Kritik: War Dogs (USA 2016)

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© Warner

Everyone’s fighting over the same pie and ignoring the crumbs. I live off crumbs.

Es gibt eine emblematische Szene in War Dogs, die die Tonalität des Filmes adäquat auf den Punkt bringt. Während eines Ausfluges zur Waffenmesse von Las Vegas, ein regelrechtes Schlaraffenland für Narren großkalibriger Gebrauchsgegenstände, treffen die beiden Hauptakteure, Efraim Diveroli (Jonah Hill, Das ist das Ende) und David Packouz (Miles Teller, Whiplash) auf Henry Girard (Bradley Cooper, American Hustle), einem in der Branche ikonengleichen Waffenschieber, der es sogar auf die Terrorliste der Vereinigten Staaten geschafft hat. Efraim jedenfalls stellt diese sinistre Erscheinung aus dem Off als jene Person vor, die 2006 den Strick für Saddam Husseins Hinrichtung besorgt hat. Hier geht es nicht mehr um den ethischen Wert eines Menschenlebens, es geht ganz allein um den Gewinn, den außenstehende Unternehmer mit dem Auslöschen von Menschenleben erwirtschaften können.

Aber erst einmal zurück auf Anfang. Zurück nach Miami Beach. Zurück zu David Packouz, einem ausgebildeten Physiotherapeuten, der sein Geld mit Massagen mehr schlecht als recht verdient und eines Tages sein gesamtes Erspartes in den Sand setzt, als er in Kaschmirbettwäsche für Seniorenheime investiert – und das ausgerechnet, nachdem ihm seine Freundin Iz (Ana de Armas, Knock Knock) die freudige Kunde überbringt, schwanger zu sein. Packouz allerdings ist kein schlechter Geschäftsmann, er hat sich schlichtweg an das falsche Produkt gebunden. Und um diese Erkenntnis zu erlangen, bedarf es seinen langjährigen Schulfreund Efraim, der sich als kleiner Fisch im Waffengeschäft herumtreibt und sich (vorerst) an übersichtlichen Jobs versucht, in dem er die unendlichen Listen, bepackt mit militärischen Aufträgen, die die US-Regierung mit Minutentakt veröffentlicht, durchforstet.

Dass War Dogs auf einer wahren Begebenheit beruht, zurückgehend auf einen Rolling-Stone-Artikel aus dem Jahre 2011, mag kurios erscheinen, Phillips aber verzerrt die Tatsachen zu Gunsten der grotesken Wirkung jedoch unverkennbar. Im Vordergrund stehen hier keine tatsachenorientierte Fakten, es steht der Spaß daran, dem bunten Treiben des ungleichen Gespanns im Zentrum der Handlung zu folgen. Während David dem Zuschauer noch durch sein gesittetes Auftreten als Sympathiefigur dient, deren Handeln weitestgehend nachvollziehbar erscheint, ist es Jonah Hill, dessen Efraim-Diveroli-Interpretation nachhaltig beeindruckend. Wer Zeuge davon werden muss, mit welch destruktiven Charakter der elendige Mammon auf das Wesen eines Menschen einwirken kann, ist bei Efraim an der richtigen Adresse. Seine Gier und sein Größenwahn sind die Brutstätten psychopathischer Tendenzen, die der sonnengebräunte Hill so auf eine durchdringend-schmierige Art famos zum Ausdruck bringt.

Zweifelsohne muss sich War Dogs den Vorwurf gefallen lassen, nicht sonderlich innovativ zu sein – weder dramaturgisch, noch bildästhetisch. Dafür ist der Film letztlich zu sehr an die Konventionen des traditionellen Erzählkinos gebunden (ein Martin Scorsese stand ohnehin offensichtlich Pate). Todd Phillips aber füllt sein schrill-pervertiertes American-Dream-Szenario um die Irren und Wirren im Leben (semi-)professioneller Aasgeier mit Vitalität, weil er seine Inszenierung stetig temporeich hält, sich nie zu lang an Nebensächlichkeiten vergreift und sich, wie gesagt, auf seine Schauspieler verlassen kann, die die Höhen und Tiefen einer Freundschaft mit Blut, Schweiß und Tränen durchleben. Wenngleich War Dogs die bar jeder Moralität entflammte Galligkeit eines Lord of War – Händler des Todes abgeht, machen Phillips und seine beiden Co-Autoren unmissverständlich deutlich, dass Ideale ehrenwerter Natur sein mögen, in dieser Welt aber letztlich vollkommen unergiebig geworden sind.