Kritik: The Sea of Trees (US 2015)

5

© Ascot Elite

A perfect place to die.

Er lässt den Zündschlüssel stecken, das Parkticket auf dem Beifahrersitz liegen, reißt ohne Gepäck und bucht keinen Rückflug. Fast möchte man glauben, die asiatische Dame am Check-In Schalter ahnt aufgrund ihres skeptischen Blickes bereits, wohin die Reise des amerikanischen Mathematikers Arthur Brennan (Matthew McConaughey) wirklich geht bzw. wo sie enden soll. Im berüchtigten Aokigahra-Wald, der seit Jahrzehnten eine Art magische Anziehung auf Suizidwillige aus allen Winkeln der Erde auszuüben scheint. Auch Arthur hat seinen Lebenswillen verloren. Warum, wissen wir zunächst nicht. Nur sein Vorhaben wird relativ schnell klar. Bis er im letzten Moment „gestört“ wird. Durch den orientierungslosen und blutüberströmten Nakamura (Hollywoods Lieblings-Japaner Ken Watanabe), der seine Meinung offenbar kurz vor knapp noch geändert hat. Arthur will helfen, noch eine letzte gute Tat vollbringen, was zu einer Odyssee der beiden lebensmüden Männer durch das schier undurchdringbare Dickicht des Labyrinth-artigen Waldes wird, aus dem es kein Entkommen zu scheinen gibt.

Gus Van Sant bleibt in seiner Unberechenbarkeit eine standhafte Konstante im US-Independent-Kino. Mal dreht er fast im Verborgenen und mit dem absoluten Minimalismus verschriebenen Mitteln, mal große Erfolge wie Good Will Hunting oder sogar absurde Remake-Kuriositäten wie das Hitchcock-Remake zu Psycho. The Sea of Trees mag von der Grundprämisse leicht an sein kaum wahrgenommenes Film-Experiment Gerry von 2003 erinnern: Zwei Männer in der und gegen die Wildnis, obgleich sie eigentlich mit sich selbst und ihren Dämonen zu kämpfen haben. Beide wollten sie ursprünglich ihrem Leben ein Ende setzen (aus ganz unterschiedlichen, kulturell dafür sehr „üblichen“ Gründen) und finden durch die Gemeinsamkeit, die Verantwortung füreinander und eine nie stattgefundene Aufarbeitung ihrer Konflikte nun plötzlich neuen Lebensmut…nur merkwürdigerweise keinen Weg mehr hinaus. Als wenn der Wald sie verschlucken wollte, sein Recht auf ihre Seelen einfordern würde…oder einfach auf den richtigen Moment wartet, bis es endlich zum wahren Punkt des inneren Friedens (halbwegs) gekommen ist.

Die beinah mystische Aura des Todes, die den Wäldern von Aokighara nachgesagt wird, lässt Van Sant in stimmigen Montagen schnell zu einer Art unsichtbaren Hauptdarsteller werden. In der Stille und trügerischen Schönheit dieses Sea of Trees schlummert etwas Endloses, Undurchdringliches, was die Protagonisten schnell am eigenen Leib erfahren werden. Der Tod ist allgegenwärtig. Früh eingeläutet durch ein fast verrottetes Autowrack auf dem Parkplatz, durch hilflos wirkende, lebensbejahende Tafeln am Waldesrand, gespannte Schnüre, die Unschlüssigen wohl als Rettungsanker dienen sollen. Lange bevor die ersten Leichen auftauchen, über die man fast beiläufig stolpert. Mit dem Zusammentreffen der beiden Männer entwickelt sich eine Form des Survival-Films ohne Spektakel, mit geschickt eingebauten Rückblenden auf zumindest eine ihrer Vergangenheiten, die den kompromisslosen Entschluss von Arthur scheibchenweise nahebringt. Mit wunderschönen Fotographien und enorm stark gespielt von allen Beteiligten (McConaughey hat sich in den letzten Jahren vom unglücklich besetzten Six-Pack-Schmierlappen – startend mit Friedkin’s schroffen Groteske Killer Joe– wahrlich zu einem echten Charakter-Darsteller entwickelt) weiß The Sea of Trees eine interessante Basis zu kreieren, die leider gegen Ende deutlich an Profil abbaut.

Der sensiblen Herangehensweise von Traueraufarbeitung, Verlust und der Wiederentdeckung vom Sinn des Leben steht ein etwas grobschlächtiges und auf den letzten Metern gar esoterisch-kitschiges Finale gegenüber, dessen Reiz zwar naheliegend ist, aber mit dem nötigen Mut und Können locker übergangen werden könnte. Gus Van Sant mangelt es normalerweise an nichts von dem, daher ist es schon überraschend, wie er trotzdem in dieser Schiene endet. The Sea of Trees hätte alle Möglichkeiten, auch ohne spirituellen Zinnober und kantige Märchen-Metapher als empathisches Selbstfindungs-Drama wunderbar zu funktionieren. Da liegt ein Hauch von Shyamalan-Wunderpuder drauf, der auch öfter fehl am Platz war/ist.

The Sea of Trees ist seit dem 13. Januar auf Blu-ray und DVD erhältlich.