Kritik: Doctor Strange (USA 2016)

© Marvel Studios

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This isn’t Medicine. This is Mania.

Kevin Feige, sozusagen der Chef der Marvel Studios, hält die Zügel fest in der Hand. Warum auch nicht, denn aus wirtschaftlicher Sicht hat sich das noch recht junge Filmstudio bislang keinen Fauxpas geleistet. Jeder Film erweist sich an den internationalen Kinokassen als Erfolg, so dass der Produzent sich nun auch traute riskante Marvel-Helden auf die Leinwand zu bringen. Riskant in der Hinsicht, dass sie neue Welten ins cineastische Universum des Konzerns einfügen. Kannten wir bislang die Welt von Captain America und Iron Man, kam später mit den Guardians of the Galaxy auch eine Sci-Fi-Ebene hinzu, die nun mit der Welt der Magie in Doctor Strange erweitert wird.

Doch viel Neues fügt das Reich der Magie nicht ins Marvel Cinematic Universe ein. Das Erfolgsrezept, die mittlerweile verlässlichen wie aber mehrfach aufgewärmten sowie durchgekaute Ingredienzien, bleiben auch hier bestehen. Das ist wenig zauberhaft, wenn auch nicht ohne Schauwerte und Glanz, bleibt aber knietief im Morast der Gleichgültigkeit hängen. Aber von vorne.

Doctor Strange muss seinem Publikum einiges erklären, immerhin gibt es neue Figuren, Welten und Situationen, die der (im besten Falle) zahlende Kundschaft näher bringen, aber eben auch darlegen muss. Wie Regisseur und Co-Autor Scott Derrickson (Sinister) dies angeht, lässt sich wohl am besten als Expositionsepigone des ersten Iron Man-Films von Regisseur Jon Favreau (The Jungle Book) aus dem Jahre 2008 beschreiben, der einst und überraschend die Erfolgsgeschichte des Marvel Cinematic Universe begann. Held Stephen Strange (Benedict Cumberbatch)  ist ein arrogantes aber dennoch nicht unliebenswürdiges Genie, welches nach einem Schicksalsschlag einen neuen Weg für sich entdeckt. Das endet schließlich darin, dass der Neurochirurg zum Magier wird und sich aufmacht, unsere und andere Welten vor bösen Widersachern zu bewahren.

Auftritt Mads Mikkelsen. Der dänische Schauspieler, der in Hollywood aktuell fast so gefragt ist wie Strange-Darsteller Cumberbatch, darf als machtgeiler Zauberer die Tradition der cineastischen Marvel-Fieslinge fortführen. Anders ausgedrückt: Auch dieser Bösewicht ist elendig blass und selbst wenn er für seine Taten eine Motivation hat (Unsterblichkeit), so wird diese doch viel zu halbherzig in die Handlung implantiert. Letztlich geht es wieder nur darum, dass sich Gut und Böse am Ende zum finalen Duell gegenüber stehen und die Schauwerte brachial aufeinander prallen.

Von diesen gibt es hier tatsächlich viele. Wenn die Zauberer die Dimensionen wechseln, gigantische Objekte wie Häuser und Straßenschluchten in geometrischen Wahnwitz hinübergleiten oder die Körper wild tosend im Schnellflug durch die Welten sausen. Das ist farbenprächtig, teils berauschend konfus und sieht vor allem auf der großen Leinwand blendend aus. Allerdings ermüdet dieses effektreiche Schaulaufen auch  schnell und hat die unschönen Allüren alles andere zu überdecken.

Die Effekte von Doctor Strange sind ähnlich wie der Hauptdarsteller ein Statussymbol, welches die Marvel-Produktion  stolz vor sich her trägt, damit aber alles andere im Dunstkreis niederdrückt und genau wie bei den zig Dimensionen wäre es auch bei den Figuren wünschenswert, wenn sie etwas mehr Fokus abbekämen. Was der Film z.B. aus Rachel McAdams macht ist wirklich ärgerlich, da dass Narrative zu keinem Zeitpunkt wirklich den Grund durchzusetzen vermag, warum ihre Rolle für die Geschichte notwendig ist.

