Kritik: The Autopsy of Jane Doe (GB 2016)

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Jede Leiche hat ihr Geheimnis.

Dass die Arbeit von Austin (Emile Hirsch, Into the Wild) und Tommy (Brian Cox, Manhunter) der Tod höchstselbst ist, hat das Vater-Sohn-Gespann merklich zusammengeschweißt. Als Leichenbeschauer verdienen sie sich ihr täglich Brot damit, Menschen erst zu objektivieren und anschließend in ihre Einzelteile zu zerlegen. Todesursachen müssen aufgeklärt und Ungereimtheiten ins Reine gebracht werden. Tatsächlich möchte man sich anhand dieser Ausgangssituation von The Autopsy of Jane Doe einigen Assoziationen hingeben, die geradewegs in Richtung HBO und Six Feet Under schnellen. Dass es sich bei dem Betrieb, in dem Austin und Tommy tätig sind, auch noch um ein Familienunternehmen handelt, verhärtet jene reflexartige Gedankenkette. Trollhunter-Regisseur André Øvredal schwebt mit The Autopsy of Jane Doe allerdings keine schwarzhumorige Chronik vor.

Obgleich das ein oder andere Augenzwinkern durchaus willkommen ist, gefällt The Autopsy of Jane Doe erst einmal als liebenswerte Huldigung des klassischen Horror-Kinos, wenn André Øvredal in seinem englischsprachigen Einstand ein Klima des schleichenden Unbehagens schürt und schürt und schürt. Dass die berufliche Alltäglichkeit, die der Film zu Anfang noch in locker-flockigen Montagen suggerieren möchte, selbstverständlich nur ein Trugschluss (respektive Wunschdenken) sein kann, wissen die beiden Gerichtsmediziner natürlich selbst am besten. Wer jeden Tag aufs Neue mit dem Tode konfrontiert wird, mag irgendwann ein Stück weit abgestumpft werden; und dennoch wird es wohl kaum einen Tag geben, an dem man vollkommen unbedarft nach Hause geht. Dass The Autopsy of Jane Doe indes dennoch kein philosophischer Diskurs ist, war abzusehen.

Nein, wie bereits erwähnt, versteht sich The Autopsy of Jane Doe erst einmal als schauriger Genre-Film, bei dem vor allem die ersten 60 Minuten ungemein bestechend auf den Zuschauer einwirken. Wie es dem norwegischen Filmemacher hier gelingt, mit der identitätslosen Leiche einer jungen Frau ein Mysterium zu erschaffen, welches Austin und Tommy nur ergründen können, wenn sie bis zu dessen Ursprung vordringen (sprich: in ihre Einweide), funktioniert blendend. Inszenatorisch baut André Øvredal dabei auf die räumliche Begrenzung des Leichenschauhauses. Immer wieder zeigt er den Charakteren und damit auch dem Zuschauer, die hier bei auf einem Wissensstand fungieren, die eigenen Grenzen auf. Die Dame, Jane Doe genannt, eben weil sich die Herkunft ihres leblosen Körpers nicht zurückverfolgen lässt, scheint indes äußerlich unberührt den Tod gefunden zu haben – was einige Seltsamkeiten aufwirft.

Gebrochene Fuß- und Handgelenke, eine durchtrennte Zunge, Torfreste unter den Nägeln und die seltsam graugefärbten Augen werfen Fragen auf, die erst den Anfang einer erschreckenden Wahrheit bedeuten. The Autopsy of Jane Doe funktioniert genau solange, wie André Øvredal sein Gruselszenario in der Schwebe behält und die Wahrheit auf Abstand hält. Eine ausgefeilte Klangkulisse ist der Taktgeber für einen Rhythmus, der die Spannungsschraube schwelend, siedend, einnehmend-mysteriös andreht. Nach besagter Stunde allerdings verläuft sich The Autopsy of Jane Doe ganz gewaltig. Der Film wird lauter – und damit auch ineffektiver. Aus dem Unwohlsein, welches ganz genüsslich unter die Haut zu kriechen verstand, wird eine schrille Geisterbahnfahrt, die jedes Kribbeln und Kratzen im Keim erstickt, was The Autopsy of Jane Doe hinten heraus ungemein unrund erscheinen lässt. Geheimtipp und Konfektionsware reichen sich hier die Hand.

The Autopsy of Jane Doe ist seit dem 20. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich.