Kritik: Sully (USA 2016)

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© Warner Bros. Entertainment

I’ve had 40 years in the air but in the end, I’m going to be judged by 208 seconds.

Es ist ein Bild, welches um die Welt ging und später von den Medien zum Wunder vom Hudson erhoben wurde: Ein Passierflugzeug treibt dort im Wellengang des Hudson Rivers. Menschen sammeln sich auf den Tragflächen des Luftfahrzeugs. Die eigentliche Tragödie wurde in ein Mirakel aufgelöst, denn: Dass eine Notwasserung, wie sie Captain Chelsey Sullenbeger infolge eines Vogelschlags, der beide Triebwerke außer Kraft setzte, am 15. Januar 2009 erfolgreich umsetzte, noch unwahrscheinlicher als ein Absturz ist, zeigt die hypothetische Unvorstellbarkeit dieses Landemanövers doch eigentlich ganz wunderbar auf. Der Tod der 155 Insassen des Airbus A320-214 wäre, bleibt man theoretischen Parametern treu, beschlossene Sache gewesen. Dass es bei dieser spektakulären Notlandung indes nur bedingt um Glück ging, offenbart Sully nun auf der Leinwand mit Vehemenz.

Clint Eastwood, dessen Reputation mit American Sniper zuletzt reichlich in Verruf geraten ist, als er einen psychopathischen Kriegsverbrecher zum schillernden Nationalhelden verklärte, besinnt sich mit Sully wieder auf filmerzählerische Stärken, die Eastwoods beachtliches Spätwerk so wertvoll gestalten: Ihm geht es nicht um Effekthascherei, der 86-jährige Regisseur setzt stattdessen auf Schlicht- und Nüchternheit, was sich schon an der Laufzeit von erfrischenden 95 Minuten manifestiert. Im Zentrum der Handlung steht Chelsey Sully Sullenberger (gespielt vom idealbesetzten Tom Hanks, Ein Hologramm für den König), ein weißhaariger, schnauzbärtiger Mann in den späten 50er Jahren. Eine unauffällige Erscheinung, mit über 40 Jahren Berufserfahrung aber gilt Sullenberger wohl fraglos zu den Kapazitäten innerhalb der Flugbranche. Aber auch eine sachkundige Kraft, wie Sullenberger sie darstellt, lässt sich nicht automatisch von Fehlern freisprechen.

Richtiggehend schirmen Clint Eastwood und Drehbuchautor Todd Komarnicki Sullenberger nicht von seinem Umfeld ab, sondern erklären den inzwischen zum amerikanischen Helden erkorenen Captain zum symbolischen Fluchtpunkt: Alle Linien, die auf Sullenberger zulaufen, münden in einem Appell an den puren Kooperationswillen: Zusammen sind wir stark, selbst (oder gerade) in Momenten, die sich bar jedweder Rationalität entfalten. Obgleich der Verlauf der Story nun bekannt sein mag, gewinnt Eastwoods Narrativ dadurch an Spannung, in dem es die bürokratischen Nachwehen des Wunders vom Hudson in den Fokus rückt: Sullenberger muss sich dem NTSB, einer staatlichen Verkehrsbehörde, die Flugzeugunglücke analysiert und dadurch Optimierungen unterbreitet, stellen und sein Handeln rechtfertigen. Rechtfertigen, weil Clint Eastwood die Szenen im Gerichtssaal dann doch etwas überhöht und die Ermittlungen zuweilen einem antagonistischen Spießrutenlauf gleichen lässt.

Mögen diese Momente in ihrer Dynamik auch konstruiert sein, so sind sie natürlich elementar für die Entwicklung der Erzählung, weil hier die Absurdität von Sullenbergs plötzlichem Lebenswandel zum surrealen Ausdruck gebracht wird: Nachdem er 155 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt hat, wirft er sein geschraubtes Grinsen als Gast bei David Letterman in die Kamera und muss sich dann Computersimulationen stellen, die ihm aufzeigen, dass er womöglich doch den nächsten Flughafen erreicht hätte, ohne den Knackpunkt zu berücksichtigen: Den Faktor Mensch. Und um genau diesen geht es hier, errichtet Eastwood dem von Alpträumen heimgesuchten Held wider Willen doch kein pathetisches Denkmal, das Rampenlicht war Sullenberger ohnehin immer zuwider. Sully beschwört den geschlossenen Kollektivgeist, glaubt an das Miteinander und findet sogar noch adäquaten Raum, um auf einer sublimen Erfahrungsebene die gesellschaftlichen Verheerungen nach dem 11. September anzusprechen.