Notwendig für die Geschichte aber irgendwie befremdlich wirkt hingegen Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton. Diese darf als The Ancient One die Lehrmeisterin des Doktors werden. In den Comics ist dies ein alter Asiat, was zum Tonus durchaus gut passt. Nein, dass soll keine erneute Divergenz-Debatte auslösen. Es geht bei der Kritik von Swintons Rolle, bzw. ihrer Besetzung um etwas viel gehaltloseres: Ihre Figur hat einige Actionsequenzen, in der die Darstellerin aber meist nur verdeckt zu sehen ist. Das erweckt bereits in ihrer ersten Szenen den Eindruck, dass bei Doctor Strange viel getrickst wird, aber eben ohne Magie. Jedes Mal wenn Swinton aus ihrer Weisen-Haltung ausbricht und es zu magischen Schlagabtäuschen kommt, wirkt dies seltsam befremdlich. Es stört die Immersion des Films, auch wenn er sich davon stets erholt. Dennoch sei die Frage gestattet, ob es vielleicht nicht die bessere Wahl gewesen wäre entweder eine andere Darstellerin zu besetzen, oder wie in den Comics auf die Vertrautheit alter Asiaten zu  vertrauen.

Jedoch gibt es bei Doctor Strange durchaus auch actionreiche Szenen die überzeugen: Cumberbatchs Kampf gegen Mikkelsen Gesellen im Mittelteil des Films, allen voran den britischen Darsteller Scott Adkins – der im Direct-to-DVD-Bereich sich einen Namen gemacht hat und richtig eingesetzt durchaus über die notwendige Ausstrahlung für eine Kinokarriere verfügt -, liefert sich mit dem Doctor einen ansprechenden Schlagabtausch mit unsichtbaren Klingen und einem eigenwilligen Mantel, der  als eine Art schweigsamer  Sidekick gewiss für die humoristischen Höhepunkte in dem Blockbuster verantwortlich ist.

Leider kein Höhepunkt bei Doctor Strange ist sein anti-kinematischer Look. Joss Whedon brachte es kürzlich gut auf den Punkt, als der Regisseur von Marvel’s The Avengers und Avengers: Age of Ultron zugab, dass bei der Konkurrenz von Warner und DC Comics vieles nicht reibungslos verläuft, sie aber definitiv den besseren Look haben. Treffer! Zu keiner Zeit stellt sich ein visuelles Gefühl ein. Das Gezeigte erinnert optisch mehr an ein Videospiel, als an großes, opulentes Kino. Die gewitzten Spielereien mit Formen  und Strukturen sind zwar klares und reines Eye Candy, aber abseits davon liegt die Faszination der Bilder brach. Das ist kein neues Problem der Marvel-Filme, aber gerade bei Doctor Strange, wo sich das Visuelle so penetrant anbietet, wie ein Streber der im Unterricht unbedingt vom Lehrer dran genommen werden will, sticht es besonders hervor.

Trotz all seiner Zipperlein und Mängel, die Marvel-Formel funktioniert auch hier wieder im Grunde gut genug, um sich auf das nächste Unterhaltungs-Vehikel des Studios (in diesem Falle Guardians of the Galaxy Vol. 2) zu freuen. Denn Stärken sind deutlich sichtbar und springen einem während des Films freudig ins Auge, nur festhalten lassen sie sich noch nicht. Daraus ergibt sich schließlich Gleichgültigkeit – rational und ohne Hokuspokus. Doctor Strange ist ein großer, lauter, bunter Knall mit bekannten Namen und viel Getöse – aber noch ohne echte Kinomagie. Wenn man bedenkt das Wes Craven (A Nightmare on Elm Street) einst vor hatte aus dem Comic- einen Filmhelden zu machen, stimmt einen das jetzige Endergebnis fast ein wenig missmutig.

Der Film startet am 27. Oktober 2016 in den deutschen Kinos.