Kritik: Thor 3 – Tag der Entscheidung (USA 2017)

© Disney

She’s too powerful, I have no hammer.

Schreiben über die aktuellen Marvel-Filme ist inzwischen ziemlich ermüdend geworden, denn bereits seit einigen Jahren funktionieren sämtliche MCU (Marvel Cinematic Universe)-Großproduktionen, ungeachtet des Regisseurs, nach Schema F: Familienfreundliche Blockbusteraction mit Witz und Herz. Viel zu selten bricht das Studio mit den eigenen Konventionen oder geht Risiken ein. Das letzte Mal wohl 2014, als mit Guardians of the Galaxy verschrobene Außenseiter-Charaktere ein Multimillionen-Dollar-Blockbuster tragen mussten und dies auch mit Bravour bewältigten. Logischerweise verlaufen dementsprechend auch Kritiken immer nach dem gleichen Muster, deshalb an dieser Stelle schon einmal vorweggenommen: Ja, auch Thor: Tag der Entscheidung ist innovationsarmes, aber dennoch unterhaltsames Popcorn-Kino mit Witz und Herz für die ganze Familie. Gähn. Und ganz ehrlich, so richtig verübeln kann es den Entscheidungsträgern bei Disney-Marvel wohl niemand, dass sie wieder und wieder auf die vielfach erprobte Rezeptur setzen, denn der Erfolg an den Kinokassen gibt ihnen doch zumindest aus finanzieller Sicht noch immer Recht.

Eigentlich stehe ich Comic-Blockbustern nicht kritisch gegenüber. Ich liebe Graphic Novels, Comic-Verfilmungen und alles, was in dessen Dunstkreis produziert wird und dennoch habe ich mit der aktuellen Veröffentlichungspolitik von Marvel ein großes Problem. Inzwischen wird jeder neue Marvel-Film in der Disney-Großküche unter Zuhilfenahme der gleichen Rezeptur hergestellt, wodurch sich die Endprodukte in Sachen Eigenständigkeit kaum noch voneinander unterscheiden. Disney-Marvel ist zur cineastischen Fast-Food-Mangelernährung verkommen: Die Filme unterhalten zwar kurzfristig, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck mehr. Mittlerweile befinden wir uns jedoch in Phase 3 des MCU, nähern uns der finalen Konfrontation mit Oberschurke Thanos, auf die bereits seit Marvels The Avengers hingearbeitet worden ist und befinden uns somit auch kurz vor dem wohl größten Umbruch im MCU seit Beginn des filmischen Universums. Große Ereignisse werfen bekanntlich ihren Schatten voraus, doch im Falle des groß angekündigten Aufeinandertreffens der ersten Marvel-Heldenriege mit dem galaktischen lila Kampfkoloss Thanos kann dies nicht behauptet werden. Marvel hat sein Händchen für das Dramatische verloren. Es gibt kaum Konflikte, die während Avengers 3: Infinity War gelöst werden müssten, kaum dramatische Momente, die als Vorzeichen des kommenden Übels fungieren würden.

Thor: Tag der Entscheidung fügt sich dabei nahtlos in diese Reihe ein. Auf dem Papier herrscht zwar Untergangsstimmung im Marvel-Cinematic-Universe (MCU), schließlich wird in Thor: Tag der Entscheidung die Götterdämmerung (Ragnarök) heraufbeschworen, an dramatischen Höhepunkten fehlt es dem dritten Solo-Film um den nordischen Göttersohn jedoch. Selbst während des destruktiven Finales darf dabei die lustig-lockere Wohlfühl-Seifenblase nicht platzen. Ein lockerer Spruch und die unerträglich pathetische Erkenntnis, dass Asgard weniger durch einen Ort als durch seine Bewohner zum Leben erwacht, lassen den Zuschauer befremdlich unbeeindruckt der Zerstörung von Thors Heimatwelt beiwohnen. Wenn es selbst dem Göttersohn und dessen Gefolge herzlich egal scheint, dass Asgard dem Erdboden gleich gemacht wird, warum sollte es dann den Zuschauer emotional aufwühlen?

Abseits der Frage nach der aktuellen Ausrichtung des MCU muss dennoch festgehalten werden, dass Thor: Tag der Entscheidung ein äußerst kurzweiliger Film geworden ist, was auch an der besonderen Humor-Nuance liegen dürfte, die der neuseeländische Eagle-vs-Shark-Regisseur Taika Waititi in den Film einfließen lässt. Insbesondere die Buddy-Chemie zwischen der grünen Kampfmaschine Hulk (Mark Ruffalo) und dem Donnergott Thor (Chris Hemsworth) funktioniert hervorragend und sorgt für einige der besten Buddy-Comedy-Momente im MCU. Warum sich die Verantwortlichen bei Marvel noch immer so vehement gegen einen weiteren Solo-Ausflug vom Hulk wehren, bleibt nach diesem souveränen Auftritt ein Rätsel. Erstaunlicherweise erweist sich im bunten Figurenkabinett gerade Loki, der heimliche Star der bisherigen Thor-Filme, als größter Schwachpunkt. Der von Tom Hiddleston gespielte Fanliebling, der im Film eine erstaunliche optische Ähnlichkeit zu Tommy Wiseau (The Room) aufweist, entwickelt sich zunehmend vom gewieften Gegenspieler zum durchschaubaren Ränkeschmied, dessen stetiger Versuch Thor als Thronfolger auszuschalten inzwischen zu einem traurigen Running-Gag verkommen ist.

Bereits die ersten Poster und die nachfolgenden Trailer machten deutlich, dass Waititi mit seinem Ausflug ins Marvel-Universum eher in Richtung Guardians of the Galaxy schielen würde, als den raubeinigen Ton der Russo-Brüder nachzueifern. Optisch macht Thor: Tag der Entscheidung jedenfalls einiges her: Nachdem die Auftaktklopperei gegen Heerscharen von Dämonen zur Musik von Led Zeppelin direkt vom Plattencover einer 80er-Jahre Heavy-Metal-Band entnommen worden sein könnte, geht es alsbald in ferne Welten. Auf dem fremdartigen Gladiatoren-Planeten Sakaar zelebriert Waititi dann Retro-Futursimus in Reinform: Synthesizer-Klangcollagen, Raumschiff-Wettrennen und Jeff Goldblum in trashigem Kostüm sorgen dafür, dass Thor: Tag der Entscheidung zumindest als flotte Sci-Fi-Komödie bestens funktioniert.

Thor 3: Tag der Entscheidung startet am 31.10.2017 in den deutschen Kinos.