Kritik: The Neon Demon (DNK, FR, USA 2016)

Neon-Demon

She’s a diamond among a sea of glass.

Autor: Sebastian Groß

Neben Lars von Trier und Gaspar Noé gelingt es keinem anderen Arthouse-Regisseur sich so konsequent als eigene Marke zu verkaufen wie Nicolas Winding Refn. Sein neuer Film The Neon Demon polarisierte bereits vor seiner Uraufführung in Cannes die Gemüter. Als er dann endlich über die Leinwand flimmerte waren Buh-Rufe und verlassene Sitze die Folge. Anders gesagt: die Marketing-Maschine Refn hat wieder zugeschlagen. Diesmal sogar noch etwas lauter und heftiger als bei „Only God Forgives“ aus dem Jahre 2013. Wer sich traut, in die Höhle des Neon Dämonen, wird also bereits wissen, dass Refn erneut einen cineastischen Trip inszeniert hat, der sich nur schwer einordnen lässt. Ist es eine Demontage der schillernden Modewelt? Eine Parabel auf unsere Fixierung auf Schönheit? Ist es vielleicht einfach nur eine Verkettung von avantgardistischen Bildern und Posen? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht. „The Neon Demon“ ist alles und doch nichts davon. Eines ist der zehnte Spielfilm von Refn aber definitiv: einnehmend. „The Neon Demon“ besitzt eine unnachahmliche Sogkraft. Diese bildet sich aus dem massiven Spektrum von Interpretationen und Möglichkeiten, die das dänische Enfant terrible hier vorlegt. Kein Lichtpartikel wirkt zufällig gesetzt, kein Blick der keine Hintergedanken freisetzt, alles in diesem cinematischen Kosmos der Formen und Farben zirkuliert, atmet und erzählt eigene Geschichten. Das ist zu gleichen Teilen berauschend wie intensiv sowie kräftezehrend. Wer nicht mit genügend Reserven ins Kino geht, könnte und gut und gerne vom Neon Demon überrollt werden. Oder mit Übelkeit und Kopfschmerzen den Kinosaal verlassen. Wie gewohnt schwingt Refn auch hier die Keule der Geschmacklosigkeit. Es gibt Kannibalismus genau wie Nekrophilie und selbst pädophile Anstriche mag man zu erkennen, wenn Darstellerin Elle Fanning (Maleficent – Die dunkle Fee) in einer großartigen Szene von einem wortkargen Photographen (Desmond Harrington, bekannt aus der TV-Serie Dexter) hergerichtet wird. Sowieso bietet The Neon Demon eine Anzahl großer Einzelszenen. Wer von einem Film jedoch erwartet, diese in ein großes, überzeugendes und vor allem kohärentes Ganzes zu setzen, dürfte enttäuscht sein. Zwar ist Refn stilsicher wie immer, das Narrative entgleitet ihm aber völlig. Doch dies ändert nichts daran, dass „The Neon Demon“ ein Faszinosum geworden ist. Ein Spiel der Erwartungen, eine offen ausgesprochene Einladung für Interpretation und zeitgleich vielleicht auch einer der zärtlichsten Filme des Jahres, denn eines macht Refn klar: Schönheit ist alles und alles ist nichts.

 

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Beauty isn’t everything. It’s the only thing.

 

Autor: Stefan Geisler

Bereits nach seiner Premiere in Cannes hatte Nicolas Winding Refns neuster Film für angeregte Diskussionen gesorgt. Natürlich gab es auch im Falle von „The Neon Demon“ wieder die Refn-typischen „Style over Substance“-Debatten, die pünktlich mit jedem neuen Werk des dänischen Filmemachers die Kritiker in zwei Lager spalten, doch diesmal unterstellten man dem Regisseur noch eine zutiefst misogyne Note – ein in meinen Augen ein absolut unhaltbarer Vorwurf. „The Neon Demon“ ist kein misogyner Film, Refn siedelt seinen Film lediglich in einem tendenziell frauenverachtenden Milieu an, und nimmt dabei die Künstlichkeit der Model-Industrie auseinander, die stetig neue Talente fordert und diese auch ebenso schnell wieder ausspuckt, da hier wie in keinem anderen Beruf das Aussehen und eben nur das Aussehen zählt. Refn inszeniert das Laufstegleben bewusst überspitzt, reduziert die Welt der Glitzer- und Glamourmodels auf die ewig währende Hatz nach der körperlichen Perfektion, den stetig unerreichbaren Zustand des Naturschönen, der paradoxerweise mit künstlichen Mitteln erzwungen werden soll. Der Wunsch das körperliche „Verfallsdatum“ – das in der Modelszene ungesund jung gesetzt ist – noch ein wenig weiter herauszuschieben ist dabei existenziell, denn nur die körperliche Makellosigkeit bringt eine Jobgarantie mit sich. Und so kämpfen die Laufsteg-Schönheiten nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern führen auch einen wahnwitzigen Kampf gegen den eigenen Körper, der letztlich nur verloren werden kann.  Die Welt der Models ist geprägt von Sex, Selbstinszenierung und -vermarktung, doch natürlich müssen die Dienste auch „sprichwörtlich“ an den Mann gebracht werden, denn der äußerst undankbare Job dieser Frauen ist es, eben jenen Männern zu gefallen, die immer auf der Suche nach der nächsten Trophäe sind. Ein Punkt den Refn auch über die Grenzen des Modelbusiness hinausdenkt und ihn auf eine männerdominierte Gesellschaft als Ganzes bezieht, was einem spätestens durch den zwielichtigen Motel-Manager Hank (Keanu Reeves) deutlich werden sollte. Sex wird hier zum stetigen Antriebsstoff der Gesellschaft, wodurch eine thematische Verwandtschaft zu Kubricks „Eyes Wide Shut“ kaum von der Hand zu weisen ist. Diese künstliche Welt – bestimmt von Sex und Äußerlichkeiten – wird nun bedroht von der naiven 16-jährigen Schönheit Jesse (großartig: Elle Fanning), die als angehendes Modeltalent nicht nur das Ideal der natürlichen Schönheit zu verkörpern scheint, sondern auch in sexueller Hinsicht „rein“ ist und dadurch bei den männlichen wie weiblichen Protagonisten gleichermaßen Begehrlichkeiten weckt.
Refn hat mit „The Neon Demon“ einen filmischen Rausch erschaffen, einen visuell großartig umgesetzten Horrorthriller, dem in seinen besten Momenten tatsächlich der Spagat zwischen Dario Argentos skurrilem Farbentanz „Suspiria“ und der Künstlichkeit einer albtraumhaften Heidi-Klum-Topmodel-Inszenierung gelingt. Spätestens wenn hier Verweise zur Legende um die „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory gezogen werden, dreht „The Neon Demon“ jedoch vollkommen frei und die Neonröhren-Laufsteg-Blase zerplatzt in einem Schwall aus Blut und Gewalt. Refns „The Neon Demon“ ist eine kompromisslose Abrechnung mit dem gesellschaftlichen Schönheitswahn und ist dabei ebenso grenzwertig-abstoßend wie clever und stilvoll. Nie hat Refns hyper-künstliche Inszenierung besser gepasst, denn die Künstlichkeit der Bilder unterstreicht noch einmal das Lebensfremde und Unnatürliche der Model-Industrie, die das eigentlich Schöne stets vergiftet und sich letztendlich immer einverleiben wird.