Kritik: Jason Bourne (USA 2016)

© Universal Pictures International Germany GmbH

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Why would he come back now?

Immer kommen sie wieder. In Hollywoods Franchisehaufen der ewigen Wiederkehr reiht sich nun auch Jason Bourne, der scheinbar nicht genug bekommen kann. Natürlich sind wir es, die nicht genug bekommen vom ehemals identitätslosen Superagenten des CIA. Nach Tony Gilroys unbeliebtem Reboot unter der Bourne-Flagge, das statt Matt Damon Neuzugang Jeremy Renner ins Gefecht schickte, schien die Zukunft des Franchises ins Wanken geraten zu sein. Glücklicherweise hatte Universal wohl genug Kleingeld in der Tasche, um den Star der Reihe und Regisseur Paul Greengrass wieder ins Boot zu holen. Weniger Veränderung, mehr vom gleichen, und so mutet der nun fünfte Teil der Bourne-Saga allenfalls wie eine weitere Episode im nicht enden wollenden Leben des Jason Bourne an, wenn auch wie eine ziemlich gute.

Greengrass‘ hochverdichteter Hyperrealismus hat der Reihe einst mit Die Bourne Verschwörung und dem famosen Das Bourne Ultimatum zu seinen größten Erfolgen verholfen. Jason Bourne schließt lückenlos an diese Ästhetik an. Neulingen sei empfohlen sich im Kino doch etwas weiter weg von der Leinwand zu setzen. Greengrass‘ berüchtigte „Wackelkamera“ gepaart mit Christopher Rouses Sperrfeuerschnitt sorgen nur im schlimmsten Fall für Übelkeit. In erster Linie entfesseln sie reinstes, vorzügliches Chaos. Filmische Räume der Unordnung, ohne Überblick, in denen selbst ein Faustkampf zu schnell fürs Auge ist und die totale Überwachung an blinden Flecken leidet.

So lässt sich vornehmlich inhaltlich die zeitliche Lücke von neun Jahren zwischen Ultimatum und Jason Bourne ausmachen. 2007 kam gerade mal das iPhone in die Läden. 2016 hat sich unser Leben scheinbar schon zur Hälfte in den virtuellen Raum verlagert. Ich bin nicht nur Fleisch. Ich bin auch Daten. Wer darf wann und wo über welche meiner Daten verfügen? Diese Frage verhandelt der Film überaus offensiv. Jason Bourne, der scheinbar jahrelang im griechischen Exil als Straßenkämpfer sein Brot verdiente, kehrt in eine fast völlig digitalisierte Welt zurück, in der die in ihrem Ruf angeschlagene CIA die Zusammenarbeit mit der Silicon-Valley-Geburt Deep Dream, einer Art Facebook, sucht, um das Land noch besser „schützen“ zu können. Parallel kommt Bourne der wahren Ursache des Todes seines Vaters auf die Spur.

Es bleibt vieles beim alten. Wiedereinmal verlaufen zwei Geschichten nebeneinander: Bournes Suche nach seiner Vergangenheit sowie eine neue, gegenwärtige CIA-Verschwörung. In Jason Bourne fungiert erstere allerdings nur als müder MacGuffin. Damons Figur wird leider kaum etwas neues hinzugefügt. Interessanter beäugt der Film dagegen die globale Überwachung im Internetzeitalter. Zwar waren die Operation Rooms der CIA schon immer ein beliebtes Motiv der Reihe, in denen die Bösewichte, bewaffnet mit den allerneusten Technologien, auf Bildschirme starren, um Bourne das Leben schwer zu machen, doch wirklich greifbar werden sie erst heute, wo auch wir täglich zu Überwacher_innen werden.

Neuen Wind in die CIA sowie ins Franchise bringt Heather Lee, gespielt von Shooting-Star Alicia Vikander. Sie ist Leiterin der Abteilung für Cyberkriminalität und gewillt nach ganz oben zu kommen. Ihr Vorgesetzter Dewey, ein übelst schlecht gelaunter Tommy Lee Jones, ist noch aus der alten Zeit. Er will durch die Zusammenarbeit mit Deep Dream die ganzheitliche Überwachung erreichen. Währenddessen gehen in Athen die Menschen auf die Straße. Es kommt zu Ausschreitungen und Bourne ist mittendrin. Sehr oft arbeitet Greengrass die ästhetischen Gegensätze zwischen Innen und Außen heraus. Die Bildschirme und Grafiken im Operation Room versprechen Ordnung, kalte, bläulich schimmernde Ordnung. Alles ist transparent. Alles ist einsehbar. Auf den Straßen herrscht dagegen Willkür. Die atemberaubende Athen-Sequenz im Film, in tiefstes Natrium-Dampflampen-Orange getaucht und mit Molotov-Cocktails garniert, ist unüberschaubar, bloß fragmentiert. Sie entzieht sich der Kontrolle der Figuren und des Publikums. Selbst die digitale Gottesperspektive der CIA kann nur einen (Bildschirm-)Ausschnitt observieren.

Die Mächtigen, gegen die demonstriert wird, sind aber noch nicht mächtig genug. Sie kooperieren mit den digitalen Zaren des Silicon Valley. Deep-Dream-CEO Aaron Kalloor, gespielt von Riz Ahmed, gleicht deutlich Mark Zuckerberg. Inwieweit sind diese Konzerne bereit die Daten ihrer Nutzer_innen zu schützen? Als das FBI Anfang diesen Jahres Apple um Hilfe bat, das iPhone eines Verdächtigen zu knacken, lehnte der Konzern (glücklicherweise) ab. Der Fall zeigte, wie hauchdünn die Gewaltenteilung innerhalb des Überwachungsapparats ist. Gäbe es eine staatliche Kooperation mit Facebook, was wären die Folgen?

Die demokratisierenden Kräfte der digitalen Revolution rückt Greengrass in Jason Bourne klar ins Bild, ebenso deren Gefahren. Umso passender, dass der Film seinen Höhepunkt auf einer Technikmesse in Las Vegas findet. Analoge Menschenmassen versperren die Sicht der Verfolger_innen. Bourne, ohne Facebookprofil und Twitter-Account, verschwindet in den Massen. Er wird die neuen Technologien der Überwachung schlussendlich gegen seine Feinde einsetzen und wieder untertauchen. Dem Film gelingt dadurch eine nicht zu verachtende Schlusspointe, die zeigt, dass alle Menschen Koordinaten auf dem Raster sind. Nur gilt das auch für unseren Titelhelden?

Bourne ist das vollendete Individuum, frei von Zugehörigkeit und Datenballast. Er kommt, geht und kehrt wieder. Alle restlichen Menschen müssen letztendlich fallen, weil sie nicht außerhalb des Systems leben, da sie es entweder nähren oder von ihm abhängig sind. Bourne nutzt die Massen-Demonstration in Athen nur, um sich zu verstecken. Die anderen nutzen sie, um sichtbar zu werden. Es fällt schwer Jason Bourne als Helden zu deuten. Er ist ein Gespenst. Er wird nichts verändern. Die Geschichte darf schließlich nicht zu Ende gehen.