Kritik: Green Room (USA 2015)

background_home

Now. Whatever you saw or did. Is no longer my concern. But let’s be clear. It won’t end well.

Regisseur Jeremy Saulnier ist wohl momentan einer der großen Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos, was nicht zuletzt an seinem angenehm reduzierten und kompromisslosen Rache-Thriller „Blue Ruin“ lag, den Saulnier 2013 in die Kinos brachte. Doch „Blue Ruin“ war dabei mehr als nur ein unbarmherziger Rache-Thriller, denn die große Stärke des Regisseurs war es, dass er seine Charaktere glaubwürdig als Durchschnittstypen inszenierte, die sowohl mit ihren Rachefantasien, als auch mit deren Vorbereitung und der äußerst blutigen Umsetzung einfach schlichtweg überfordert waren. Nicht jeder Mensch eignet sich eben zur kaltblütigen Killermaschine, auch wenn dies so mancher Rache-Thriller um griesgrämig-verbitterte Familienväter einreden möchte. Mit „Green Room“ kommt nun Jeremy Saulniers nächster Streich in die Lichtspielhäuser und auch wenn es diesmal weniger um Rache geht, ist der Neonazi-vs-Punk-Belagerungs-Streifen ein im besten Sinne unangenehmer Film, der dem Zuschauer mehr als einmal direkt unter die Haut geht.

The Ain’t Rights sind eine authentische, aber wenig erfolgreiche Punk-Band auf einer Hinterhof-Tour durch den Nordwesten der USA. Die Gruppe um Gitarrist Pat (Anton Yelchin, „Star Trek“) und Frontmann Tiger (Callum Turner) besitzt zumeist nicht mal mehr genug Geld, um die Fahrt zum nächsten Gig zu bezahlen. Umso erfreuter sind die Mitglieder, als ihnen ein halbwegs lukrativer Auftritt in einem Rocker-Schuppen in den Wäldern Oregons angeboten wird. Bereits mit ihrem Eröffnungssong Nazi Punks Fuck Off von den Dead Kennedys ist jedoch klar, dass sich die Band unter den Anwesenden keine Freunde machen wird, denn ihr Publikum besteht fast ausschließlich aus gewaltbereiten Neonazis. Zwar schaffen es die Musiker den Auftritt ordnungsgemäß zu Ende zu bringen, doch als die Band im Backstage-Bereich Zeuge eines Mordes wird, kippt die Stimmung und die Lage eskaliert…

Gewalt in Kinofilmen wird oft zu einem outrierten Mechanismus, zu bloßer Effekthascherei, künstlich aufgebauscht und für das Kinopublikum, durch ein schwarzhumoriges Augenzwinkern oder komödiantische Übertreibung, leicht konsumierbar aufbereitet. Es gibt wenige Regisseure, die die Brutalität eines Gewaltaktes derart unvermittelt und geerdet darstellen wie Jeremy Saulnier. In seinen Filmen, bahnt sich die Brutalität nicht an, wird nicht künstlich hochgespielt, sondern explodiert schlagartig, trifft Filmfiguren wie Zuschauer unvorbereitet mit voller Wucht und ist auch genauso schnell wieder vorbei – meist mit tödlicher Konsequenz. Gewalt wird hier jedoch nicht bloßes Mittel zum Zweck – ein Vorwurf, dem sich nach meiner Meinung einige Vertreter der Torture-Porn-Zunft stellen müssen – sondern wird zu einer Negation des Hollywood-Heroismus, der uns nur Filmen dieser Tonart nur allzu oft vorgegaukelt wird. Es gibt keine „Überlebens-Garantie“ für Helden, jedenfalls sollte es diese nicht geben. Jeremy Saulnier spielt mit eben diesen Gedanken und verweigert sich eben jener klassischen Erzählweise. Welches Mitglied der Punkband hier ein Entkommen aus dem Green Room gestattet ist, bleibt lange Zeit nicht absehbar. Es ist erstaunlich, dass dem Mainstream-Publikum erst eine Serie wie „Game of Thrones“ zeigen konnte, wie langweilig doch unverletzliche Helden sind (sei es nun physisch oder psychisch).

Den Überlebenskampf weiß Regisseur Jeremy Saulnier auch in die entsprechenden Bilder zu packen. Düster und dreckig wird der Einstieg in diese Hinterzimmer-Musik-Szene, in der Bands fernab von jedweder Zivilisation für ein paar besoffene Halbstarke noch authentische Punk-Musik zum Besten geben. Während der äußerst eindringliche Soundtrack, der vielleicht im klassischen Sinne nicht besonders „wohlklingend“, dafür aber umso kraftvoller ist, den intensiven Charakter von „Green Room“ unterstreicht, weckt der karg eingerichtete Backstage-Bereich mit zunehmender Filmdauer mehr und mehr den Eindruck eines Bunkers, aus dem es für die Protagonisten kein Entkommen gibt.

Fazit: Mehr Filme wie „Green Room“! Bitte! Sofort! Jetzt! Jeremy Saulniers dreckiger Belagerungs-Thriller „Green Room“ ist in jeder Hinsicht ein Mittelfinger gegen die glattgeleckte Weichzeichner-Hollywood-Filmindustrie und damit mehr als nur ein überharter Thriller. Natürlich hat auch „Green Room“ einige Schwachstellen, gerade in puncto Charakterzeichnung gibt es einige Mängel, doch diese verzeiht man dem Film letztendlich mühelos. „Green Room“ geht immer genau dahin, wo es wehtut und allein schon, um die Star-Trek-Ikone Patrick Stewart als fiesen Ober-Neonazi zu erleben, sollte man eine Kinokarte lösen.