Kritik: Die Kommune (DK, SE, NL 2016)

kommune

Wenn ihr die Zeitung lest,seht ihr, dass die Liebe überall auf der Welt schwindet. Eine neue und interessante Zeit bricht an.

Einen Großteil seiner Jugend verbrachte der dänische Filmemacher Thomas Vinterberg in einer Wohngruppe, so gesehen ideale Voraussetzungen für seinen neusten Film Die Kommune, der auf der diesjährigen Berlinale lief.

Die Geschichte ist zur Glanzzeit des kommunen Lebenssystem angesiedelt: Die 1970er Jahre. Architekt und Hochschuldozent Erik (Ulrich Thomsen) erbt ein großräumiges Haus mitsamt Grundstück. Eigentlich wollen er und seine Frau, die Nachrichtensprecherin Anna (Trine Dyrholm), dieses verkaufen, doch sie entscheiden sich um. Gemeinsam mit ihrer Teenager-Tochter Freya (Martha Sofie Wallstrom Hansen) eröffnen sie dort, mit einigen Bekannten, eine Kommune.

So ein soziales Ökosystem bringt genug Potenzial mit, um damit gleich mehrere Geschichte zu füllen und Vinterberg stopft vor allem die erste Hälfte seiner tragikomischen Abhandlung voll mit diversen Randereignissen und Figurenzeichnungen, so lange bis der narrative Kessel voll ist. Doch bis Die Kommune endlich ihr zentrales Thema gefunden und eine Entscheidung gefällt hat, welche anderen es dafür aufgibt, oder noch etwas mehr im Schatten verschwinden lässt, hat der Film ordentlich an Puste verloren.

Dabei gelingen Vinterberg immer mal wieder amüsante, berührende oder ganz und gar skurrile Momentaufnahmen, die die Lebendigkeit einer Kommune unterstreichen, aber auch deren Negativismen nicht außen vor lassen. Das wird schon bei den Vorstellungsgesprächen für die Aufnahme in die Gemeinschaft deutlich. Plötzlich wird aus dem freiheitsliebenden Konzept eine Suche nach der Bestätigung eigener Wünsche und Vorstellungen. Wer in die Kommune will, sollte so sein wie die anderen Mitglieder. Wer etwa wie der Immigrant Alon (Fares Fares) arbeitslos ist, wird von Kommunenchef Erik mit Tiraden drangsaliert.

Diese Szene ist vielleicht eine der stärksten des gesamten Films, denn sie eröffnet Möglichkeiten. Der zu Beginn so liebenswerte Erik präsentiert erstmals seinen Drang/Hang zur Bestimmung, während seine Mitbewohner die Situation mit Worthülsen versuchen aufklären. Der gutherzige Erik zeigt hier erstmals die Fratze eines bockigen Despoten. Eine Fratze, die Vinterberg der Figur aber nicht vollends zuspricht. Der Regisseur solcher Meisterwerke wie Die Jagd und vor allem Das Fest manifestiert viel mehr eine durchaus wohltuende wie spannende Ambivalenz.

Diese bricht erst richtig heraus, nach dem Erik mit einer Studentin, der hübschen Emma (Helene Reingarrd Neumann) eine Affäre beginnt und im Echo der sexuellen Revolution dem Irrglauben erliegt, er könnte seine Geliebte mit in die Kommune nehmen. Selbst seine Frau Anna hält das für eine gute Idee und zerbricht schließlich daran, muss sich aber dem patriarchischen System unterordnen, solange bis die Destruktion so weit vorangeschritten ist, dass nur noch einen Notbremsung in Frage kommt.
Wenn es soweit ist prahlt Die Kommune mit großen Gefühlen:

Es wird getobt und geschrienen, geweint und verzweifelt. Dabei verkommt das System der Gemeinschaft aber zur bloßen Staffage und wirklich trauen eine Aussage über den Lebensentwurf einer Kommune zu treffen, traut sich Vinterberg auch nicht. Er steht zwischen den Stühlen. Das generiert zwar durchaus interessante wie auch vielfältige Ansätze, letztlich wirkt seine Beobachtung aber etwas zu teilnahmslos, auch wenn die Darsteller überzeugen. Vor allem Trine Dyrholm, die auf der Berlinale für ihre Leistung mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde.

Mit Die Kommune behandelt Vinterberg wieder das Gefälle zwischen Patriarch und Menschlichkeit, aber auch zwischen gesellschaftlichen Wunschvorstellungen und egoistischen Wahrheiten. Entdecken tut er dabei wenig Neues und so bleibt sein neuster Spielfilm, trotz allerlei Vielschichtigkeit, doch nur ein Sturm im Wasserglas.