Kritik: Feinde – Hostiles (USA 2018)

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„Sometimes I envy the finality of death. The certainty. And I have to drive those thoughts away when I wake.“

Wenn Scott Cooper (Crazy Heart) seinen Film damit eröffnet, wie Rosalie Quaid (Rosamunde Pike, Gone Girl – Das perfekte Opfer) blutverschmiert und tränenunterlaufen mitansehen muss, wie ein Trupp Komantschen ihre Familie kaltblütig abschlachtet, dann hat das Methode. Jene Bilder stehen nicht für sich selbst, verweisen keinesfalls auf die reine Brutalität der Indianer, sondern einen den Zuschauer mit der eigentlichen Hauptfigur des Filmes, Captain Joseph J. Blocker (Christian Bale, The Dark Knight-Trilogie). Der nämlich hat aufgehört, die Jahre zu zählen, seitdem er sein Handwerk darauf versteht, Indianer auslöschen. Sein Hass allerdings ist nach all den Leichen, die er aufgetürmt hat, nicht abgeflacht. Im Gegenteil. Blocker hat gesehen, wozu die indianischen Völker imstande sind – und er kann die Gesichter seiner einstigen Weggefährten, die den amerikanischen Ureinwohner zum Opfer gefallen sind, einfach nicht vergessen.

Wir finden uns nun vor der Leinwand in einer ähnlichen Position wieder, wurden wir schließlich Zeuge davon, wie grölende Indianer selbst vor Kindern keinen Halt gemacht haben. Natürlich haben sie es verdient, dafür bestraft zu werden. Oder? Feinde – Hostiles begibt sich indes auf keinen Pfad der Vergeltung, sondern auf einen Pfad der Läuterung und des Bewusstseins. Die engmaschige, alttestamentarische Weltanschauung, mit der Blocker und seine Kameraden seit jeher durch die Weiten des Landes wüten, soll außer Kraft gesetzt werden. Ausgangspunkt dafür ist Blockers Auftrag, den Cheyenne-Ältesten Chief Yellow Hawk (Wes Studi, Heat) zum Sterben in das heilige Stammesgebiet Tal der Bären zu begleiten. Yellow Hawk hat seine Schuld beglichen, so sehen es die Vorgesetzten des sich gegen diese Pflicht sträubenden Blockers. Der nämlich weiß, wozu der an Krebs erkrankte Häuptling einst in der Lage war.

Ja, es mutet ein Stück weit konventionell an, dass auch Feinde – Hostiles nach der Maxime ‚Der Weg ist das Ziel‘ aufgebaut ist und einem bis zuletzt in seinem Hass verkapselten Charakter Aussicht auf Besserung und Veränderung stellt. Die Art und Weise, wie Regisseur Scott Cooper diese Geschichte jedoch in Szene gießt, ist nichts weiter als schlicht und ergreifend beeindruckend. Anstatt sich einer gewissen Melancholie zu bemächtigen, die das Ergebnis einer jahrzehntelangen Unterdrückung gnadenlos verklären würde, lässt Feinde – Hostiles seinen Figuren ihre Ambivalenzen. Allein der Umstand, dass Blocker die Indianer für eine Sache verdammt, für die er sich selbst unzählige Mal schuldig gemacht hat, offenbart nicht nur die innere Zerrissenheit der Akteure, sondern projiziert sich auch auf die gesamten Vereinigten Staaten. Auf eine Identität, die auf dem Blut von Millionen errichtet wurde.

Nicht umsonst empfängt Feinde – Hostiles den Zuschauer mit einem Zitat von D.H. Lawrence, welches besagt: „The essential American soul is hard, isolate, stoic, and a killer. It has never yet melted.“ Und mag die amerikanische Seele in ihren Grundzügen eine verrohte sein, womöglich aber besteht doch noch die Chance, eine Nation zu erschaffen, die sich – und das ist elementar für die Entwicklung einer moderne Gesellschaft – über ihre Verfehlungen im Klaren ist. Blocker ist dafür symbolisch für einen ganzen Kontinent heranzuziehen, weil an seinem Beispiel deutlich gemacht wird, dass selbst der verbohrtesten Barbarisierung der eigenen Persönlichkeit immer noch die Verfassung angeboten wird, durch entscheidende Impulse lebensumwälzende Prozesse einzugehen. Doch der Weg dorthin, der Weg zum Erbarmung, zur Vergebung, zur Selbsterkenntnis, ist ein brutaler, durchweg auf Tuchfühlung mit der Resignation.

Der Grundton von Feinde – Hostiles ist ein düsterer und zermürbender. Die Eskorte, die sich von New Mexiko bis nach Montana erstrecken wird, also weit über 1000 Meilen, wird zu einer Reise in Neu-amerikanische Abgründe. Und zu einem Kampf um Menschlichkeit, den nicht jeder gewinnen wird. Durch seine Doppelwertigkeit, vor allem im Umgang mit den Charakteren, aber gewinnt Feinde – Hostiles eine nahezu paralysierende Kraft, die nicht nur das Psychogramm des in seiner Haut gefangenen Joseph J. Blocker zu einem der interessantesten innerhalb des Western-Genres der letzten Jahre erhebt, sondern auch Christian Bale erneut zur pointierten Höchstleistungen antreibt. Seine Performance ist verbittert und doch hochemotional; die Studie eines Mannes, der in sich gefangen ist, obwohl er eigentlich intelligent genug sein müsste, die Fesseln seiner selbst zu lösen. Ein maßgeblicher Erbe von John Waynes Ethan Edwards.

Ohnehin fühlt man sich bei der Sichtung von Feinde – Hostiles oftmals an John Fords Meisterwerk Der schwarze Falke aus dem Jahre 1956 erinnert – und ein größeres Kompliment kann man Scott Cooper und seinem neuen Werk wohl kaum unterbreiten. Fraglos ist es dem Regisseur, dessen letzten beiden Werke, Black Mass und Auge um Auge, im soliden bis unteren Durchschnitt anzusiedeln waren, gelungen, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur ein Zeichen für das Kino, sondern auch ein Zeichen für Amerika, fungiert Feinde – Hostiles doch auch überdeutlich als Parabel auf ein in sich gespaltenes Land. Doch die Zeit, den Glauben an dieses vollends aufzugeben, ist noch nicht kommen. Darüber hinaus brilliert das beklemmende Charakter-Drama durch famose Stimmungsaufnahmen eines historischen Amerikas im Wandel und der – wie könnte es anders sein – exquisiten musikalischen Untermalung von Max Richter. Ein moderner Klassiker.

Feinde – Hostiles ist ab dem 31. Mai im Kino zu sehen.