Kritik: High-Rise (GB 2015)

HR_0430_tiff.tif

© The Jokers / Le Pacte

Things would be better if we could afford to move to a higher floor.

Falls Ben Wheatleys Romanverfilmung „High-Rise“ im Laufe der nächsten Jahre die Aufnahme in den ständig-wachsenden Kader neuerer Kultfilme schaffen sollte, nachdem der Brite mit „Sightseers“ und „Kill List“ schon in den Herzen vieler Filmnerds ankam, so könnte man vielleicht demnächst schon eine interessante neue Double-Bill-Vorführung in ausgewählten Programmkinos zu sehen bekommen. Denn mit seinem isolierten, autarken Handlungsort, seinen Themen des Klassenkampfes und Szenen hochstilisierter Gewalt erinnert „High-Rise“ mehrfach an Bong Joon-hos seelenverwandte Sci-Fi-Dystopie „Snowpiercer“. Einen großen Unterschied gibt es hierbei jedoch: Der titelgebende Schnellzug in „Snowpiercer“ trennt seine Gesellschaftsschichten horizontal, in mehrere Waggons unterteilt, voneinander, während im „High-Rise“-Hochhaus Arm und Reich vertikal aufeinandertreffen. Doch welcher gesellschaftliche Aufstieg ist schwieriger? Das klaustrophobische Gemenge durch den schwankenden, ratternden Zug, oder der mühsame Aufstieg von Etage zu Etage – von einem Trinkgelage zur nächsten Massenorgie, dem jüngsten Gewaltausbruch – alles im Angesicht der immer-drohenden Gefahr des erneuten Sturzes?

J.G. Ballards Roman, welcher 1975 eine dunkle Vision der Zukunft prognostizierte, ist heute noch so relevant wie eh und je. In „High-Rise“ bezieht der wohlhabende, junge Arzt Dr. Robert Laing (Tom Hiddlestone) sein Apartment in einem gerade-fertiggestellten Wolkenkratzer. Das modernistische Hochhaus wurde von dem Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) als eine autonome Wohngemeinschaft konzipiert, in der Ober-, Mittel- und Unterschicht miteinander leben könnten. Supermarkt, Fitnessstudio, Sportanlagen… alles ist in diesem Mega-Wohnhaus vor Ort. Den High-Rise muss man eigentlich nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Natürlich erweist sich dieser utopische Traum Royals schnell als unrealistisch, denn zwischen den vielen Bewohner des einsamen Turms entstehen bald Spannungen, die zur Gewalt eskalieren. Der Dokumentarfilmemacher Richard Wilder (Luke Evans) stürmt in diesen Kämpfen an erster Stelle weiter bis zum höchsten Stock, um mit seiner Kamera das wahre Gesicht des High-Rise zu entblößen.

Zurück zur „Snowpiercer“-Analogie. Während wir in Joon-hos Film von Anfang an vorgeführt bekommen, wie grausam die Einteilung innerhalb des Zuges ist, scheint zu Beginn von „High-Rise“ tatsächlich alles in Ordnung zu sein. Wir sehen, wie das Konzept eines homogenen Großhabitats idealerweise funktionieren könnte. Wheatley bedient sich hier, auf wunderbar ironische Weise, der Imagefilm-Bildsprache und zeigt Laing beim Einzug, beim Besuch der vielen Einrichtungen. Laing scheint ein Heim gefunden zu haben, dass seinem Status als erfolgreicher Arzt und begehrenswerter Bachelor entspricht. Die Montagesequenz wird begleitet von einem starken Soundtrack von Clint Mansell (Darren Aronofskys Stammkomponist), der stellenweise an eine manische, Marschversion der „Die Sims“ Musik erinnert. Dass wir in der brutalen Eröffnungssequenz – ein Flashforward zum Ende der Handlung, in dem Laing einen Hund am Spieß brät und verspeist – schon ein wenig von der endgültigen Zerstörung sehen durften, verleiht dem Ganzen eine spürbare Bedrohlich- und Vergänglichkeit.

