Kritik: Suicide Squad (USA 2016)

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Don’t forget: we’re the bad guys.

Nach den ersten Kritiken zu Suicide Squad stand den Verantwortlichen bei Warner sicherlich wieder der Schweiß auf der Stirn, denn nach den niederschmetternden Pressestimmen zu Batman v Superman und den daraus resultierenden verfehlten Zielen an der Kinokasse (die magische Milliarden-Dollar-Marke wurde um ein ganzes Stück verfehlt), sollte mit DCs selbstmörderischer Einsatztruppe die Rumpelkiste des „DC Extended Universe“ endlich in die Gänge kommen und den Holperstart vergessen machen. Eigentlich standen die Zeichen auch nicht schlecht für David Ayers (Herz aus Stahl) Suicide Squad, denn marketingtechnisch entwickelte sich die Superschurken-Einsatztruppe zum Selbstläufer und der „Hype-Train“ war spätestens nach dem clever geschnittenen Bohemian-Rhapsody-Trailer nicht mehr aufzuhalten. Hinter den Kulissen rumorte es jedoch gewaltig: Kalte Füße nach den BvS-Kritiken führten dazu, dass man dem DCEU eine Kurskorrektur verordnete und für Suicide Squad humoristische Nachdrehs anordnete, die den Grundton des Films aufheitern sollten. Zusätzliche Arbeit für einen Blockbuster, die ohne schon von Beginn an vollkommen überhastet und unter enormen Druck produziert worden war (Leseswert: http://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/suicide-squads-secret-drama-rushed-916693). Bezeichnend dafür: Regisseur und Drehbuchautor David Ayer soll das Drehbuch gerade einmal in sechs Wochen fertiggestellt haben. Und ganz ehrlich, genau danach fühlt sich der neuste Superhelden-Blockbuster aus dem Hause DC auch an. Suicide Squad ist sowohl technisch als auch erzählerisch ein desaströser Flickenteppich und damit die wohl größte Enttäuschung der aktuellen Kino-Saison. Dass der Film dennoch über einige spaßige Momente verfügt, ist allein den (in der Theorie) herrlich schrägen Protagonisten zu verdanken.

Psychopathen, Serienkiller, Kannibalen: Diese und noch mehr brutal gestörte Figuren bilden eine Sondereinsatztruppe wider Willen, die gegen Straferlass besonders selbstmörderische Auftragsarbeiten durchführen. Die Idee des Suicide Squads, DCs Himmelfahrtskommando, das seit 1987 in wechselnder Besetzung die Aufträge übernimmt, die zu schmutzig für die strahlenden Heldenfiguren sind, ist so großartig wie beschränkt und bezieht genau daraus seinen Reiz. Endlich einmal mit seinem Lieblings-Bösewicht auf Tuchfühlung gehen, welcher Comic-Fan wollte das nicht schon einmal? Und wenn man ehrlich ist, sind die kaputten Superschurken doch meistens sowieso viel interessanter als ihre bejubelten Widersacher.

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David Ayer begeht den größten Fehler, den er in der Konzeption des Films überhaupt hätte machen können und nimmt den Superschurken ihre diabolischen Charakterzüge. Er lässt sie zu missverstandenen Figuren werden, die mit einem Zähneknirschen ihr Leben für die gerechte Sache opfern würden. Mit einigen Drehbuch-Taschenspielertricks verhindert der Fury-Regisseur dabei von Beginn an, dass die Figuren echte Antipathie beim Zuschauer wecken könnten. Spaß am Töten? Darf es geben, doch bitte nur, solange die Gegner entmenschlichte Gurkenköpfe sind. Ego-Trips und Schimpftiraden? Gerne, aber nur wenn man sich letztlich doch als gute Seele mit Rüpel-Schnute entpuppt. Diese „Entdämonisierung“, die die Figuren ihrem absoluten Schurkentum enthebt, kann großartige und für das Comic-Universum weitreichende Folgen haben. Bestes Beispiel dafür dürfte wohl die Neugestaltung von Mr. Freeze in der mit einem Emmy ausgezeichneten Folge Heart of Ice der Meilenstein-Serie Batman: The Animated Series sein. Im Falle von David Ayers Suicide-Squad-Interpretation jedoch, wirkt die Charakterwandlung unglaubwürdig und scheint lediglich dazu zu dienen, die zahlenden Massen nicht zu verschrecken. Warum sich der Squad für Pyromane Diablo beispielsweise zu einer „Ersatz-Familie“ entwickelt haben sollte, will sich mir beim besten Willen nicht erschließen. Die eigentlichen Superschurken werden gnadenlos in die glattgebügelte Superhelden-Maschinerie eingewoben und unterscheiden sich damit letztlich kaum von der Comic-Konkurrenz. Der bereits im Trailer gebetsmühlenartig beschworene Slogan „Don`t forget we are the bad guys“ wird so zu einer stetigen und stets nötigen Erinnerung für das Publikum, ja nicht zu vergessen, dass hier eigentlich gerade die übelsten Gesellen auf der Leinwand zu sehen sind, die das DC-Universum aufbieten kann.

In David Ayers Suicide Squad ist jedoch nicht nur die Figurenzeichnung misslungen, denn auch technisch gibt es einige eklatante Mängel, insbesondere im Schnitt und in der musikalischen Untermalung. Ob diese Probleme den nachträglich eingefügten „humoristischen“ Szenen zu verdanken sind, sei mal dahingestellt, auffällig ist jedoch, dass insbesondere die Dialoge in Ayers Superschurken-Blockbuster oftmals seltsam hölzern und ohne den passenden Fluss vorgetragen werden. Unnötig lange Pausen zwischen Rede und Antwort und schlecht geschnittene Übergänge verstärken das Bild einer schlampigen Schnittarbeit noch. Doch nicht nur die Arbeit im Schnitt, auch die musikalische Untermalung muss hinterfragt werden. Gerade die ersten 40 Minuten des Films wirken wie ein nicht enden wollendes Musikvideo. Flashige Rückblenden werden hier zu den kultigsten Songs der letzten Jahrzehnte eingespielt. Stellenweise übertönt der Soundtrack regelrecht den eigenen Film, lässt den Bildern keinen Platz zur Entfaltung und verschlucken Dialog und Witz. So wird die eigentlich coole Atmosphäre des Films regelrecht gegen die Wand geblasen. Die Überinszenierung des Soundtracks scheint dabei dem Hype um den Bohemian-Rhapsody-Trailer entsprungen zu sein, den man mit einer stetig „kultigen“ musikalischen Untermalung zwingend gerecht werden wollte.

Wenn man über den Suicide Squad spricht, darf natürlich auch eine kurze Einschätzung zu Jared Leto als Joker nicht fehlen, obwohl es nach dem Joker-Kurzauftritt noch viel zu früh ist, um Letos Performance als Clown-Prinz mit den legendären Joker-Verkörperungen von Jack Nicholson oder Heath Ledger zu vergleichen. Nur soviel sei gesagt: Jared Leto ist wohl die weltlichste Verkörperung des Batman-Widersachers, der sich hier irgendwo zwischen Mode-Punk und Straßen-Pimp bewegt und dadurch in seiner Motivation deutlich fassbarer, aber auch weniger bedrohlicher wirkt.

Fazit: Mit David Ayers Suicide Squad ist nun das letzte Puzzlestück gefunden, das den desaströsen Start des DCEU komplettiert, denn mit der selbstmörderischen Sondereinheit bleibt DC nun nicht nur finanziell, sondern auch handwerklich weit abgeschlagen hinter dem Klassenprimus Marvel zurück.