Kritik: mother! (USA 2017)

© Paramount

You give, and you give, and you give. It’s just never enough.

Darren Aronofsky gehört wohl zu den spannendsten Filmemachern unserer Zeit, denn bei dem amerikanischen Regisseur kann sich kein Fan sicher sein, was er als Nächstes auf der Leinwand zu sehen bekommen wird. Harte Dramen über die Verlierer einer menschlichen Wegwerfgesellschaft treffen auf beklemmende Reisen in fantastische Welten. Dem Regisseur eigen bleibt dabei stets eine spirituell-esoterische Note, eine filmische Ausarbeitung des göttlichen Gedankens, die mal mehr (Noah) mal weniger (Pi) direkt angesprochen wird. Trotz des von vielen Kritikern (zu unrecht) gescholtenen Bibel-Epos Noah war die Vorfreude auf dessen kommenden Film mother! groß, was wohl auch an einer cleveren Marketingstrategie gelegen haben dürfte, denn Aronofsky servierte seinen Fans schmackhafte, aber absolut nichtssagende Appetithäppchen: Das fantastische erste Poster, das passenderweise zum Muttertag erschien, verriet ebenso wenig über die eigentliche Handlung des Films, wie der kurz darauf erschienene Teaser, der hauptsächlich aus einer verstörenden Tonspur und Schwarzbild bestand. Vielleicht erklärt eine überhöhte Erwartungshaltung die Buhrufe und Beleidigungen, die der Film während der Festspiele in Venedig einstecken musste, vielleicht setzten jedoch leichte thematische Ermüdungserscheinungen ein, denn vereinfacht betrachtet begibt sich der Filmemacher mit mother! in bekanntes Gebiet und inszeniert eine äußerst verstörende Abwandlung des Schöpfungsmythos. Dennoch ist mother! ein brillant in Szene gesetztes Machwerk, das stets klare die Genregrenzen umläuft und mit zunehmender Spielzeit ganz allmählich dem Wahnsinn anheim fällt. Das Verlangen, sich stetig selbst zu übertreffen, ist wohl die größte Schwäche in Aronofskys neuem Werk und so ist mother! sicherlich nicht der beste Film des Regisseurs, dennoch aber eine verstörende filmische Grenzerfahrung.

Ein Haus mitten im Nirgendwo: Hier führt das Ehepaar (Jennifer Lawrence & Javier Bardem) ein von der Außenwelt abgeschottetes Leben. Während sie versucht das Haus, welches durch einen großen Brand fast vollständig vernichtet wurde, wieder aufzubauen, versucht er an diesem unwirklichen Ort seine Schreibblockade zu überwinden. Das Leben des Paares scheint idyllisch, doch die traute Zweisamkeit wird schon bald durch unerwarteten Besuch gestört. Als ein Fremder (Ed Harris) vor der Tür steht und für eine Nacht Unterschlupf erbittet, ahnt das Paar noch nicht, dass sich mit der Ankunft des unbekannten Mannes, dessen Frau (Michelle Pfeiffer) ihm bald nachfolgen soll, das Leben in ihren vier Wänden bald radikal ändern wird…

Irgendetwas stimmt in diesem Haus nicht, das dürfte jeder Kinozuschauer schnell merken. Es bleibt lange nicht greifbar, was in mother! ein Gefühl des stetig wachsenden Unwohlseins hervorruft. Ist es die unglaublich intime Kameraführung von Darren Aronofskys langjährigem Kameramann Matthew Libatique, die förmlich an der Figur von Jennifer Lawrence zu kleben scheint? Oder doch das seltsame, hypersexualisierte Ehepaar in Form von Michelle Pfeiffer und Ed Harris, das sich in der trauten Idylle des frischen Paares niederlässt, diese langsam aus dem Gleichgewicht bringt und stetig aus dem Nichts aufzutauchen scheinen? Oder doch die mysteriösen Vorkommnisse um das gigantische Landhaus, das förmlich mit der Protagonistin zu kommunizieren scheint?

Darren Aronofsky lässt seine Zuschauer leiden, lässt sie lange orientierungslos in seinem neuen Film herumstolpern. mother! wird zur filmischen Umsetzung des „Winchester House“, denn die Räumlichkeiten entziehen sich einem genauen Verständnis der Architektur. An diesem Ort scheinen weder Zeit noch Raum innerhalb der normalen Parameter zu funktionieren. Hier verschmelzen die Wünsche, Träume, Bedürfnisse und Realitäts-Bruchstücke der namenlosen Protagonistin zu einem wandelbaren Gefängnis, aus dem es kein Entkommen geben kann. Auch für den Zuschauer gibt es aus diesem kafkaesken Labyrinth keinen Ausweg – noch bevor es gelingt, den Handlungsspielraum und das eigenwillige Regelwerk vollständig zu begreifen, reißt der Filmemacher alles nieder und lässt eine filmische Apokalypse über die Kinobesucher hereinbrechen.

Dieser schier endlose Albtraum, der in der zweiten Hälfte des Films über die namenlose Protagonistin zu überwältigen droht, ist zwar visuell beeindruckend umgesetzt, erweist sich aber als die größte Schwachstelle des Films. Das subtile Unbehagen verwandelt sich zunehmend in einen grollenden Orkan, der mit seiner reinen Zerstörungskraft das zuvor mühselig aufgebaute Stimmungspuzzle zu zerreißen droht. Filmstudenten aller Welt sollten ihre wahre Freude an mother! haben, denn Aronofsky bietet seinen Zuschauern etliche Interpretationsansätze, die jedoch so sehr nach einer Entschlüsselung dürsten, dass darüber das eigentliche Stimmungsbild in den Hintergrund gedrängt wird.

Fazit: mother! ist filmgewordene Ekstase, ein albtraumhafter, künstlerischer Schöpfungsmythos, der zwar fast in seinem eigenen Bombast zu ersticken droht, sich aber dennoch als eine durchaus gelungene cineastische Ausnahmeerfahrung erweist.

mother! startet am 14.09.2017 in den deutschen Kinos.