Kritik: Nerve (USA 2016)

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© Studiocanal GmbH Filmverleih

Are you a watcher or a player?

Wer hätte gedacht, dass sich Henry Joost und Ariel Schulman nach Paranormal Activity 3 und Paranormal Activity 4 noch einmal derartig rehabilitieren können? Mit Nerve knüpfen die beiden Regisseure mühelos an die bestechenden Qualitäten ihres Debüts Catfish an, in dem das Duo bereits 2010 auf innovative Weise einen zurecht hohe Wellen schlagenden Kommentar zur brandaktuellen „Social Media“–Thematik lieferten.

Mit der Verfilmung des Romans von Jeanne Ryan ist den beiden nun wieder ein beeindruckender, von pulsierendem Lebensgefühl durchzogener Film geglückt, dessen Veröffentlichung kaum passender geschehen konnte als momentan, wo Pokémon Go Millionen von Menschen mit dem Smartphone wie getrieben durch die Öffentlichkeit jagt. Nerve ist bunt, laut und schrill, genau der Film, den seine hier porträtierte Zielgruppe verdient hat, mit einem nächtlichen New York als explodierendes Neonlichter-Meer, in dem junge Menschen dem Drang nachgehen, unbedingt und überall gesehen werden zu wollen. Die Regisseure inszenieren den Wunsch nach dauerhafter Geltung als adrenalingeladene Ansammlung von betörenden Abenteuern, wobei sie der abgenutzten, kaum noch erträglichen „Das Internet ist böse!“-Botschaft eine klare Absage erteilen.

Nerve verschreibt sich nicht nur voll und ganz der derzeitigen Jugendkultur, er trägt sie über weite Strecken auf Händen, setzt zum übermütigen Start an und legt einen berauschenden Höhenflug hin. Emma Roberts und Dave Franco sind das bislang schönste Leinwandpärchen des Kinojahres. Jetzt schon unvergesslich sind die Szenen, in denen Franco eine beschwingte Gesangsnummer zu Roy Orbisons „You Got It“ auf den Tischen eines Restaurants hinlegt oder Roberts, gekleidet in einem sündhaft teuren Kleid von Couture und Turnschuhen, „C.R.E.A.M.“ von Wu-Tang Clan mitrappt.

Mit einer unglaublich entfesselten Kamera, die jede Szene in einen dynamischen Trip verwandelt, einem fantastischen Soundtrack, der treibende Techno-Beats und bezaubernden Pop vereint sowie dem punktgenauen Schnitt peitscht „Nerve“ seine Figuren durch eine grelle „Social-Media-App“-Odyssee, die im finalen Akt immer düstere Ausmaße annimmt und von unbekümmerten Coming-of-Age-Eskapismus zu einem Spiel auf Leben und Tod führt.

Einen übermäßig moralisierenden Beigeschmack erhält der Film aber nie, denn Nerve hat den Zeitgeist nicht nur präzise eingefangen, sondern führt ihn respektvoll durch verständnisvolle Sphären, bei dem er die Gefühle seiner Figuren mit universellen Aspekten wie Voyeurismus sowie der puren Lust am Spektakel verknüpft und selbst auffälligere Logikfehler komplett der atemlosen Faszination unterordnet. Hätten die Regisseure etwas mehr Mut bewiesen und sich noch weiter weg von traditionellen Plotstrukturen bewegt, Nerve wäre der Spring Breakers des Jahres 2016 geworden und somit ein moderner Klassiker.

Nerve erscheint am 19. Januar auf Blu-ray und DVD.