Kritik: Sieben Minuten nach Mitternacht (ES/US 2016)

amonstercalls

This story is about a boy too old to be a kid, too young to be an adult… and a nightmare.

Ganz zu Beginn von J.A. Bayonas fantastischem Coming-of-Age Drama wird Hauptprotagonist Conor (Lewis MacDougall) als jemand vorgestellt, der kein Kind mehr sein kann, aber auch noch nicht die Reife eines Erwachsenen besitzt, sich aber trotzdem wie einer verhalten muss. Das klassische Strickmuster des Coming-of-Age Films, bei welchem sich ein jugendlicher Protagonist langsam vom Schutzraum der Kindheit verabschieden und dadurch lernen muss langsam selbst Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen, wird auch hier aufgegriffen und zum Thema gemacht. Man hat es bei der Verfilmung des gleichnamigen Gewinners des deutschen Jugendliteraturpreises 2012 also zunächst mit einer sehr klassischen narrativen Struktur zu tun und auch die Verquickung jugendlichen Leidens mit Fantasy-Elementen hat es in der jüngeren Vergangenheit mit Filmen wie Pans Labyrinth, Die Brücke nach Terabithia oder zuletzt in Spielbergs The BFG zuhauf gegeben.

J.A. Bayona gelingt es aber trotzdem recht schnell die bekannten Versatzstücke der Geschichte eines verlorenen, ausgegrenzten und den Zusammenbruch des familiären Schutzraumes nicht verkraftenden Heranwachsenden neu einzuordnen. Es wird dadurch eine zwar niemals subtile, dafür aber emotional umso einnehmendere Geschichte über die Konfrontation mit dem Tod, den Schmerz des Erwachsenwerdens und Erwachsenseins und die Suche nach Trost in fiktiven Bilderwelten erzählt, die trotz der überdeutlichen Symbolik überraschend viele Ambivalenzen zulässt.

Erzählt wird der Film als Konfrontationstherapie, in dem Connor mit den Schrecken der Erwachsenenwelt – in diesem Falle der unerbittlich voranschreitenden Krankheit seiner alleinerziehenden Mutter – irgendwie zurechtkommen muss. Es werden die Leiden des Schutzlosen erzählt, welcher einen Erwachsenen spielen muss und genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Die hohe emotionale Intensität wird vor allem auch durch die konsequent eingenommene jugendliche Perspektive generiert. Der Zuschauer ist immer ganz nah dran an Connor, nimmt wahr, was er wahrnimmt und ist sich genau wie Connor auch niemals sicher, ob er sich gerade in der Realität oder einer imaginären Traumwelt befindet.

Allein gelassen mit all dem jugendlichen Schmerz, der überbordenden Wut und der eigenen Ratlosigkeit, bleiben ihm am Ende nichts Anderes als Geschichten, die ihm von dem alten Baum vor seinem Haus, welcher um sieben Minuten nach Mitternacht plötzlich zum Leben erwacht, erzählt werden und die auf etwas hinweisen sollen, was Connor noch nicht bereit ist zu begreifen, obwohl er es tief im Inneren schon realisiert hat. Hier orientiert sich der Film an dem therapeutischen Ansatz der Poesie- und Bibliotherapie, welche versucht durch die Auseinandersetzung mit Literatur oder der Kreation eigener Erzählungen Traumata zu verarbeiten. Die Bedeutung von erzählten, aber auch selbst erfundenen Geschichten ist ein zentraler Aspekt dieses Films, welcher auch dazu genutzt wird die Funktion des Kinos selbst zu reflektieren.

Connor verlangt zu Anfang nach einer Geschichte mit einem klaren Gut und Böse-Schema, einem Märchen, bei dem sofort ersichtlich ist wer auf welcher Seite steht, wem man die Daumen zu drücken hat und wer am Ende das Glück, bis ans Ende aller Tage zu leben, auch wirklich verdient hat. Er sehnt sich nach einer Geschichte, welche keine Ambivalenzen, dafür aber bedingungslose Realitätsflucht zulässt. Kunst, wie die Literatur oder der Film, sind aber – und das ist für einen Jugendfilm, welcher eine Altersfreigabe ab sechs Jahren anstrebt, schon eine bemerkenswerte Botschaft – nicht nur dazu da seine eigenen Probleme in einer imaginären Welt zu vergessen, sondern sich mit diesen auch konfrontativ auseinanderzusetzen. Kunst muss und soll es einem nicht leichtmachen, sondern vielmehr einen dazu befähigen schmerzhafte Wahrheiten zu realisieren und vielleicht auch anzuerkennen.

Im Schutzraum des Kinos wird über selbigen also konfrontativ und geradezu erbarmungslos reflektiert. Mit Versatzstücken klassischer Schauermärchen, die J.A. Bayonas bereits in seinem Frühwerk Das Waisenhaus und während seiner Arbeit an der Showtime-Serie Penny Dreadful erfolgreich eingesetzt hat, wird hier die Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen anhand einer schaurigen, unheilvollen Atmosphäre, märchenhaft-grausamer Animationssequenzen und einem laut tosenden, etwas zu dick auftragenden, seine emotionale Wirkung aber nicht verfehlenden Showdowns reflektiert.

Diese zu keiner Sekunde subtile Bildgestaltung und Erzählweise steht aber stets im Dienst der Geschichte, geht es doch vor allem darum, dass Connor eine offensichtliche Wahrheit akzeptiert, die kein Mensch und vor allem kein halbes Kind akzeptieren kann. Alle Zeichen weisen in diese eine Richtung, auch der eigene Körper, der sich in seiner überbordenden Verzweiflung und Wut in einer imposanten Sequenz geradezu verselbständigt und seinen zerstörerischen Impulsen freien Lauf lässt.

Dass der Film eine so hohe Intensität erreicht, verdankt er auch seinen Schauspielern, insbesondere seinem furchtlos eine weite Bandbreite an Emotionen transportierenden Jungdarsteller Lewis MacDougall, der noch ganz am Anfang seiner Karriere steht und bisher nur in Joe Wrights Pan in Erscheinung getreten ist. Die schwierige Rolle der sterbenden Mutter fängt Felicity Jones in nur wenigen Szenen glaubhaft ein und lässt den Film deshalb auch nicht in die Sterbe-Kitsch-Falle tappen, da Jones das Innenleben dieser jungen Frau inklusive aller Hoffnungen und Träume behutsam nach außen trägt. Daneben fügen sich auch Sigourney Weaver als von Connor zunächst ungeliebte Großmutter und Liam Neeson als Stimme des Monsters gut in das übersichtliche Figurenensemble ein.

Die Darstellung des Sterbeprozesses eines geliebten Menschen aus der Perspektive eines sehr jungen Menschen anhand von Fantasy-Elementen zu erzählen ist ein Unterfangen, welches leicht schiefgehen und in spirituellem Kitsch ersticken kann. Umso bemerkenswerter ist das Gelingen dieses hochemotionalen, an großen Gesten nicht sparenden Films, der aber glücklicherweise immer wieder zurück geht zu den tieferen, ambivalenteren und schwer zu ertragenen Wahrheiten, denen sich der Hauptprotagonist (und Zuschauer) irgendwann nicht mehr entziehen kann. Ein harter, aber deshalb umso mutigerer Jugendfilm, der in bekannten Gefilden Neues entstehen lässt.

Sieben Minuten nach Mitternacht startet in Deutschland am 04 Mai 2017 in den Kinos.