Kritik: Im Herzen der See (USA 2015)

© Warner

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Ron Howard ist der Mann in Hollywood, wenn es um glatt geschliffene Mainstream-Blockbuster geht. Seine größten Box-Office-Erfolge „A Beautiful Mind“, „The Da Vinci Code – Sakrileg“ und „Der Grinch“ lagen allesamt im cineastischen Niemandsland zwischen Top und Flop. Dass es sich trotzdem immer lohnt, den Regisseur auf dem Schirm zu haben, beweisen Genre-Perlen wie das rasante Formel-1-Drama „Rush“ oder das messerscharf geschriebene Polit-Drama „Frost/Nixon“. Ron Howards neuster Streich „Im Herzen der See“ gehört leider wieder zur ersten Kategorie, denn das Seefahrer-Drama plätschert gemächlich auf einer fantastisch animierten Meeresszenerie dahin, ohne seine Zuschauerschaft wirklich begeistern zu können.

„Im Herzen der See“ schafft es trotz im Übermaß eingesetzter CGI-Effekte – fast jedes Bild scheint einmal durch einen Hochleistungsrechner gejagt worden zu sein – visuell zu überzeugen. Howard weiß um die Künstlichkeit seiner Bilder und versteht es, diese zu seinem Vorteil zu nutzen. So weisen gerade die Aufnahmen und Animationen der Hafenstädte eine fast malerische Qualität auf und wecken Erinnerungen an Gemälde holländischer Künstler wie Jan Vermeer van Delft. Als ebenso beeindruckend erweisen sich auch die fantastischen Naturaufnahmen, mit denen Kameramann Anthony Dod Mantle („Dredd“) das Meer in all seinen Facetten zu beleben weiß.

Als äußerst intensives Spektakel erweisen sich die Walfangszenen, die als deutliche, wenn auch etwas überambitionierte Botschaft gegen den noch immer betriebenen Walfang zu erkennen sind. Wenn sich die Seemänner in ihren Beibooten aufmachen, um die stillen Meeresgiganten zu erlegen, dann ist nicht mehr ganz klar, wer hier eigentlich Mensch und wer Tier ist. Ron Howard schafft es, die animalische Energie einzufangen, die die Walfänger in diesen Momenten antreibt und sie für einen kurzen Moment zu blutgierig geifernden Bestien mutieren lässt. Die Brutalität, die mit der Arbeit eines Walfangs einhergeht, hätte dabei schon gereicht, um Mitgefühl mit den genügsamen Meeressäugern zu erwecken, doch irgendwie schien Howard der Kraft seiner Bilder nicht gänzlich zu vertrauen. Um den Jagdszenen noch zusätzliche Brisanz zu verleihen und die Brutalität und Barbarei des Walfang-Metiers zu unterstreichen, vergreifen sich die Walfänger in einer Szene an einem Mutterwal, die ihren stummen Todeskampf in Anwesenheit ihres Kindes ausfechten muss. Wenn letztlich noch Moby Dick zum Rächer wehrloser Walherden wird, der einen beinahe schon teuflisch fiesen Feldzug gegen die Walfänger führt, dann verliert „Im Herzen der See“ trotz „Based-on-a-true-story“-Aufhänger endgültig seinen Realitätsanspruch.

Letztendlich krankt das Seefahrer-Drama aber hauptsächlich an seiner schrecklich eindimensionalen Charakterzeichnung und der handzahmen Inszenierung. Chris Hemsworth gibt hier den erfahrenen Walfänger Owen Chase aus einfachem Hause, der sich trotz versprochener Kapitänsanstellung wieder mit der Rolle des Ersten Offiziers zufriedengeben muss, da ein unerfahrener wie arroganter Blaublüter (Benjamin Walker) den Vorrang vor ihm bekommt. Natürlich erweist sich der unerfahrene Kapitän als unfähiger Seemann und natürlich kommt es zum Konfikt einfach- gegen hochwohlgeboren, arm gegen reich. Schnarch. Vom eigentlichen Seemannstreiben auf einem Walfänger bekommt man auf Grund der stetigen Fokussierung auf den Zwist der beiden Hauptcharaktere erstaunlich wenig mit.

Spannung will an Bord des Walfangschiffes nie richtig aufkommen. Zu berechenbar sind die dort ausgetragenen Konflikte. Erst wenn sich „Im Herzen der See“ in einen echten Überlebenskampf auf hoher See verwandelt, nimmt die Intensität zu. Leider scheut sich Howard auch hier, in seiner Inszenierung echtes Risiko einzugehen. Selbst der von den verhungernden Seeleuten notgedrungen ausgeübte Kannibalismus wird dabei zuschauerfreundlich aufbereitet und verkommt so zur stillen Randnote.

Fazit: Ron Howards Walfänger-Drama „Im Herzen der See“ erweist sich zwar als visuell beeindruckende Abenteuergeschichte, die fantastische Optik kann jedoch nicht über die eklatanten inszenatorischen Schwächen hinwegtäuschen.