Kritik: Moonlight (USA 2016)

© DCM Film Distribution

You’re the only man who ever touched me. The only one.

Man möchte ins Träumen geraten. Die weißen Sandstränge und der lauwarme Wellengang von South Beach laden unweigerlich dazu ein. Hier kann man es sich gut gehen lassen, hier darf man die Seele baumeln lassen und in den Augenblick hineinleben. Das Bild des 1980er Jahre Miamis, welches Moonlight offenbart, ist jedoch kein großstädtisches Urlaubsidyll. Stattdessen finden wir uns in einem von Gewalt und Drogenhandel wie –Konsum geprägten Viertel wieder. Hier lebt auch der 9-jährige Chiron (Alex R. Hibbert), dessen Alltag seit jeher von genau diesen beiden Dingen dominiert wird: In der Schule wird er von seinen Kameraden aufgrund seiner schmächtigen Erscheinung drangsaliert, in den eigenen vier Wänden erfährt er von seiner cracksüchtigen Mutter keinen Rückhalt. Wie soll sich ein Junge entwickeln, wenn seine Sozialisation jeden Anflug an Einfühlvermögen verweigert?

In dem Drogendealer Juan (Mahershala Ali, The Place Beyond the Pines) und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe, Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen) findet Chiron allerdings nach und nach die elterliche (Ersatz-)Stütze, die ihm das Leben von Haus aus entsagen sollte. Wer anhand dieser Bedingungen nun dem Glauben anheimfallen möchte, Barry Jenkins würde sich mit Moonlight in den Regionen eines politischen Traktats bewegen, um auf die kulturellen wie gesellschaftlichen Verzerrungen in von afroamerikanischer Bevölkerung geprägten Netzwerken innerhalb des (sub-)urbanen Raum aufmerksam zu machen, der täuscht sich. Mit Sicherheit ist Moonlight auch ein sozialer Befindlichkeitsfilm, das Hauptaugenmerk der Narration liegt allerdings auf den introspektiven Entwicklungen des Hauptdarstellers. Das strukturelle Rückgrat bildet dabei die dreigeteilte Begleitung Chirons durch verschiedene Lebensphasen.

Angefangen mit dem Kindesalter und seiner einschneidenden Begegnung mit Juan, den Mahershala Ali mit einnehmenden Empathie verkörpert. Juan klärt Chiron darüber auf, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen und gibt ihm das Vertrauen dahingehend, dass die Welt ihn nicht allein gelassen hat. In einem der zärtlichsten Momente, der in diesem Kinojahr noch lange Zeit lobende Erwähnung finden wird, werden wir Zeuge, wie Juan Chiron das Schwimmen beibringt, um dem unsicheren Jungen zu beweisen, was es bedeutet, sich fallen zu lassen und frei zu fühlen. Diese sinnbildhafte Sequenz bringt das Leitmotiv von Moonlight akkurat auf den Punkt: Wir begleiten einen Menschen auf dem Weg, sich selbst zu finden. Wir erleben dabei identitätsstiftende Schönheit, aber wir erleben genauso den Schmerz des Seins.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Chiron im Teenageralter (Ashton Sanders) und seiner ersten sexuellen Annäherung mit einem anderen Mann (Jharrel Jerome), bevor sich der einst schmale Jüngling nach Jahren des Freiheitsentzuges als muskulöses Ebenbild (Trevante Rhodes, Burning Sands) seines einstigen Ziehvaters präsentiert. Die Veränderungen, die Chiron im Verlauf der einzelnen, klar voneinander getrennten Episoden durchmacht, sind repräsentativer Natur: Das oberflächliche Aussehen scheint in der Welt, in der Chiron zu überleben versucht, darüber zu entscheiden, in welche Richtung er sich entfalten darf. Als dürrer Hänfling erfährt er öffentlich nur Feindseligkeit, als aufgepumptes, mit Goldketten behangenes und mit Grills überstülptes Klischee schindet er zwar Eindruck und ist zu dem geworden, was die Gesellschaft von ihm eingefordert hat, seine Selbstverleugnung aber liegt unmissverständlich auf der Hand.

Moonlight begibt sich auf eine, mit 100 Minuten beinahe schon etwas zu knapp bemessene, Suche nach einer Möglichkeit, sein wahres Ich zu verwirklichen. Eine Suche, endlich anzukommen, ohne sich ständig maskieren zu müssen. Chiron wird in einen von Barry Jenkins feinsinnig decodierten Lernprozess involviert, im Zuge dessen er nicht nur verstehen muss, dass das Leben einen häufig zu Unsicherheiten zwingt und an den Rand der Zerbrechlichkeit führt, sondern, um der metaphorischen Taktung des Filmes treu zu bleiben: Auch ein Vogel mit gebrochenem Flügel wird sich irgendwann wieder in den Himmel hinaufschwingen können. Jenkins ist dabei nicht darum bemüht, harmonische Zugeständnisse zwischen Chiron und dem Zuschauer zu evozieren, Moonlight widerspricht einfachen Lösungen, gewinnt dadurch aber erst seine poetische Intimität, die so unverstellt und wirklichkeitsnah in den Augenblick hineinfällt.

Der für acht Oscars nominierte Moonlight ist ab dem 09. März im Kino zu sehen.