowohl vor als auch hinter der Kamera (als Ausführender Produzent) zu 100% dahinter steht. Wer sich fast über die gesamte Laufzeit eines Films in einen hautengen Anzug zwängt und dem neben seiner Stimme stärksten Werkzeug, seiner Mimik, beraubt ist, dem kann man keinen mangelnden Einsatz vorwerfen. Allein, es fehlt Reynolds vielleicht der kritische Abstand, um „Deadpool“ objektiv bewerten zu können, denn der Film funktioniert einfach nicht. Zumindest nicht als Gamechanger, als den ich ihn gerne gesehen hätte. Denn einiges machen Miller, Reynolds und Co. ja auch richtig. Die Actionsequenzen sind in weiten Teilen ansehnlich und gut geschnitten. Der Auftakt wie gesagt rasant, die Rückblendenstruktur erlaubt es dem Zuschauer gleich in die Action einzusteigen. Was allerdings nur heißt, dass die obligatorische Origin Story eben etwas später erzählt wird. Eigentlich sollte sich ein Film wie „Deadpool“ als Meta-Ereignis nicht mal auf dem gleichen Spielfeld mit Streifen wie „Ant-Man“ befinden, aber tatsächlich lässt er sich von eben diesen konventionellen Helden zu oft den Schneid abkaufen.

Fazit: „Deadpool“ ist als Comic-Verfilmung das, was ein Sechsjähriger beim Versuch einen Kuchen zu backen wäre. Prinzipiell weiß er vielleicht, was hineingehört, aber nicht in welchen Maßen und Dosierungen.