Kritik: Paterson (USA 2016)

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“When you’re a child you learn there are three dimensions: height, width and depth, like a shoebox. Then later you hear there’s a fourth dimension: time.“

Jim Jarmusch ist ein Meister darin, einfache, alltägliche Routinen aus ihrer einfachen Alltäglichkeit zu erheben. Wir haben es hier schließlich mit einem Filmemacher zu tun, der in Coffee and Cigarettes einen ganzen Film eben diesen zwei Lastern und den zufälligen Gesprächen die darum entstehen gewidmet hat. Seine Figuren legen großen Wert auf Gemütlichkeit, auf gewohnte Abläufe und kleine Rituale. Sollten diese einmal gestört werden, was Jarmusch selten zulässt, so scheint dies plötzlich ein wahrhaft großer Konfliktpunkt zu sein. Es ist dabei seltsam beruhigend, Figuren, wie den Hotelrezeptionisten in Mystery Train, den Taxifahrern in Night on Earth (imo seinem besten Film) oder den Hipster-Vampiren aus Only Lovers Left Alive bei ihren Ritualen zuzuschauen. Vielleicht ist es Jarmuschs inhärente Coolness, die stets ungewollt auch seine Figuren berührt, aber irgendetwas gibt seinen Protagonisten eine Zen-ähnliche Zufriedenheit, die man sonst nur selten im US-Kino – wo Konflikt und große Emotionen vorherrschen – zu sehen bekommt.

Seine jüngste Kreation verkörperte diesen reizvollen Aspekt besonders gut. Paterson (Adam Driver) ist ein Busfahrer in der amerikanischen Kleinstadt Paterson (kein Witz!), dessen Tage einem strikten Ablauf folgen, bei dem sich wenig verändert: Er wacht neben seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani), die als Künstlerin verschiedene Projekte im/am Haus auslebt, auf und isst sein Frühstück (Kaffee und Kelloggs). Er geht zu Fuß zu dem Busdepot und unterhält sich kurz mit seinem Chef, dann fährt er seine tägliche Route. Mittags sitzt er auf einer Bank im Park und isst sein eingepacktes Sandwich. Abends geht er mit dem Hund spazieren und trinkt ein Bier in seiner Lokalkneipe. Das einzige was sich täglich verändert, sind die Gedichte, die er während seinen Arbeitspausen in einem kleinen Notizbuch aufschreibt.

Anhand von Paterson erkennt man als leidenschaftlicher Kinogänger wirklich gut, wie sehr man schon von läufigen Film- und Handlungskonventionen konditioniert wurde. Vor allem die 3-Akt-Struktur, in der ein Equilibrium gestört wird und wieder hergestellt werden muss, lastet auf unseren Erwartungen. So erwartet man beispielsweise, dass Paterson im Laufe des Filmes entweder seiner nüchternen Alltagswelt entfliehen möchte, oder sein ruhiges Leben durch irgendeinen Konflikt zerrüttet wird. So fällt einem natürlich auf, dass auf Patersons Nachttisch ein Portraitfoto von ihm in einer Militäruniform steht, dass seine exzentrische Frau seine Ruhe mit ihren verschiedenen Projekten und Träumereien stört, dass er den Hund nicht mag und der Hund ihn hasst… Über allem hängt natürlich der Schatten der Gedichte, die den Film begleiten und führen. Als Zuschauer stimmt man nämlich Patersons Frau Laura, die sein Talent fördern möchte, zu: Er sollte diese Gedichte nicht für sich alleine behalten, sondern damit berühmt werden.

Paterson Unwillen, zu einem berühmten Dichter werden zu wollen, ist zunächst unverständlich und regt einen sogar auf. Schließlich sind wir es gewohnt, die Origin-Story um Künstler aus einfachen Verhältnissen zu sehen. Doch Jarmusch hat mit dem Film etwas ganz anderes im Sinn. Er zelebriert vielmehr das einfache, erfüllte Leben seines Protagonisten. Die Verse, die der Dichter Ron Padgett eigens für den Film verfasste, erheben Patersons Busfahrten, seine täglichen Begegnungen und sein ruhiges Familienleben zu etwas Profunden. Statt als Antrieb für die Handlung zu dienen, wird jedem einzelnen Vers, der im Bild eingeblendet und von Driver vorgelesen wird, Beachtung und Bedeutung geschenkt. In diesen Momenten findet die Poesie von Paterson seine Erfüllung. Ein Leben im Rampenlicht, weg von seinem Bus, scheint ihm danach nur lachhaft.

Mit Paterson hat Jarmusch seine Handschrift, seine Stimme als Auteur, perfektioniert. Wie seine Figuren scheint er hier mit seinem Schaffen zufrieden; seine Ambitionen erfüllt. Fans seiner Filme werden nicht enttäuscht sein und Jarmusch-Neulinge werden womöglich umso reicher durch die besondere Dramaturgie und Ruhe des Films belohnt.

Paterson läuft ab dem 17. November in deutschen Kinos.