Kritik: Ewige Jugend (CH/FR/GB/IT 2015)

Ewige Jugend

© Medusa Film

In my age getting in shape is merely a waste of time.

Auf ein neues! Nachdem Italiens zurzeit künstlerisch erfolgreichster Regisseur Paolo Sorrentino vor vier Jahren mit Cheyenne – This Must Be the Place sein englischsprachiges Debüt gab, schien die filmische Rückkehr ins Heimatland nur verständlich. Der Erfolg blieb nicht aus. La Grande Bellezza – Die große Schönheit wurde auf Festivals gefeiert und heimste darüber hinaus auch noch den Oscar für den besten fremdsprachigen Film ein. Sorrentino-Liebling Toni Servillo spielte darin den erfolgsverwöhnten, wenn auch in die Jahre gekommenen Journalisten Jep Gambardella, der umgeben von der Dekadenz der römischen Oberschicht, versucht wieder einen Sinn in seinem Leben zu erkennen. Vielleicht hatte sich Sorrentino gedacht: Das kann ich nochmal. Zynisch betrachtet. Jedenfalls sind die Ähnlichkeiten zwischen La Grande Bellezza und Sorrentinos neuem Film Ewige Jugend äußerst frappierend, nur dass letzterer wieder einmal von englischsprachigen Schauspieler_innen bevölkert wird; und was für welchen.

Michael Caine spielt den in die Jahre gekommenen und erfolgsverwöhnten Komponisten Fred Ballinger, der die Lust an seiner Arbeit verloren hat und sich zunehmend hinter der Fassade des Ruhestands versteckt, während sein langjähriger Freund und Regisseur Mick Boyle (Harvey Keitel) ungebrochen seinem letzten großen Meisterwerk hinterherjagt. Dazu gesellen sich ein berühmter Schauspieler (Paul Dano), der sich auf eine Rolle vorbereitet, sowie Fußballgott Diego Maradona (Roly Serrano), der kaum noch einen Schritt wagt ohne sein Beatmungsgerät in Griffweite zu haben. Sie alle machen Urlaub in einem Schweizer Luxushotel, das durch seine isolierte Lage vor der monströsen Alpenkulisse wie die Enklave eines geheimen Zirkels anmutet, zu der nur wenige Zutritt haben. Zumindest die Größe des Portmonees sollte stimmen. Wie schon La Grande Bellezza schwelgt auch Ewige Jugend im Glanz der oberen Zehntausend, die natürlich auch ihre Probleme haben, so habe ich es zumindest gehört. Es sind in erster Linie Liebesprobleme und Sinnkrisen, denn wer sich keine Sorgen mehr ums Geld zu machen braucht, der ist auch nicht mehr ausreichend abgelenkt, nicht wahr? Als Eröffnungssong trällert die Liveband des Hotels deshalb schon mal gleich You’ve Got The Love von Florence + The Machine.

Die vielen musikalischen Einlagen geben Sorrentinos Film Struktur. Am Ende eines jeden Urlaubstags sitzen die Gäste im Hof, wo auf einer Drehbühne der nächste Liveact spielt. Dazwischen immer die gleichen Spaziergänge, Massagen und ärztlichen Untersuchungen. Man könnte all das auch als unglaublich gemütliches Gefängnis missverstehen. Zumindest erinnert es an ein ausgedehntes Remake des Marienbad-Kapitels aus Federico Fellinis Achteinhalb, den Sorrentino ohnehin nicht müde wird zu zitieren. Auch wenn es dem Setting geschuldet sein mag, kann sich Ewige Jugend nie gänzlich der Blase des Künstlichen entledigenden, die mit hölzernen Manierismen und auffallend vielen illustrativen Traumsequenzen gefüllt ist. Immer wieder müssen Träume das innere Drama der Figuren grobschlächtig bebildern oder Details auf vielsagende Dimensionen aufgebläht werden. Michael Caines neurotisches Knistern mit dem Bonbonpapier soll natürlich deutlich machen, dass die Musik in ihm noch lange nicht tot ist. Dafür reicht aber auch schon ein Blick in Caines Gesicht, wenn er einem Kind beim Spielen einer seiner Kompositionen zuhört. Sorrentino gibt sich damit nie zufrieden. Sein Regie-Regler steht ständig auf elf.

So einfach und klar, ehrlich und diskursiv wie Olivier Assayas dem künstlerischen Altern mit seinem letztjährigen Meisterstück Die Wolken von Sils Maria auf die Schliche gekommen war, darüber kann Sorrentino allenfalls eine Traumsequenz drehen. Die Schlichtheit und gleichzeitig sorgfältig gewählten Ellipsen gaben Assayas‘ Film erst den nötigen Resonanzraum, der groß genug war, um zu begreifen, dass es noch höhere Mächte gibt als Jugend und Ruhm. Sorrentinos Film ist dagegen zu abgeschottet, lässt kaum einen Gedanken rein oder raus. Ein geradezu absurd unmoderner Film, der sich mehr nach dem Museum als dem Kino sehnt, aber das Problem hatte auch schon der gefeierte La Grande Bellezza. Ewige Jugend entblößt sich dank seines semi-fiktionalen Rahmen nur noch mehr, wenn z.B. echte Promis (Paloma Faith) auf imitierte (Roly Serrano) und auf völlig frei erfundene Avatare des Regisseurs treffen, der einer unfassbar aufspielenden Jane Fonda gegen Ende des Films die entschuldigenden Worte in den Mund legt, dass Regisseure mit dem Alter sowieso immer schlechter werden. Ironie? So ein bisschen „jugendlicher“ Eifer dürfte schon nicht schaden, auch wenn Sorrentinos letzter guter Film Il Divo erst sieben Jahre zurückliegt. Auch in Ewige Jugend versteckt sich noch die Kraft von „damals“. An einer Stelle träumt -was sonst- Rachel Weisz von Popstar Paloma Faith, der neuen Freundin ihres Exmanns, in Form eines höllischen Musikvideos, in dem die Sängerin auf einem Sportwagen im Feuertaumel und Geschwindigkeitsrausch Dekolletee und Stimmbänder zum Schwingen bringt. Eine Sequenz, so überraschend und unfassbar, lustvoll und schön, dass ich das banale Vor- und Nachspiel fast vergessen habe. Ja, es ist noch nichts verloren, ganz egal wie alt man ist. Auf ein neues, aber bitte nicht nochmal das gleiche!