Kritik: Into the Forest (CA 2016)

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This is all we have. We have each other.

Die kanadischen Wälder. Ein Gebiet, welches sich, mit einer baumbestandenen Fläche von gut 400 Millionen Hektar, zuvorderst durch seine dichte Vegetation auszeichnet: Eine undurchdringbare Bastion an Bäumen, soweit das Auge reicht, soweit der Blick schweift, mit massiven Stämmen, die gefühlt bis in den Himmel ragen. Angesichts dieser unberührten, ja, beinahe schon archaischen Natur könnte man durchaus ins Schwärmen geraten und Aussteigerphantasien formulieren. Dieser Träumerei wirkt das Endzeitdrama Into the Forest von Patricia Rozema (Mansfield Park) nun ganz entschieden entgegen: Als Folge eines nicht näher konkretisierten Stromausfalls, der die Welt nahe an den globalen Kollaps geführt hat, sehen sich die beiden Schwestern Nell (Ellen Page, Freeheld – Jede Liebe ist gleich) und Eva (Evan Rachel Wood, The Wrestler) dazu gezwungen, eine neue Existenz inmitten des imposanten Gehölz aufzubauen.

Wenn man zum Auszug in die Wälder verpflichtet wird, kann von Heimat keine Rede sein. Es bleibt immer ein Zwang; ein Schritt, der allein von extrinsischer Motivation geprägt ist. Auf einen Neuanfang müssen sich Nell und Eva dennoch einlassen und das Festhalten an Gewohnheiten der Vergangenheit bleibt ein Versuch, die Hoffnung auf eine Rückkehr in das alte Leben zu wahren: Während Eva also weiterhin für die Aufnahme an einer renommierten Ballett-Schule trainiert, büffelt Nell in jeder freien Minute für den Zulassungstest der Universität. Basierend auf dem Roman Die Lichtung von Jean Hegland, beweist Patricia Rozema in erster Linie, dass die Herleitung einer Post-Apokalypse nicht zwangsläufig über vordergründige Effekthascherei entfacht werden muss, Into the Forest beschreibt die „Krisensituation“, wie es im Radio heißt, vor allem über die Ausprägungen menschlicher Interaktion.

Into the Forest ist ein Dokument des sozialen Miteinanders im Ausnahmezustand. Immer wieder müssen sich die beiden Frauen gegenseitig neuen Mut zusprechen, schließlich ist noch nicht alles verloren, sie haben immer noch sich. Die forciert weibliche Perspektive, die die Narration in Into the Forest einnimmt, entfesselt dabei die wohl interessantesten Impulse: Männer sind Randerscheinungen, der Kosmos, auf den sich das Geschehen eingegrenzt, bietet nur Raum für zwei Personen. Zwei Schwestern. Zwei Überlebende, die das Weitermachen nicht nur als Euphemismus für das Herauszögern des sicheren Todes definieren wollen. Dass sich Into the Forest etwas zu bemüht in seinen Indie-Gepflogenheiten vergräbt und dadurch der ein oder anderen (Genre-)Konvention Auftrieb verleiht, verwässert die sinnbringenden Anlagen es Films zuweilen merklich. Abträgliche Redundanzen und aufrechte Intimität gehen Hand in Hand.

Into the Forest ist ab dem 17. Februar auf Blu-ray und DVD erhältlich.