Kritik: Mein ein, mein alles (F 2015)

"Mein ein, mein alles"

© Studiocanal

Wieso soll ich so sein, wie du mich willst? Denn als du mich haben wolltest, da wolltest du mich genau so haben wie ich bin.

Die Liebe wurde schon oft thematisiert. All ihre Facetten werden seit Bestehen der Kunst immer wieder behandelt. Mal als schnell zu konsumierender Snack, ein anderes Mal als gigantomanische Epik. „Mein Ein, mein Alles“ von der französischen Schauspielerin und Regisseurin Maїwenn („Poliezei“) ist keinem der beiden Extreme zu zuordnen. Die Geschichte einer langjährigen Beziehung zwischen der Juristin Tony und dem Gastronom Georgio versucht alle bekannten Muster und der Liebe zu präsentieren: Von Himmelhochjauchzend bis hin zum getrübten Schmerz gebrochener Herzen. Dabei ist der Film vollkommen auf Tony fokussiert. Es ist ganz alleine ihre Geschichte, die doch untrennbar mit der von Georgio verbunden ist.

Interessant dabei ist, dass wir als Publikum dank Georgio mehr von Tony erfahren, selbst teils für sie unangenehme und sehr intime Dinge aus ihrem früheren Privat- und Sexleben werden an die Oberfläche gezerrt. Tony wird zu einer regelrecht gläsernen Person, die schon bald keinerlei Geheimnisse mehr besitzt. Georgio hingeben bleibt ein regelrechtes Phantom. Seine Liebe zu Tony ist unbezweifelbar und dennoch öffnet er sich nicht, was Tony und wohl auch dem Zuschauer erst dann wirklich auffällt, wenn die Beziehung, bzw. Ehe der beiden Stück für Stück auseinanderbricht, weil die beiden sich zwar lieben, jedoch Leben verfolgen und Ziele anstreben, die nicht konform sind mit denen des Partners. „Mein Ein, mein Alles“ ist im Grunde also eine Dekonstruktion der Illusion der großen, einzig wahren Liebe. Dass es diese gibt bestreitet das Drama dabei gar nicht, es offenbart nur die Blindheit, die Liebe mit sich bringt, und auch wie schmerzhaft und kräfteraubend der Prozess ist, wenn man sich eingestehen muss, dass es leider nicht funktioniert mit den angeblichem Traumpartner.

„Mein Ein, mein Alles“ stochert dabei jedoch nicht nur in den Wunden der Beziehung herum und versucht uns am voyeuristischen Masochismus zu ergötzen, sondern offenbart und lobpreist trotz aller späteren Schwere und Melancholie auch die schönen Seiten der Liebe. Wenn sich Tony und Georgio zu Beginn lieben, sich anschmachten, sich umgarnen, sich und ihre Liebe zelebrieren, dann tun sie das hemmungslos und leidenschaftlich. Jedes Extrem hat eben einen Gegenpol und auch wenn der Film immer wieder ankündigt, dass es nicht so gut enden wird, wie es die Küsse zu Beginn der Partnerschaft verheißen, verurteilt „Mein Ein, mein Alles“ die diversen glücklichen Momente nicht. Regisseurin und Co-Autorin Maїwenn scheint zu verstehen, dass man sich nicht für Glück, Zufriedenheit und Erfüllung schämen muss, egal wo das Ende des Weges später hinführt. So gesehen ist „Mein Ein, mein Alles“ nicht bloß eine Destruktion der Liebe, sondern zeitgleich auch deren Krönung. Getragen wird der Film dabei auf den Rücken der beiden Hauptdarsteller Vincent Cassel („Irreversible“) und natürlich – wohl besser: vor allem – Emmanuelle Bercot („Die Klassenfahrt“).

Becort, die für ihre Leistung 2015 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wurde (eine Ehrung die sie sich mit Rooney Mara für „Carol“ teilte), füllt die Rolle der Tony wirklich komplett sowie famos aus. Ihre Figur besitzt so viele verschiedene Aspekte und auch Möglichkeiten und Bercot gelingt es alle diese zu bedienen und sie sogar optimal auszufüllen. Ihre Tony ist gleichermaßen stark wie verletzlich, verträumt wie realistisch, verbittert wie optimistisch. Sie wirkt stets menschlich, niemals wie eine Figur die für den Selbstzweck einer filmischen Handlung konzipiert wurde. Dank dieser greifbaren Menschlichkeit ist „Mein Ein, mein Alles“ ein empathischer Selbstläufer. Da wäre das Handlungskonzept des Films, der seine Geschichte in Rückblenden erzählt, eigentlich gar nicht notwendig gewesen – zumindest auf den ersten Blick. Doch die Szenen der Gegenwart sind ungemein wichtig. Tony, die nach einem absichtlichen Ski-Unfall einige Wochen in einer Reha-Klinik am Ozean verbringt, braucht Zeit für sich und so erleben wir sie in der Klinik erstmals auch ohne Georgio aufblühen – auch wenn es einige Zeit dauert. Ihre Rehabilitierung findet im seelischen wie körperlichen Bereich statt und gerade im direkten Wechsel mit teils emotional aufwühlenden Szenen aus der Vergangenheit ihrer Beziehung mit Georgio erweist sich die Ruhe der Klink nicht nur für Tony als Wohltat.

Schade nur, dass Maїwenn trotz dieser simplen Gegenüberstellung der Gefühlswelten vor allem zu Beginn von „Mein Ein, mein Alles“ in arg platte und schwülstige Momente abdriftet. Das lässt den Beginn des Dramas leider etwas unbeholfen erscheinen. Beginnt der Film aber dann mit der Geschichte von Tony und Georgio entwickelt sich nach und nach durchaus eine Sogwirkung, die es einem durchaus einfach macht auch andere kleinere Fehler zu übersehen, die „Mein Ein, mein Alles“ mit sich bringt. Aber gut, die Liebe ist ja auch nicht perfekt. Das darf sie auch niemals werden!