Kritik: In a Valley of Violence (USA 2016)

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© Blumhouse Productions

You talk too much.

Pascals Meinung

Die bisherigen Filme von Ti West, primär The House of the Devil und The Innkeepers, begeisterten letztlich durch die offenkundige Genreaffinität, mit der West seine Geschichten bis ins letzte Frame ausstaffierte. Diese ausgeprägte Geneigtheit aber bedeutet nicht nur, dass West ein spürbares Bewusstsein gegenüber traditionellen Genre-Mechanismen aufzeigt, sein Genie indes liegt vielmehr darin, diese Mechanismen zu transzendieren und zu paraphrasieren. Gleiches lässt sich nun auch bei In a Valley of Violence entdecken, einem Western, der so klassisch veranlagt ist, dass man ihn leichtfertig als klischeehaftes Erwärmen altbekannter Handlungskoordinaten verrufen könnte. Natürlich aber geht Ti West weiter, blickt über den Tellerrand des traditionellen Sujets hinaus und kreiert eine interessante Eigendynamik, in dem er den amerikanischen mit dem italienischen Western korrelieren lässt.

Ethan Hawke besticht einmal mehr in der Hauptrolle des ehemaligen Unionssoldaten Paul, der im Namen der Kavallerie an der Ausrottung der roten Stämme beteiligt war, dem Töten aber abgeschworen hat, nachdem ihn die Leichen der Ureinwohner in seinen Träumen heimsuchten. Gewalt aber ist die Konstante im Italo-Western und Paul wird genötigt, sie anzuwenden, weil das gesprochene Wort selbst als kommunikatives Instrument weitestgehend ausgedient hat: Hier findet man nur im aufscheuchenden Pistolenschuss eine wirksame Verständigungsmöglichkeit. Allerdings, und das hat der zuweilen wunderbar lakonische In a Valley of Violence vielen seiner unzähligen Vorbildern voraus, verweist der, auch hier handwerklich hochbegabte, Ti West darauf, dass gar keine Zukunft die bessere Alternative ist, als eine Zukunft hinzunehmen, die sich von Mord und Totschlag gesäumt sieht. Dieser Film steht ein für die Läuterung und für das Umdenken.

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© Blumhouse Productions

Dominics Meinung

Ti West ist wieder da – und macht weiterhin das, was er am besten kann. Waren die bisherigen Höhepunkte seines Schaffens beinahe ausschließliche gelungene Hommagen an das Horrorgenre, so dringt er nun in die Territorien des Westerns vor und erzählt mit dem überraschenderweise überaus passenden Ethan Hawke in der Hauptrolle die Geschichte eines Westernhelden auf der Reise. Doch nicht nur rein inhaltlich befindet sich die vernarbte und schief grinsende Hauptfigur auf einer Zwischenstation. Vor allem charakterlich stellt er den bisher selten porträtierten Übergang zwischen den unnahbaren und jungen Antihelden des Italowestern und dem für Spätwestern typisch gealterten und gebrochenen „Helden“ dar.

Da passt es nur zu gut, dass sich der vormals namenlose Protagonist mit dem Allerweltsnamen Paul vorstellt. Dort wo er herkommt, war er ein gefürchteter Killer – dort wo er hingeht, wird er sich in Einsamkeit und Selbstmitleid wiegen. Aktuell bewegt er sich zwischen diesen zwei Welten, moralisch unentschlossen und in dieser Ambivalenz merklich vielschichtig für den genrebewussten Zuschauer. Denn Ti West selbst weiß nur zu genau um die moralische Zwickmühle des Westerns und so formuliert er abseits von der zugegebenermaßen sehr bekannten Rachegeschichte eines Fremden in einer gottverlassenen Stadt einen interessanten Beitrag zu ebenjener Fragwürdigkeit. Etwa indem er im final ausgiebig zelebrierten Showdown hauptsächlich die Gegenseite einfängt und so neben der Spannung des Ungewissen auch die Zuschauersympathien auf die Probe stellt.

Mit einer starken Frauenfigur, einem untypischen Sheriff (grundsolide: John Travolta) und einem mit sich selbst hadernden Handlanger setzt der Film immer wieder frische Akzente in der Figurenkonstellation und kann so dem totgesagten Genre durchaus noch etwas entlocken – neben der gelungenen Westernikonografie und dem herrlich altmodischen Soundtrack wohl das Highlight des Films. Um In a Valley of Violence wirklich etwas abzugewinnen bedarf es durchaus einer gewissen Leidenschaft für das Westerngenre. Bringt man diese jedoch mit sich, so bekommt man deutlich mehr als bekannte Klischees serviert und wird mit einem der interessantesten Genrebeiträge der letzten Jahren belohnt.

In a Valley of Violence ist ab dem 12. Januar auf Blu-ray und DVD erhältlich.