Sowohl in „High-Rise“ als auch in „Snowpiercer“ wird besonders viel Wert auf die genaue Darstellung der einzelnen Abteile/Räume gelegt. Man merkt, wie viel Überlegung hinter dem Set-Design, dem Entwurf einer kleinen Welt, steckt. In „Snowpiercer“ sehen wir von der Sauna-Landschaft, dem Restaurant, bis zur Schule alles, was die neue Zugbourgeoisie zum komfortablen Leben benötigt. In „High-Rise“ darf man sich hingegen an der detaillierten Szenerie der verschiedenen Apartments, eines Supermarktes und eines großen Hochhaus-Gartens erfreuen. Es macht Spaß diese Welt zu erkunden, den Ablauf des Alltags zu erahnen. Noch mehr Spaß macht es daraufhin, der Zerstörung dieser sorgfältig-erbauten Welt beizuwohnen. Wobei die Zerstörung in „Snowpiercer“ geregelt und präzise abläuft, denn es gibt immerhin nur einen Weg nach vorne. In „High-Rise“ nimmt die destruktive Katharsis eine andere Form an. Das Chaos ist expansiv, planlos und vollkommen. Nach über einer Stunde verwandelt sich der ständige Kampf um Landgewinn, Würde und Besitz in eine Art geregelten Tagesablauf. Laing und seine Nachbarn können es kaum erwarten von der Arbeit zurück nach Hause zu kommen, um sich erneut in das Getümmel zu stürzen. In einer besonders unvergesslichen Szene erblicken wir auf dem Bildschirm eines halb-zerstörten Fernsehers das Gesicht des Nachrichtensprechers, der den High-Rise für eben diese Ansprache verlassen musste, nun unruhig in die Kamera starrt und einen Satz wiederholt: „What are you doing in there?“ Verpasse ich was?

Der große Unterschied in der Behandlung der Szenarien dieser gestörten Systeme ist besonders zum Ende dieser zwei Filme deutlich erkennbar. Es folgen SPOILER für „Snowpiecer“ und kind-off-Spoiler für „High-Rise“ (den Film kann man jedoch nicht wirklich spoilen, bzw. ich würde trotzdem einfach weiterlesen).

„Snowpiercer“ hat eine klare Antwort auf die Frage: Wie können wir zu einem gerechten und lebenswerten Leben für alle zurückkehren? Der Zug, der schließlich für die unvermeidliche Grausamkeit des unaufhaltbar-wachsenden Kapitalismus steht, muss entgleisen. Nur so kann der Zyklus der Unterdrückung unterbrochen und beendet werden. Die einzigen Überlebenden des Unfalls sind Kinder, jung und unschuldig, die in der wilden Schneelandschaft die ersten Zeichen von Leben außerhalb der Zugwelt erblicken. Joon-ho und die Autoren der Comicbuch-Vorlage fordern somit eine Rückkehr zur Natur, eine alternative Lebensweise. Wheatley und Ballard schaffen es in ihrem Film hingegen dieser romantischen Träumerei nicht zu verfallen. Sie sehen das Chaos, in dem alle Bewohner des High-Rise jagen und gejagt werden, als ein funktionierendes System, als die endgültige Gestalt des Werks des ambitionierten Architekten. Die Bewohner dürfen sich hinter diesen dicken Wänden, befreit von sozialen Erwartungen und Anstand, im fortwährenden Machtkampf austoben. Laing ist nun endlich zu Hause angekommen. Das Ganze wird in den letzten Bildern des Films mit einem etwas zu sehr treffenden Zitat Thatchers unterstrichen: „There is only one economic system in the world, and that is capitalism.“

Dieser Zug kann nicht entgleisen.

„High Rise“ erscheint am 18. November auf Blu-ray und DVD.