Kritik: The First Avenger – Civil War (US 2016)

Civil War

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– A hero? Like you? You’re a lab rat, Rogers. Everything special about you came out of a bottle!
– Put on the suit. Let’s go a few rounds.

(aus “The Avengers”, 2012)

Nachdem ein Einsatz der Avengers unter Leitung von Steve Rogers/Captain America (Chris Evans) in Nigeria außer Kontrolle gerät und das Leben Unschuldiger kostet, sieht sich die internationale Gemeinschaft zum Handeln gezwungen. Mit dem Stokovia-Vertrag sollen die Helden an die Kandare gelegt und das Team unter die Aufsicht der Vereinten Nationen gestellt werden. Während sich Tony Stark, alias Iron Man nach den Ereignissen von Age of Ultron auf die Seite derer stellt, die für eine klare Befehlskette eintreten, fürchtet Captain America die Einmischung der Politik. Als dann der Winter Soldier, Rogers gehirngewaschener Freund aus Jugendzeiten einen folgenschweren Anschlag begeht, eskaliert die Situation.

Jeder Superhelden-Film seit Sam Raimis Spider-Man kennt das zentrale Thema des verantwortlichen Umgangs mit der Macht seiner Protagonisten. Civil War aka „Captain America 3“ führt dieses Motiv weiter, indem die Regisseure Anthony und Joe Russo ihren Hauptfiguren die Frage aufbürden, wie sie nun mit den Folgen ihrer (Helden-) Taten umgehen sollen. Civil War schafft es, die Motivation, wenigstens der Schlüsselcharaktere, als plausibles Resultat der vorangegangenen Franchise-Einträge erscheinen zu lassen. Spätestens nach der Enttarnung von S.H.I.E.L.D. als Hydra-Schattenarmee in The Return of the First Avenger wächst in Steve Rogers das Misstrauen gegen jegliche Autorität, die nicht allein von einem lauteren moralischen Kompass leiten lässt. Gleichzeitig wird Tony Stark eindringlich mit den menschlichen Folgen seiner eigenen Hybris konfrontiert, die zu den katastrophalen Ereignissen von The Avengers – Age of Ultron führte. Auch die Tatsache, dass Iron Man eigentlich nach seinem dritten Kinoausflug mit seinem Superhelden-Dasein abgeschlossen hatte, wird, anders als in Avengers 2 von den Russo-Brüdern aufgegriffen. Trotzdem ist Civil War eben kein „Avengers 2.5“, sondern noch immer eine Captain-America-Story, die zeigt, dass dem anachronistischen Weltkriegshelden sein Ehrenwort wichtiger ist als jeder Vertrag. Auch wenn er mit den Folgen leben muss. Entscheidend ist dabei die Tatsache, dass beide Positionen nachvollziehbar sind und die Geschichte keiner Position vollends Recht geben kann.

War Civil War in Comic-Form bereits eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit, so hatte die Geschichte zumindest die Gelegenheit sich über ihr Medium adäquat auszubreiten. Comicbücher erlauben es, einzelne Panels so lange zu betrachten, wie man will, vor- und zurückzublättern. Dies bietet eine serielle Bildabfolge wie das Kino natürlich nicht und so verwundert es auch nicht, dass das Personal in der Kinoversion etwas abgespeckt wurde, wobei die Versammlung von einem Dutzend Superhelden vor der Kamera sicherlich trotzdem ein Rekord sein dürfte. All diesen Figuren gerecht zu werden, gelingt dem Drehbuch von Christopher Markus und Stephen McFeely dennoch überraschend gut. Zwar müssen sich einige etablierte Nebenfiguren wie William Hurts General Ross oder Agent 13 alias Sharon Carter (Emily VanCamp) mit einem Stichwortgeber-Dasein zufriedengeben, dafür können sich aber zwei Neueinsteiger umso eindrucksvoller nach vorne spielen.

Und zu meiner eigenen Überraschung ist das Daniel Brühl. Inzwischen hat sicher jeder das völlig verdiente Lob für Chadwick Boseman und Tom Holland als Black Panther, respektive Spider-Man gelesen. Über Brühl werden dabei allerdings wenige Worte verloren. Das hängt zum einen sicher mit der zum Teil albernen Spoiler-Kultur zusammen, zum anderen mit der Tatsache, dass es seinen Charakter des Baron Zemo eigentlich nicht braucht, um einen philosophischen Konflikt zwischen den Helden zu einem handfesten werden zu lassen. Doch in der wenigen Leinwandzeit, die dem Wahlberliner gegönnt wird, schafft es Brühl, seine Figur überaus menschlich in ihrer Motivation und gleichzeitig übertrieben-comichaft in ihren Methoden erscheinen lassen. Ja, das MCU hat sein Gegenspieler-Problem noch immer nicht in den Griff bekommen (auch wenn ich den Mandarin in Iron Man 3 ja hervorragend fand), aber Daniel Brühl holt das meiste aus dem Material, das ihm gegeben wird.

Eine Großtat für das ganze Superhelden-Genre ist ohne Zweifel die Konfrontation der beiden Parteien auf dem Flughafen Halle-Leipzig. Dass die Russos in dieser Sequenz nicht die Übersicht und damit die Aufmerksamkeit des Publikums verlieren, ist einfach fantastisch, denn allein für diese Sequenz lohnt sich die Kinokarte. Nicht, weil hier irgendwelche Kraftmeier aufeinander einprügeln, sondern weil durch die Vorarbeit von zwölf Filmen der Reihe verstehen, *warum* sie das tun. Und weil es eben doch wahnsinnig Spaß macht, ihnen dabei zuzusehen. Hier verlassen die Regisseure ihre Komfortzone mit enger Kameraführung und praktischen Stunts und zeigen, dass sie auch für ausladendere Effektsequenzen gewappnet sind, wie sie der Avengers-Zweiteiler Infinity War sicherlich erfordern wird.

The First Avenger – Civil War ist ein Triumph für das mitunter ermüdende Superhelden-Genre und kann ganz klar zu den besten Filmen des MCU gezählt werden.