Kritik: Nocturnal Animals (US 2016)

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We all eventually turn into our mothers.

Stefans Meinung

Wer hätte gedacht, dass bebende Fleischberge so ästhetisch perfekt in Szene gesetzt werden können? Der Regisseur/Modeschöpfer Tom Ford, der 2009 mit seinem Regiedebüt A Single Man großen Anklang unter den Kritikern fand, bringt dieses Jahr mit Nocturnal Animals seinen zweiten Film in die Kinos und gleich in der Eröffnungssequenz gibt der ehemalige Gucci-Chefdesigner die Marschrichtung des Filmes vor: Krankhaft übergewichtige, nackte Frauen bringen hier in Zeitlupe ihre Pfunde in Wallung – ein grotesker Anblick, der sich dem Zuschauer da bietet und doch entwickeln die Bilder einen hypnotischen Sog. Tom Ford sucht in seinem Drama-Thriller stets die Schönheit im Hässlichen, der Brutalität und der Hoffnungslosigkeit, womit er das stille, voyeuristische Verlangen eines jeden Kinogängers zumindest auf visueller Ebene perfekt zu befriedigen weiß. Das Ergebnis ist ein Film, an dem sich zwar das Auge nicht sattsehen kann, der seine Zuschauer trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) gefühlskalt zurücklässt, denn zu berechnend gestaltet Ford die Analogie zwischen seinen Erzählebenen, zu zweckmäßig werden die Figuren installiert und zu künstlich wirken die Hochglanzbilder in denen wir das Leid erfahren.

Galeristin Susan (Amy Adams) ist eine unglückliche Frau: Zwar feiert sie mit ihren Kunstinstallationen Erfolge, doch ihre Ehe mit dem ehrgeizigen Hutton (Armie Hammer) ist nur noch ein einziges Trümmerfeld. Als sie unerwartet ein Manuskript mit dem Titel Nocturnal Animals von ihrer ersten großen Liebe Edward (Jake Gyllenhaal) erhält, werden alte Gefühle wieder erweckt. In seiner Geschichte schildert Edward die Geschehnisse um Familienvater Tony Hastings (nochmal Jake Gyllenhaal), der nachts auf einem verlassenen Highway von einer Jugend-Gang drangsaliert wird und hilflos mit Ansehen muss, wie seine Frau Laura (Isla Fisher) und Tochter India (Ellie Bamber) entführt werden. Mit zunehmender Studie der Lektüre, beginnt Susan Parallelen zu ihrer eigenen Vergangenheit zu erkennen…

Tom Ford zeichnet die Geschäftswelt von Susan als kaltes Gefängnis. In der restlos durchgestylten Welt der Reichen, Schönen und Erfolgreichen bleibt kein Platz für Emotionen, Mitleid oder warme Töne. Als emotionales Gegenstück dazu sollen die Geschehnisse in Edwards Roman Nocturnal Animals funktionieren, denn hier steht die tragische Figur des Familienvaters Tony Hastings im Vordergrund, der gerade über seine Emotionalität definiert wird und hilflos mit Ansehen muss, wie ihm sein Familienglück aus den Händen gerissen wird. Die fiktionale Geschichte um den machtlosen, entmannten Familienvater, der der zerstörerischen Willkür einer jugendlichen Gang ausgeliefert ist, besitzt wohl einige der stärksten und intensivsten Momente des ganzen Films, nicht zuletzt eine Leistung des großartig sadistisch aufspielenden Aaron Taylor-Johnson, und kann dennoch nicht vollständig überzeugen. Ästhetikfetischist Ford kann es nicht unterlassen, auch diese Erzählebene gnadenlos durchzustylen und lässt so den Schrecken des Realismus einer fragwürdigen Schönheit des Terrors weichen. Eine Entscheidung, mit der sich Tom Ford letztlich ins eigene Fleisch schneidet, denn über die stets spürbare Künstlichkeit der Ereignisse wird dem Zuschauer ein „echtes“ Einfühlen in die tragischen Ereignisse deutlich erschwert. Mehr Mut zu einer unverfälschten Hässlichkeit hätte dem Film hier sicher gut getan.

Es ist fast so, als wolle Tom Ford die reine Zweckmäßigkeit, die die Erzählebene von Edwards Roman für den Film besitzt, um jeden Preis hervorheben. Dazu würde auch die fragwürdige Entscheidung passen, Jake Gyllenhaal hier in einer Doppelrolle zu besetzen. Wie gewohnt macht er dabei einen fantastischen Job, insbesondere als in eine Extremsituation geworfener Joe Jedermann Tony Hastings kann der Mime seine ganze emotionale Bandbreite abrufen. Warum jedoch Tom Ford die Analogie des Gezeigten durch diese Doppelbesetzung bereits von der ersten Minute an derart offenlegen muss, will sich nicht ganz erschließen. Scheinbar traut Ford seinem eigenen Publikum nicht zu, eine mögliche Verbindung zwischen beiden Erzählebenen herzustellen, wenn er diesem nicht eine unübersehbare Brotkrumenspur legen würde. Letztlich beraubt Ford Nocturnal Animals damit um einen nachhaltigen Erkenntnismoment und seine Zuschauer um einen Film, der nicht nur dem Auge schmeichelt.

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Dominics Meinung

Sieben Jahre nach seinem kraftvollen Regiedebüt A Single Man meldet sich der Modedesigner Tom Ford nun mit Nocturnal Animals zurück. Seine Herkunft will, kann und muss der ehemalige Kreativkopf von Gucci dabei zu keinem Zeitpunkt verbergen, denn abermals schlägt sich diese in mehrfacher Hinsicht auf das Werk nieder. Das beginnt bei kleinen Momenten, etwa dem Auftragen von Lippenstift, dem Ford beinahe liebevoll seine Beachtung schenkt und spiegelt sich im Gesamtkontext in der klar durchgetakteten Stilistik des Films wieder. Dadurch bietet Nocturnal Animals bereits von Beginn an eine gewaltige Angriffsfläche, denn schließlich liegt es vielen Kritikern nahe, Künstler auf das zu reduzieren, was ihrer Natur am nächsten liegt. Ähnlich wie Nicolas Winding Refns diesjähriger Meinungsspalter The Neon Demon wird auch Nocturnal Animals vielerorts auf Oberflächlichkeiten beschränkt und seine intelligente Auseinandersetzung mit dem filmischen Erzählen schlichtweg außen vor gelassen. Denn die durchaus platte Kritik an der snobistischen Bourgeoise der Kunstwelt nimmt nur einen untergeordneten Nebenschauplatz ein und sollte, obgleich sicherlich nicht gelungen, nicht zur Hauptthematik des Films hochstilisiert werden.

Nur weil Tom Ford der Modewelt entsprungen ist, sollte man es nicht per se verteufeln, dass dem Ästhetischen und Schönen ein großer Stellenwert zugesprochen wird. Nocturnal Animals entpuppt sich schnell als optischer Leckerbissen, der brillant inszeniert und vor allem montiert wurde und allein dadurch als spannungsgeladener Thriller funktioniert. Darüber hinaus bietet der Film abgesehen von einigen plumpen Provokationen aber auch eine intelligente Auseinandersetzung mit dem Erzählen selbst, indem er bekannte Elemente auf ungewohnte Art in die Geschichte einbindet. Insofern ist die typische Rachegeschichte im abgelegenen Texas nicht bloß reines Genrediktat, sondern auch ein Spiegel für die Geschehnisse um Amy Adams. Dadurch zeigt Nocturnal Animals einen Weg, bekanntem und möglicherweise auch ausgelutschtem Material zusätzliche Tragweite zu verleihen und letztlich bestehendne Geschichten nicht durch ihren Inhalt, sondern durch die Art des Vortrags etwas Neuartiges zu verleihen. Ein Ansatz, der, obgleich nicht bis zum letzten konsequent umgesetzt wurde, dennoch eine interessante und auch wichtige Thematik im aktuellen Filmgeschehen anspricht.