Kritik: Ein Hologramm für den König (D, USA 2016)

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I’ve lost direction, I think.

Tom Tykwer hat für sein jüngstes Projekt in der Romanvorlage „Ein Hologramm für den König“, geschrieben vom derzeitigen In-Autor Dave Eggers, einen Stoff gewählt, der sich konsequent einer konventionellen Handlung und somit eigentlich auch einer Verfilmung verweigert. Die Geschichte eines amerikanischen Geschäftsmannes, der nach Saudi-Arabien reist, um dort den Deal seines Lebens zu verhandeln, hätte ja durchaus genügend Hollywood-Potential. Doch Eggers schlägt, wie man es bereits von ihm gewohnt ist, eine andere Route ein und zieht seinen Helden durch eine Reihe an demütigenden Begegnungen und Missgeschicken. Getrieben von Selbsthass und gebeutelt von Angst und Sorge, erweist sich dieser Held in seiner Rolle als vermeintlicher Botschafter des Westens, der Bodenständigkeit inmitten von religiösen Widersprüchen und seltsamen Ritualen, als völlig ungeeignet. Wie also könnte man diese zynische Vorlage – eine Art Anti-Eat-Pray-Love für Männer mittleren Alters – gut als Film umsetzen? Mit Tom Hanks, dem wohl sympathischsten Schauspieler weltweit, in der Hauptrolle ganz bestimmt nicht.

Der Geschäftsmann Alan Clay (Tom Hanks) reist als Vertreter einer großen IT-Firma nach Saudi Arabien, um dort in der neu-entstehenden KAEC (King Abdullah’s Economic City) Metropole einen großen Vertrag mit dem König zu sichern. An dem Erfolg der Präsentation, bei der Alan dem König die neue Hologramm-Technologie seiner Firma präsentieren soll, hängt jedoch einiges: In den Staaten trieb Alan vor wenigen Jahren erst einen beliebten Fahrradhersteller in den Bankrott, wurde von seiner Frau verlassen, muss sein Haus verkaufen und kann die College-Gebühren seiner Tochter nicht finanzieren. Dieser IT-Deal wäre, so redet Alan sich das zumindest ein, die Lösung zu all seinen Probleme.

Natürlich läuft alles nicht so ab, wie es Alan sich und seinem neuen Chef versprochen hat. Sobald er auf arabischen Boden landet, betritt der Amerikaner ein Land voller Widersprüche und Kuriositäten. In diesen Momenten des Kulturschocks ist der Film mit seiner Vorlage im Einklang. Ein besonders wirkungsstarkes Bild: Männern in weißen Thawb-Gewändern, die stumm im Raum stehen und auf ihre Smartphones starren. Alan wird, nachdem er den Shuttle-Bus des Hotels verschläft, von Taxifahrer Yousef (Alexander Black) herumgefahren und in die Kultur des Landes eingeweiht. Seine Immersion in das Fremdartige vollzieht Alan dann schließlich mit dem Beginn einer Liebesaffäre mit seiner saudischen Ärztin (Sarita Choudhury). Diese Szenen werden von Tykwer als Teil einer Selbstfindungsreise inszeniert, in der Hanks‘ Figur sein Glück abseits von geschäftlichen Erfolgen und Misserfolgen findet. Das sorgt im Großen und Ganzen für ein recht schönes Happy End, doch stört es merkbar die thematische Harmonie zwischen Film und Vorlage.

Der Film glänzt in den Szenen, die sich eher an den Zynismus und die Melancholie des Buches halten. So muss Alan beispielsweise seine Verzweiflung und Ratlosigkeit vor seinen jungen Mitarbeitern verbergen und gute Miene zum verwirrenden Spiel machen. Er irrt zwischen dem Zelt, in dem sein Team die Präsentation für den König vorbereitet, und dem einsam-dastehenden Bürogebäude der Stadtplanung hin und her. Zwischen dem Zelt und dem Büro stehen nur vereinzelte Baustellen und sonst erstreckt sich nur die Wüste. Alan fühlt sich immer mehr zu dieser Zwischenwelt der unvollendeten Stadt hingezogen, vielleicht um seinen Verantwortungen im Zelt und im Büro zu entgehen. So verbringt er auch viel Zeit in seinem einsamen Hotelzimmer. Eggers kann in diesen Szenen gut mit den Gedanken Alans spielen, der hier die Maske des heiteren, ewig-plaudernden Geschäftsmannes herunter lässt und sich ganz seinen dunkelsten Ängsten widmet. Symbolisch für seine Welt, die in diesem Fegefeuer-Hotelzimmer völlig aus den Fugen gerät, steht eine seltsame Beule, die sich an Alans Nacken formt. Nachts tastet sich Alan, betäubt von illegalem Moonshine-Alkohol, an diesen Auswuchs heran.

Eggers füllt mit diesem Hotelzimmer, mit der Beule, dem Laptop und der Flasche Moonshine, viele, viele Seiten seines Buches. Es ist verständlich, dass Tykwer nach unterhaltsameren Bilder suchen musste und Alan in seinem neuen Umfeld, unterwegs mit seinen neuen Freunden und seiner faszinierenden Geliebten, zeigen wollte. Nur leider geht dadurch der Einblick in die ordinäre Tragik der Figur verloren, die für so viele Opfer der Bankenkrise stehen sollte. Stattdessen liefert Tykwer wider Erwarten einen Feel-Good-Film, der sich vor den Tiefen des ursprünglichen Stoffes scheut. Kinogängern, die das Buch nicht kennen, sollte das eigentlich nicht allzu viel ausmachen. Doch vielleicht ist manchen ja das Happy End doch auch etwas suspekt.