Kritik: Triple 9 (USA 2016)

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© Mars Distribution

 Your job: out-monster the monster, then get home at the end of the night.

Wenn Filmstars Räuber und Gendarm spielen dürfen, dann prallen oft große, auffällige, öfters etwas überzogene schauspielerische Leistungen aufeinander, während der Plot diesem Duell der Egos vorsichtshalber aus dem Weg geht. Das Paradebeispiel für diese Art Cop-Thriller ist und bleibt nach über 20 Jahren Michael Manns Meisterwerk „Heat“. Wie in keinem anderen Film werden hier die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Seiten, den Hütern und den Zerstörern des Rechts, dargestellt. Personifiziert werden das vermeintlich Gute und das tragische Böse in dem Film von Al Pacino und Robert DeNiro, zwei Schauspiel-Legenden, die hier immer abwechselnd die Leinwand dominieren. Mann fand in dem Spiel zwischen Pacino und DeNiro die geheime Zutat für das Rezept des Cop-Thriller-Genres. Durch die Gegenüberstellung seiner zwei Protagonisten zeigt Mann, wie im Zuge der ewigen Verfolgungsjagt moralische Grenzen verwischt werden, gute Cops zu Bruch gehen und kaltblütige Gangster langsam schwach werden. In anderen Worten: In den besten Gangster-Filmen geht es immer um Schicksal.

In der US-Großstadt Atlanta, dem Handlungsort von John Hillcoats „Triple 9“, scheint Schicksal auch eine große Rolle zu spielen. In den Worten des Teenie-Schnulzen-Autors John Green ist dieses Schicksal jedoch ein wahrhaftig mieser Verräter. Der Special-Forces-Veteran Michael Atwood (Chiwetel Ejiofor) und seine Freunde (Aaron Paul & Norman Reedus) kehren von einem langjährigen Einsatz im Nah-Ost-Krieg zurück und werden prompt in den Bandenkrieg der russischen Mafia verwickelt. Die Mobbossin Irina Vlaslov (Kate Winslet) zieht die Stränge und zwingt Atwood, einen riskanten Überfall durchzuführen. Damit dieser gelingt, muss der korrupte Cop Marcus Belmont (Anthony Mackie) seinen naiven neuen Partner (Casey Affleck), der zudem noch mit dem Polizeisergeant (Woody Harrelson) verwandt ist, umbringen. Der Mord würde dann nämlich den Notruf-Code 999 auslösen, welcher alle Einsatzkräfte auf die Suche nach dem ‚Cop-Killer‘ schicken würde.

Diese Synopsis hält das verworrene Intrigenspiel des Films noch relativ einfach und übersichtlich. Tatsächlich gibt es neben dieser Haupthandlung noch mehrere Nebenplots, die leider nichts Substantielles zum Klimax des großen Räuber-und-Gendarm-Spiels beitragen: dem Attentat auf einen guten Cop. Das ist schade, denn mit dem Code 999 haben die Macher des Films ein wirklich effektives Motiv für die Korruption der Polizei Atlantas und die Unbarmherzigkeit der Mafia entdeckt. Regisseur John Hillcoat („The Road“ & „Lawless“) hat in seinen früheren Filmen auch oft gezeigt, dass er die vielen moralischen Grautöne seiner verzweifelten Protagonisten zu verstehen scheint. Umso seltsamer ist es, dass er sich in seinem neuesten Film so vieler Klischees bedient: Von der stark-geschminkten Mafiabossin mit starkem russischen Akzent, über den alkoholabhängigen Polizeichef, bis zum naiven Rookie mit weißer Weste. Alle sind sie zutiefst seelisch gestört, weil sie es eben sein müssen. Und wenn ein Schicksal dieser Figuren zueinander führt, dann ist es bestenfalls erzwungen.

„Triple 9“ kann mit einem imposanten Aufgebot an Stars trumpfen. So wie in „Heat“, müsste es eigentlich zu einem schauspielerischen Feuerwerk kommen, wo Egos aufeinanderprallen. Große Emotionen gibt es tatsächlich, doch steckt meistens nichts dahinter. Auch renommierte Mimen wie Ejiofor und Winslet können ihren Figuren keine weiteren Dimensionen hinzufügen. Insbesondere Winslets Auftreten kommt einer Karikatur gefährlich nahe. Die Verlorenheit dieser sonst so talentierten Schauspieler ist symptomatisch für das Scheitern der Filmemacher, klare gegensätzliche Pole in ihren Figuren zu etablieren. Es können sich inmitten dieser vielen Charaktere einfach keine wirklich interessanten Protagonisten herauskristallisieren. So kommt es auch nie zu einem kathartischen Aufeinandertreffen zweier Gegner, so wie es in „Heat“ der Fall ist. Vielmehr bietet uns der Film mehrere kleine Showdown, die eher dem Ziel der Rache dienen, als das sie im Dienste eines unvermeidbaren Schicksals stehen.

Hillcoat verschwendet sein Talent, das seiner Schauspieler und des Komponisten Atticus Ross („The Social Network“ & „Gone Girl“) mit einem mittelmäßigen Thriller, der zwar stellenweise recht unterhaltsam ist, an den sich in ein paar Jahren jedoch keiner mehr erinnern wird. Das Warten auf einen würdigen Erben von Michael Manns „Heat“ geht weiter.