Kritik: Der Nachtmahr (DE 2015)

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© Koch Media

„Gott würfelt nicht.“

Es gehört inzwischen zum guten Ton, dem deutschen Kino jeden Anspruch auf eine horizontsprengende Vision abzuerkennen, da sich die hiesige Filmkultur – angeblich – nur über zwei despektierliche Elemente zu artikulieren weiß: Das der Didaktik und das der Biederkeit. Der erhobene Zeigefinger darf also nicht fehlen, so die Unkenrufe, und nur selten scheinen Regisseure heutzutage noch in der Lage, eine von Leidenschaft angeheizte Erzählung abseits der langwährenden Norm zu justieren. Dass derlei Urteile vollkommener Nonsense sind und weniger über das deutsche Kino an sich als über die Person, die jene Diffamierungen bemühte, aussagt, versteht sich von allein – gerade wenn man sich einmal zu Gemüte führt, mit welcher stürmischen Lust am Schöpfen der teutonische Markt in den letzten Jahren von sich reden machen konnte: Tore tanzt, Victoria und Toni Erdmann sind nur einige Beispiele dafür.

Der Nachtmahr Akiz, bürgerlich Achim Bornhak, darf sich nun ebenfalls in diese Reihe privilegierter Hoffnungsträger gesellen und sich als ein weiteres Aushängeschild im ekstatischen Taumel des neuen, deutschen Kinos sehen. Es benötigt jedenfalls einen nicht unerheblichen Konsum bewusstseinserweiternder Substanzen, um einen derartigen Trip zu halluzinieren, wie ihn Akiz in seinem, nach Das wilde Leben, zweiten Kinofilm auf die Leinwände der Bundesrepublik zu bannen verstand. Zuerst nämlich sind da nur elektronische Salven, die durch den diegetischen Raum bersten: Der berstende Bass lässt den Fußboden vibrieren, Technobeats chiffrieren den Alltag zum hemmungslosen Wunderland, während sich das glänzende, blitzende, funkelnde, zuckende und flackernde Neonlicht im Stakkato dafür verantwortlich zeigt, die Wahrnehmung (sowohl die unsere, als auch die der feierwütigen Meute im Zentrum des Geschehens) gnadenlos zu fragmentieren.

Man merkt dem Duktus von Der Nachtmahr sehr schnell an, dass Akiz eine klare Marschroute auf der Agenda stehen hatte: Er wollte weg vom Akademischen, vom Intellektuellen, vom Theoretischen und das Kino wieder zurück zur Erlebniswelt führen, in der man als Zuschauer eben in erster Linie über sensorische Wege stimuliert wird. Und keine Frage: In seinen zügellosesten Momenten gleicht Der Nachtmahr einem (Weitwinkel-)Sinnesrausch von subkutaner Heftigkeit. Akiz, der bereits zweimal für den Studentenoscar nominiert wurde, vollbringt es, trotz (oder gerade wegen) der gewollten Leerstellen in seinem Narrativ, einen organischen harmonischen Übergang zwischen dem realen, psychologischen Drama um Protagonistin Tina (Carolyn Genzkow, Frühling zu zweit) und dem fiebrigen Horror aus beängstigenden Traumbildern und spekulativen Wahnvorstellungen herzustellen. Die Grenzen zwischen diesen beiden tonalen Gebieten verwischen, wie die Wahrheit über Realität und Einbildung.

Akiz vermag es indes, seine Interpretation und Deutung der Dinge für sich zu behalten, ohne sich und sein Werk im Folgenden vor dem Zuschauer gänzlich zu verschließen – die Ansätze zur Leseart und Auslegung bleiben bestehen, Akiz aber geht zu keiner Zeit mit diesen hausieren, weil er immensen Wert auf die unvoreingenommene Erfahrung des Einzelnen legt. Kein Wunder, dass man sich bei der Sichtung von Der Nachtmahr, nicht zuletzt durch die pulsierende Formalästhetik, oftmals so fühlt, als würde man einen wirklichkeitsentrückten Klartraum durchleben und, so wie der vorerst ungebetene Alb, zwischen den Welten umherstreifen. Dieser graue Kobold, eine Mischung aus Frühchen und Greis, wird zu Tinas Gefährten und forciert im Verlauf der Zweisamkeit eine Begegnung mit ihrer selbst. So angenehm sich Akiz also auch abseits der Vernunft bewegen mag, im Kern ist auch Der Nachtmahr ein Film über den (adoleszenten) Kampf um die Akzeptanz seiner selbst.

Der Nachtmahr ist ab dem 27. Oktober auf Blu-ray und DVD erhältlich.