Kritik: Isle of Dogs – Ataris Reise (USA 2018)

We’re a pack of scary indestructible alpha dogs.

Vielleicht liegt bereits im Titel von Wes Andersons neuem Film schon der erste augenzwinkernde Scherz verborgen. Ausgesprochen klingt Isle of Dogs – Ataris Reise sicherlich nicht zufällig genauso wie I love dogs, was die massive Abwesenheit von Katzen erklären könnte. Die werden in Andersons zweitem Stop-Motion-Animationsfilm nach seinem beglückenden Meisterwerk Der fantastische Mr. Fox von 2009 zu großen Teilen mit sträflichem Desinteresse behandelt, während die Vierbeiner, die gerne als der beste Freund des Menschen bezeichnet werden, im Fokus der Geschichte stehen. Für Isle of Dogs – Ataris Reise entwirft der amerikanische Regisseur, der sich über den Verlauf seiner Karriere eine unverwechselbare, eigenständige Handschrift erarbeitet hat, eine beunruhigende Zukunft 20 Jahre von unserer Gegenwart entfernt, in der alle Hunde aus der japanischen Stadt Megasaki City verbannt werden sollen, da von ihnen ein gefährlicher Grippeerreger ausgehen soll. Das sogenannte Schnauzenfieber animiert den skrupellosen Bürgermeister Kobaachi dazu, sämtliche Hunde auf eine Müllinsel zu verbannen, wo die Tiere ein geächtetes Außenseiterdasein führen und auf jedes Stück Abfall angewiesen sind, um nicht zu verhungern.

Dieses vermeintlich finstere Szenario nutzt Anderson wie von ihm mittlerweile gewohnt erneut für ein ideenreiches, verspieltes Abenteuer, nachdem der 12-jährige Atari auf der Müllinsel der Hunde eine Bruchlandung hinlegt. Der Junge ist nicht nur auf der Suche nach seinem eigenen Hund Spots, sondern stellt sich außerdem als Mündel des Bürgermeisters heraus, den dieser vor Jahren nach einem Zugunfall adoptiert hat, bei dem die Eltern des Kindes ums Leben gekommen sind. Wieder sind es also vertraute Lieblingsmotive von Anderson wie die Ausgestoßenen, die Problemfälle und die zerrütteten Familienverhältnisse, denen sich der Amerikaner in seinem neunten Film verschreibt. Daneben offenbart Isle of Dogs – Ataris Reise aber auch die Liebe des Filmemachers zum japanischen Kino, die er ebenso durch die liebevolle, japanophile Ausstattung zum Vorschein bringt wie durch Alexandre Desplats recht ungewöhnliche Musikuntermalung, bei der überwiegend rhythmisches Getrommel an den Klangteppich älterer Akira-Kurosawa-Werke erinnert.

Im Kern bleibt Isle of Dogs – Ataris Reise allerdings durch und durch ein Wes-Anderson-Film, was sich neben sorgfältig komponierten, streng symmetrischen Einstellungen, an denen die Kamera bevorzugt seitwärts entlang fährt, vor allem durch den höchst eigensinnigen, verschrobenen Tonfall bemerkbar macht. So schlicht die eigentliche Geschichte auch anmuten mag, in der sich der 12-jährige Protagonist zusammen mit einem kleinen Rudel Vierbeiner auf die Suche nach seinem vermissten Hund quer über die Müllinsel begibt, so auffällig sind die mitunter kantigen Details, die Anderson in den Erzählteppich verwebt. Schon der junge Protagonist wirkt nach seinem Flugzeugabsturz mit Blessuren im Gesicht sowie einem Stück Eisenstange, das noch in seinem Kopf feststeckt, wie ein Fremdkörper innerhalb der kindlichen Ästhetik. Bezeichnenderweise verbuchen die Hunde das Merkmal mit der Eisenstange in einer urkomischen Szene bei einer Besprechung über den Zustand des Jungen als Kontrapunkt und befürchten, dass dieser womöglich eine Schraube locker haben könnte.

Dabei streift Anderson innerhalb der Handlung, die er regelmäßig mit grandioser Situationskomik und trockenhumorigen Dialogzeilen auflockert, überraschend politische Dimensionen und schlägt immer wieder brutale Töne an. Kannibalismus, Hundeohren, die bei einer Auseinandersetzung abgerissen werden, und Tiere, die in ausführlicher Küchenarbeit innerhalb Anderson’scher Symmetrie-Tableaus filetiert werden, mischen sich unter die farbenfrohen Impressionen, während ein tyrannischer Machthaber, der potenziell gefährliche Minderheiten verbannen will, nicht von ungefähr an das gegenwärtige Politik-Klima des Landes erinnert, aus dem der Regisseur stammt. Selbst vor Bezügen auf die Ikonografie des Holocausts schreckt Anderson nicht zurück, was man durchaus verurteilen kann, die unberechenbare, eigenwillige Art dieses Regisseurs aber nur noch weiter verstärkt.

Was Isle of Dogs – Ataris Reise aber letztlich von den größten Werken des Regisseurs trennt, ist die fehlende Konsequenz, durch die es Anderson vor allem gegen Ende nicht stimmig gelingt, die politischen Anleihen mit dem sanften Ton der eigentlichen Geschichte in Einklang zu bringen. Schlussendlich ist auch der neunte Anderson-Film immer noch das Werk eines kindlichen Träumers, der sich mit großen, staunenden Augen in eine eigens erdachte Welt begibt, in der die Verstoßenen doch noch zueinanderfinden dürfen und gemeinsame Probleme durch Zusammenhalt lösen. Ein großer Abenteuerspielplatz, der nicht einmal unbedingt für Kinder geeignet ist und auf dem der Regisseur diesmal deutlich gefährlichere Hindernisse platziert hat, die ihren ganz eigenen Reiz ausüben, bis sie vom Verantwortlichen sicherheitshalber aus dem Weg geräumt werden.

Isle of Dogs – Ataris Reise ist ab dem 10. Mai 2018 im Kino zu sehen.

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