Kritik: The Hateful Eight (USA 2015)

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„You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang.“

Autor: Sebastian Groß

Ja, man kann sich „The Hateful Eight“ auch in der digitalen Fassung anschauen, so lange der Kinobetreiber es versteht den Projektor richtig einzustellen. Auch in der proletarischen, anti-cineastischen und anti-materiellen Fassung ist Quentin Tarantino ein sehenswerter Film gelungen, der aber mit großer Sicherheit seine Zuschauerschaft spalten wird. Denn noch nie verübte der Kult-Regisseur so verbittert und gleichzeitig doch so hoffnungsvoll eine Aussage über die Differenz des Menschen. Bereits in „Django Unchained“ erzählte Tarantino über Rassismus, Vorurteile und – natürlich – Rache. „The Hateful Eight“ nimmt sich dieser Thematiken erneut an, anders als bei seinem ersten Western verzichtet er aber darauf dies mit einer fast schon comicartigen Patina zu belegen. So ganz auf zitierfähige Oneliner und natürlich teils absurde Gewalteskapaden kann Tarantino zwar auch hier nicht verzichten, doch der Tonus von „The Hateful Eight“ ist weit aus ruppiger, düsterer und durchzogen von einem alles verdunkelnden Pessimismus, der allerdings im letzten Akkord aufbricht und am Ende die Hoffnung obsiegen lässt, auch wenn diese blutbesudelt und versifft daher kommt. Doch bevor es dazu kommt, schwelgt Tarantino in einer filmischen Symphonie der Bilder und Figuren und dies in einer Geschwindigkeit, die man am ehesten als gemächlich bezeichnen kann. Wie gewohnt sind die Dialoge lang und die Figuren Stereotypen. Zumindest zu Beginn. Nach und nach werden diese charakterlichen Blaupausen aufgebrochen. Aus diesem Kokon schlüpfen aber keineswegs (Anti-) Helden. Vielmehr ist „The Hateful Eight“ eine Ansammlung von Schurken. Das Gute, welches am Ende – mit der allerletzten Szene – beschworen wird, hat hier weder in einer Pferdekutsche, noch in der Herberge mitten im verschneiten Wyoming Platz. Tarantino zelebriert die Poesie des Bösen: Rassismus, Neid, Misstrauen, Gewaltbereitschaft, Niederträchtigkeit und Verrat. Mit großer Verve zerlegt Tarantino den Mythos des Helden. Dies wird vor allem bei Samuel L. Jackson deutlich. Zu Beginn noch so etwas wie ein Licht in der Dunkelheit, wird rasch klar, dass auch seine Figur nicht wirklich unsere Erwartungshaltung an einen Helden erfüllen kann und vor allem will. Insgesamt ist „The Hateful Eight“ kein wirklich großartiges Kino, aber eines, welches mit seiner räudigen Vielschichtigkeit für (böse) Überraschungen sorgt und uns etwas ins Bewusstsein ruft: Wahre Helden gibt es nicht. Eine Botschaft, die man anfechten, bezweifeln oder als Humbug abtun kann, aber wer will das schon, wenn alles von stilisierten Bildern, einem überzeugenden Cast (ganz toll: Walton Goggins) und dem grandiosen Soundtrack von Großmeister Ennio Morricone zusammengehalten wird?

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Autor: Stefan Geisler

Ein seltsames Stück Film ist Quentin Tarantinos Schnee-Western „The Hateful Eight“ geworden. Ungewohnt politisch in seiner Aussage, ungewohnt plump in seinen Dialogen und ungewohnt düster in seiner Machart. Der politische Unterton, der bereits in Tarantinos letztem Streifen „Django Unchained“ deutlich spürbar war, passt dabei zum aktuellen Auftreten des Regisseurs, der sich im Oktober 2015 gegen die wachsende Polizeigewalt in den USA stark machte, an einer Demonstration in New York teilnahm und sich sogar öffentlich für die Strafverfolgung „mordender Cops“ aussprach. Rassendiskriminierung ist nach wie vor ein brandaktuelles Thema in den USA, insofern darf Tarantinos „The Hateful Eight“ sicherlich auch als Statement gegen diese gesehen werden (auch wenn Spike Lee bei diesem Gedanken wohl vehement widersprechen würde). Deutlich zeigt sich dies in den Dialogen, die normalerweise das Herzstück eines jeden Tarantino-Streifens darstellen, denn diese sind zumeist von einer fast plumpen Simplizität geprägt. Statt Wortwitz und den typisch witzig-skurrilen Dialogen spucken die Charaktere hier eine rassistische Hasstirade nach der nächsten aus, die dem Zuschauer ein durchaus heilendes Unwohlsein bescheren. Dabei scheint es nur konsequent, dass Tarantino seine Botschaft eher mit einer Brechstange in den Kopf seiner Zuschauer hämmert, als durch unterschwellige Botschaften auf die Problematik aufmerksam zu machen, schließlich ist auch der thematisierte Rassismus in den seltensten Fällen ein subtil vorgetragener. Dass dabei darauf verzichtet wird, eine der Seiten auf einen moralischen Podest zu stellen, kann dem Regisseur nur zugute gehalten werden, denn letztlich scheinen alle Charaktere durch ihre niederen Motive doch irgendwie wieder geeint. Getrieben von Rache, Rassismus, Hass und Gier lassen sie das zynische Kammerspiel in einer Blutfontäne enden. Diese schon fast grotesk anmutenden Gewalteskapaden stützen dabei den düsteren, fast weltverachtenden Grundton und erinnern handwerklich ein wenig an die Arbeiten des italienischen Horror-Großmeisters Lucio Fulci oder des „Evil-Dead“-Masterminds Sam Raimi. Könnte das vielleicht als Fingerzeig auf das nächste Projekt des Zitate-Meisters verstanden werden? Bis zuletzt gestattet Tarantino seinen Charakteren weder ein Entkommen aus der verschneiten Trostlosigkeit noch aus ihrer beschränkten Weltanschauung. Selbst wenn am Ende vordergründig Differenzen überwunden werden können, geschieht dies letztlich nur durch einen einenden Hass. Tarantinos achter Kinofilm springt letzten Endes ein wenig aus der Reihe, denn das langsame Kammerspiel ist definitiv keine leichte Kost und wird sicherlich so manchem Kinogänger auf den Magen schlagen. Der Regisseur legt einen ungeahnten Pessimismus an den Tag, der in Anbetracht seiner bisherigen Filmografie sogar irgendwie erfrischend scheint. Tarantino hat mit „The Hateful Eight“ wohl keinen perfekten, dennoch aber einen herrlich schrägen Western geschaffen, der seine Zuschauer allein schon durch seine düstere Grundstimmung in seinen Bann zieht und einmal mehr beweist, dass Quentin Tarantino zu den unberechenbarsten Filmemachern unserer Zeit gehört.