Kritik: Wonder Woman (USA/CHN/HKG 2017)

© Warner Bros.

I used to want to save the world, this beautiful place. But the closer you get, the more you see the great darkness simmering within. I learnt this the hard way, a long, long time ago.

Die Zeichen standen schlecht für Warners neusten Superhelden-Streifen Wonder Woman. Nach dem Suicide-Squad-Debakel und den hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Batman v Superman: Dawn of Justice brauchte das Produktionsstudio dringend positive Schlagzeilen. Doch statt Erfolgsmeldungen wurden bereits während der Dreharbeiten zu Wonder Woman Gerüchte laut, dass die Produktionsbedingungen bei dem neusten Ablegers des DC Extended Universe wieder einmal katastrophal seien – der nächste Flop schien vorprogrammiert. Dementsprechend dürfte den Verantwortlichen bei Warner ein Stein in der Größe Krytons vom Herzen gefallen sein, als die ersten Kritiken zu Wonder Woman veröffentlicht wurden und durch die Bank weg erstaunlich positiv ausfielen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist der Kinoausflug der Kampfamazone ein passables Action-Spektakel geworden, das zwar den Superhelden-Film nicht neu erfindet, jedoch durch einen positiv-naiven Blick eine angenehme Note in die sonst so grimmige Superhelden-Welt trägt und somit revitalisierend für das angeschlagene DCEU und dessen angestrebter Neuausrichtung wirken dürfte.

1918: Während sich die Welt im Krieg befindet, fristen die Amazonen auf der Insel Themyscira ein abgeschottetes Leben. Hier, fern von den Nöten und Sorgen der restlichen Menschheit, wuchs Prinzessin Diana (Gal Gadot) auf. Die Ruhe wird jedoch jäh gestört, als der Pilot Steve Trevor (Chris Pine) auf der Insel strandet, denn unfreiwillig hat der amerikanische Spion einen ganzen Stoßtrupp deutscher Soldaten im Schlepptau. Tailor berichtet von einem großen Krieg, der außerhalb der Insel tobt. All diese Konflikte scheinen Diana fremd, widernatürlich, sie vermutet den Kriegsgott Ares als diabolischen Antreiber hinter den Auseinandersetzung der Menschheit. Gemeinsam mit Steve Trevor bricht die Amazonenprinzessin in die Welt der Menschen auf, um dem Kriegsgott im Kampf gegenüberzutreten…

Wonder-Woman-Regisseurin Patty Jenkins, die vielen durch ihr fantastisches Serienkiller-Biopic Monster im Gedächtnis geblieben sein dürfte, wird bei Warner momentan wie eine Heilsbringerin gefeiert. Endlich positive Presse, endlich gute Kritiken – dick prangert das Gütesiegel „certified fresh“ auf dem Wonder-Woman-Banner der offiziellen Facebook-Seite. Wie flüchtige Pfauenfedern werden die Stimmen zum Film mit stolz geschwellter Brust präsentiert, wie eine Jagdtrophäe, die den sonst so verhassten Kritikern abgerungen werden konnte. Bereits jetzt brodelt die Gerüchteküche, wird Jenkins womöglich auch den nächsten Superman-Film inszenieren? Mit Wonder Woman hat die amerikanische Filmemacherin auf jeden Fall bewiesen, dass sie problemlos eine Hollywood-Millionenproduktion stemmen und sich zudem auch in die ästhetische Ausrichtung des DC-Kanons eingliedern kann, ohne dabei ihren eigenen Stil einzubüßen – eine Hürde, an der beispielsweise David Ayers Suicide Squad scheiterte.

Das mit der Verpflichtung Patty Jenkins vieles richtig gemacht wurde, dafür sprechen bereits die ersten Zahlen an den Kinokassen. Mit Wonder Woman wurde die Bestmarke für den erfolgreichsten Start eines Films einer Regisseurin in den USA geknackt, eine Position, die zuvor peinlicherweise von Sam Taylor-Johnsons Fifty Shades of Grey belegt wurde. Doch nicht nur an den Kinokassen zerlegt die kampferprobte Diana Prince ihre Gegenspieler, auch in Wonder Woman selbst werden Phallussymbole in einem martialischen Kraftakt überwunden. Bestes Beispiel dafür dürfte wohl die Erstürmung eines Festungsturms sein, an dem die Heldin erst zu scheitern droht. Erst im letzten Moment, durch eine Rückbesinnung auf ihre eigene Stärke, kann sie Halt im Mauerwerk finden, rammt ihre Hände mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit in das marode Mauerwerk (des männlich dominierten Superhelden-Blockbusterkinos) und bezwingt schlussendlich die unüberwindbar scheinende Hürde. Es ist beschämend, dass wir bei all dem Comic-Auswurf der letzten Jahre nicht schon viel früher eine schlagkräftige Superheldin bekommen haben, umso schöner, dass nun nicht Klassenprimus Marvel dieser Coup gelingt, sondern DC, dem ewig gescholtenen Prügelsack der Kritiker.

Gleichzeitig bietet Wonder Woman einen angenehm unverdorbenen Blick auf die Absurdität der „modernen“ Welt. Krieg, Geschlechterkampf und der industrielle Fortschritt werden dem kritischen Blick einer gesellschaftlichen Außenseiterin unterzogen. Natürlich sollte hier kein Zuschauer tiefgehende philosophische Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themenkomplexen erwarten, dennoch verleiht gerade dieser naive Blick auf das Weltgeschehen, der erst mit fortschreitender Spieldauer Risse bekommt, dem Film eine ungewohnte Leichtigkeit. Gerade hier hätte Regisseurin Jenkins jedoch gut daran getan, die Feindbilder etwas weniger cartoonesque anzulegen, denn gerade der deutsche General Erich Ludendorff (Danny Huston) und dessen Begleiterin Dr. Poison (Elena Anaya) wirken wie die x-te Inkarnation typischer Hollywood-Nazis. Ein Kriegsfilm ohne sinistre Nazis wäre ja auch langweilig…

Frei von Fehlern ist der Film um die 1941 von Psychologen William Moulton Marston erdachte Comic-Amazone mit Sicherheit nicht. Neben den üblichen Marotten moderner Blockbuster, so erstickt auch das Finale von Wonder Woman am eigenen CGI-Krawall, gestaltet sich insbesondere die Exposition als schwächster Part des Films. Die Einführung in die matriarchalische Kultur der Amazonen und die eigenwilligen Familienverhältnisse der Königstochter Diana, sind zwar nett anzusehen, bleiben aber eine inhaltsleere Luftnummer, die erst durch Einwirkung von außen belebt werden muss. Dabei will diese Welt, wie schon das Königreich von Marvels Thor, erkundet werden. Die antike Gesellschaft der Amazonen birgt Fragen und das Konfliktpotenzial klassischer Tragödien, doch alles was der Zuschauer zu sehen bekommt, sind ein paar Slow-Motion Einlagen auf dem Trainingsplatz und ein halbgarer Familienzwist über die militärische Ausbildung Dianas.

Fazit: Das DCEU ist zwar noch nicht gerettet, mit Patty Jenkins Wonder Woman hat das Comic-Universum jedoch einen großen Schritt in die richtige Richtung unternommen.

Wonder Woman startet am 15. Juni 2017 in den deutschen Kinos