Kritik: Son of Saul (H 2015)

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© Ad Vitam Distribution

Du hast die Lebenden für die Toten verraten.

“There’s no business like Shoah business.” Mit diesen harten Worten kommentierte der ehemalige Außenminister Israels Abba Eban die Entwicklung einer Industrie, welche ausschließlich mit der Erinnerung an die Gräuel des Holocaust ihr Geld verdient. Gemeint damit waren zu der Zeit vor allem Museen, Verbände und Autoren. Das Zitat, mit seiner eindeutigen Anspielung auf den berühmten Hollywood-Musical-Text, wird heutzutage jedoch bevorzugt von US-Filmkritikern aufgegriffen, wenn es um Historienfilme geht – die meisten davon deutsch und wahrscheinlich für den Oscar nominiert – die vom 2. Weltkrieg und den Schrecken des Holocaust handeln. Tatsächlich scheint es vielen deutschen Filmemachern inzwischen weniger um die Verarbeitung einer nationalen Schuld, eines Traumas, zu gehen, sondern mehr um garantierte internationale Anerkennung (denn hier werden schließlich wichtige Themen behandelt, egal ob der Film gut ist oder nicht) und um fortwährend gute Besucherzahlen/Quoten. Es ist eine Industrie entstanden.

Infolge dieser Entwicklung müssen neue Holocaust-Filme, egal ob deutsch oder international, auf einem immer schmaleren Grat gehen, um weiterhin gewissenhaft und taktvoll zu wirken. Sie müssen sorgfältig mit der wahren Geschichte umgehen, sich aber auch dieser neuen Filmkultur und den damit verbundenen Vorurteilen bewusst sein. Hier werfen auf der einen Seite dramatisierte, pathosgeladene Streifen wie Spielbergs „Schindlers Liste“, Roberto Benignis „Das Leben ist schön“, oder Polanskis „Der Pianist“ und auf der anderen Seite sogenannte Atrocity Films, überwiegend dokumentarische Filme (Claude Lanzmanns „Shoah“ & Alain Resnais‘ „Nacht und Nebel“, u.a.), die unnachgiebig an der Freilegung von- und Auseinandersetzungen mit der grausamen Nazi-Vergangenheit arbeiten, ihre langen, dunklen Schatten. Der jüngste Film welcher sich nun diese Aufgabe zumutet ist László Nemes‘ „Son of Saul“, der diesjährige Oscar-Favorit aus Ungarn.

Saul (Geza Röhrig) ist ein ungarischer Jude, der 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Mitglied eines Sonderkommandos im höllischen Herz der Mordmaschine feststeckt. Tag ein, Tag aus muss er seine flehenden Mitmenschen in die Gaskammern treiben und ihre Leichen zu den Öfen bringen. Dazu kommt noch, dass er ständig um die Gunst der Nazi-Wächter und des Oberkapos Biederman (Urs Rechn) kämpfen muss, meistens mit kleinen (gestohlenen) Geschenken. Außerdem wird er von seinen Mitinhaftierten dazu gezwungen, sich einem gefährlichen Fluchtversuch anzuschließen. Inmitten all diesem fürchterlichen Chaos will Saul jedoch nur eine Sache zu Ende bringen: er möchte den Körper eines verstorbenen Jungen auf ordentliche, seinen Bräuchen entsprechende Weise begraben. Doch handelt es sich bei dem Jungen wirklich um seinen verloren-geglaubten Sohn?

„Arbeiten, arbeiten, arbeiten!“ Diese Parole begleitet das Sonderkommando von morgens bis abends, beim Schaufeln von Kohle, beim Putzen von Blut, beim Entsorgen von Leichen. Saul arbeitet still und ohne sich irgendwelche Emotionen anmerken zu lassen. Das unfassbare Leiden um ihn herum scheint ihn vollends abgestumpft zu haben. Auch die Flucht scheint ihn nicht mehr wirklich zu interessieren. Seine Maske fängt erst an zu bröckeln, als er die Leiche eines Jungen, den er als seinen Sohn identifiziert, sieht. Nur dieser kleine, tote Körper scheint nun für ihn Bedeutung zu haben. Nur durch diesen unschuldigen Jungen kann er die moralische Erlösung finden, nach der er sich sehnt. Nemes spiegelte dies in seiner vorsichtigen Inszenierung wieder. Inmitten all der Grausamkeit des Lagers wird alleine Sauls Gesicht im scharfen, detaillierten Fokus gehalten. Alles andere (Leichenberge, Hinrichtungen, Kleiderhaufen…) ist meist nur verschwommen oder aus einer würdigen Distanz zu sehen. Unterstützt wird dies durch eine reiche, immersive Tongestaltung des Leidens und der Gewalt, die Saul und uns von einem Schauplatz zum nächsten begleitet. Es entsteht eine subjektive Reise in langen Plansequenzen durch einen Art höllischen Fiebertraum, der jedoch der Wirklichkeit vermutlich erschreckend nahe kommt.

So schafft es „Son of Saul“ glücklicherweise recht schnell dem Schatten anderer Holocaust-Filme zu entkommen. Nemes und sein Team versuchen erst gar nicht das Unmenschliche des Konzentrationslagers zu begreifen, sondern richten ihr Augenmerk auf die verschiedenen Tätigkeiten der Arbeiter, auf das tägliche Leben der Inhaftierten. Die Handlung des Films ist einfach gehalten, voll auf die Gegenwart Sauls gerichtet und hält sich nicht mit dem Schicksal der Opfer um ihn herum auf. Das ist lobenswert, denn schließlich gibt es schon genug Auseinandersetzungen mit der ganzen Realität des Völkermords. Wir wissen, wie wir uns zu fühlen haben, was gewisse Bilder an Emotionen aus uns hervorholen. Nemes findet in seinem Film neue Inhalte und eine innovative Bildsprache, die das Geschehene in einem neuen Licht darstellt. Wir erfahren Sauls Geschichte, sowie die Machtkämpfe innerhalb eines Sonderkommandos und die dreckige, erniedrigende Arbeit dieser Gefangenen so wie in noch keinem vorherigen Film. So vermeidet es der Film zum einen zu manipulativ und aufdringlich zu wirken, zum anderen wird auch ein Raum geschaffen, in dem eine Figur entstehen kann, die nicht nur durch ausgeschöpfte und zu oft missbrauchte Bilder echter Opfer definiert ist. Kurz gesagt: „Son of Saul“ erinnert uns daran, dass der Holocaust-Film, 71 Jahre nach der Befreiung des Lagers Ausschwitz-Birkenau durch die Rote Armee, immer noch relevant und wichtig für die kollektive Erinnerung sein kann.