Kritik: Desierto – Tödliche Hetzjagd (FR/MX 2015)

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© Ascot Elite

Welcome to the land of the free.

Zuerst ist da nur trügerische Schwärze; keine Hoffnung, nur Leere. In dem Moment aber, in dem sich die Morgensonne zentral über den Bergkuppen des amerikanisch-mexikanischen Grenzlandes erhebt und ihre durchwärmenden Strahlen dem Zuschauer ein rurales Tal eröffnen, spricht Desierto – Tödliche Hetzjagd von einer reellen Möglichkeit. Einer Möglichkeit, die eine neue Existenzgrundlage bereithält. Und während das Licht die Dunkelheit langsam durchbricht, treffen wir auf eine Gruppe Migranten, darunter auch Moises (Gael García Bernal, The Limits of Control), die vom Laderaum eines Transporters leise vom Leben in den Vereinigten Staaten träumen dürfen. Parallel dazu wird Sam (Jeffrey Dean Morgan, The Losers) vorgestellt, ein mit Whiskeyflasche und Präzisionsgewehr ausgestatteter Redneck, der sich mit seinem Bluthund auf die Jagd nach illegalen Einwanderer macht.

Natürlich müssen sich ihre Lebenslinien überschneiden, denn Jonás Cuarón, Sohn des Oscar-prämierten Filmemachers Alfonso Cuarón (Gravity), möchte in seinem Spielfilmdebüt nicht nur Persönlichkeitsstrukturen respektive Ideologien aus der Distanz gegenüberstellen, er möchte sie auch als überdeutliche Antipoden in Form einer temporeichen Hetzjagd durch die Sonora-Wüste interagieren lassen. Die zeitnahen Bezüge, die Desierto – Tödliche Hetzjagd inne trägt, erklären sich dabei natürlich von allein: Täglich versuchen Menschen aus Mexiko zu fliehen, um in Amerika Fuß zu fassen; immer wieder werden die Medien von Nachrichten eingeholt, in denen von tödlichen Schüssen der United States Border Patrol berichtet wird, während die (mögliche) Regierungsadministration eines Donald Trump drastische Maßnahmen dahingehend verspricht, wie unter seiner Führung gegen Migranten vorgegangen wird.

Desierto – Tödliche Hetzjagd weiß um seine in der Thematik eingeschriebene Tagesaktualität, aber er bemüht respektive akzentuiert sie nicht. Jonás Cuarón baut auf einen erzählerischen Minimalismus, kennt im Prinzip nur den Jäger und die Gejagten, und schöpft seine Kraft durchweg aus der Tiefe des Bildes. Ohne Zweifel, die visuellen Kompositionen des zuweilen gar irreal erscheinenden Wüstenpanoramas sind schlicht atemberaubend in ihrer Bildgewalt: Die sengende Hitze, die hindernisreichen Kakteenfelder, die spröden Kalksteinareale, durch die Menage der Impressionen einer unwirtlichen Umgebung scheint Desierto – Tödliche Hetzjagd oftmals mehr Bedrohung anzuwandeln, als im Aufeinandertreffen von Moises, dem gewissenhaften Flüchtling mit ausgeprägtem Sinn für die Moralität, und Sam, dem martialischen Nationalisten, der seine Profession im Handwerk des selbsternannten Grenzwächters gefunden hat.

Ungefähr nach der Hälfte der Laufzeit, beschleicht den Zuschauer das Gefühl, dass Desierto – Tödliche Hetzjagd sein adrenalingeladenes Pulver bereits verschossen hat. Den Grund dafür, bilden die zu simplistisch konturierten Charaktere: Nie scheint Moises ernsthaft in Gefahr zu stehen, obgleich Kugel um Kugel in das Gestein um ihn herum einschlägt. Sein Bestehen steht außer Zweifel, was folgerichtig sowohl die Spannungskurve als auch die emotionale Fallhöhe von Desierto – Tödliche Hetzjagd merklich verwässert. Mit Sicherheit war es kein schlechter Weg von Jonás Cuarón, seinen Film zu keiner Zeit als Politikum, sondern vorwiegend als einen vom mechanischen Soundtrack getriebenen Genre-Flic zu begreifen. Die figurenbezogene Grundierung jedoch fehlt, um der feurigen Exploitation im Kern gerecht zu werden und dem augenscheinlichen High-Concept-Survival-Horror die nötige Strahlkraft einzuverleiben.

Desierto – Tödliche Hetzjagd ist ab dem 21. Oktober auf Blu-ray und DVD erhältlich.