Kritik: X-Men: Apocalypse (USA 2016)

© 20th Century Fox

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Nach Matthew Vaughns passabler Neuausrichtung des X-Men-Franchises („X-Men: Erste Entscheidungen“), die zwar bei den Kritikern gut ankam, an den Kinokassen jedoch nur mäßig erfolgreich lief, wurde ausgerechnet X-Men-Regie-Veteran Bryan Singer (Regisseur der ersten beiden X-Men-Teile) dazu auserkoren, der Serie zu altem Glanz zu verhelfen. Mit „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ zauberte Singer dann auch gleich ein Brett von einer Comicverfilmung aus dem Hut: Bombastisches Popcornkino mit einer komplexen Story, die trotz Zeitreise-Elementen und einem gewaltigen Cast nie unverständlich wurde. Endlich schien man bei 20th Century Fox verstanden zu haben, wie man das volle Potenzial der Mutanten filmisch ausschöpfen konnte. Dementsprechend bedauerlich ist es daher, dass Bryan Singers Folgewerk „X-Men: Apocalypse“ nun doch wieder ein Rückschritt in der Franchise-Entwicklung bedeutet. Zwar macht das Sequel auch diesmal wieder vieles richtig, kommt aber in der Figuren- und Storyentwicklung nicht vom Fleck.

Die größte Stärke der neuen X-Men-Filme war die Verknüpfung der Handlung mit realen weltpolitischen Ereignissen. Kuba-Krise, Kennedy-Attentat oder der Vietnam-Krieg wurden geschickt in die Handlung eingewoben. In „X-Men: Apocalypse“ bleibt der Zeitkolorit der 80er Jahre jedoch bloß schmückendes Beiwerk, das sich lediglich auf die Kostümgestaltung, das Setting oder die Wahl des Soundtracks auswirkt. Lediglich der Streit um die atomaren Mittelstreckenraketen, der von 1979 bis 1983 ausgetragen wurde, findet als Randnotiz Eingang in das Filmgeschehen. Warum der anhaltende Ost-West-Konflikt nicht weiter eingebunden wurde, der in als über den Köpfen der Weltbevölkerung schwebende atomare Eskalation eine wunderbare Versinnbildlichung des Antagonisten Apocalypse (Oscar Isaac) gewesen wäre, bleibt fraglich.

Stattdessen fällt der allmächtige Gegenspieler diesmal besonders durch seinen wenig originellen (jedenfalls für Superschurken) Weltzerstörungspläne auf. Der „falsche Gott“ Apocalypse, seines Zeichens erster Mutant der Welt, der schon im alten Ägypten Angst und Schrecken verbreitete, versucht nach einem jahrtausende währenden Dornröschenschlaf die Welt der Menschen zu vernichten und aus der Asche eine neue Gesellschaft aufzubauen. Der Schrecken und die Bedrohung, die dabei von Apocalypse ausgeht, wird dabei für den Zuschauer niemals greifbar. Denn während die eindrucksvolle Zerstörungswelle bildgewaltig eingefangen wird, bleiben eben jene Bilder erstaunlich folgenlos. Kein ausrückendes Militär, keine panischen Menschenmassen, lediglich ein paar unaufgeregte Einstellung aus einem Kontrollzentrum irgendwo in einer Militärbasis in den USA, werden dem Zuschauer hier geliefert. Dass es bei der finalen Schlacht, die letztendlich zwischen ein paar wenigen Handlungsträgern in einem gefühlt menschenleeren Kairo ausgetragen wird, um das Fortbestehen der Menschheit geht, lässt sich so als Zuschauer nur schwer greifen.

Viel interessanter als Superschurke Apocalypse und dessen fast schon „klassischen“ Weltzerstörungspläne gestalten sich da doch die kleinen Einblicke in die Mensch-Mutant-Gesellschaft und wie sich diese seit den Vorkommnissen in „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ verändert hat. Zwar konnte die Gefahr durch die Sentinels bezwungen werden, doch auch zehn Jahre später scheint ein harmonischen Miteinander für Menschen und Mutanten undenkbar. Mutanten werden weiterhin ausgebeutet, verfolgt und müssen noch immer ein von der Gesellschaft abgegrenztes Dasein Fristen. Warum sich da beispielsweise ein Mutant wie der wieder eingeführte Nightcrawler trotz schwerster Demütigung und Ausgrenzung durch die Menschen dazu entscheidet, für eben jene zu kämpfen, kommt in „X-Men: Apocalypse“ leider viel zu kurz. Letztlich retten den Film die tollen Einzelauftritte und -momente, insbesondere Quicksilvers (Evan Peters) fantastischer Auftritt zu Corey Harts 80er-Jahre-Hymne „Sunglasses at Night“ (die zu diesem Zeitpunkt jedoch noch gar nicht auf dem Markt war) beweist wieder einmal, welches inszenatorische Potential in der Serie steckt.

Fazit: Scherzhaft unterhalten sich einige jüngere X-Men nach einem Kinobesuch von „Star Wars: Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ darüber, warum der dritte Teile einer Filmreihe immer der Schlechteste ist. Was wohl als Seitenhieb gegen Brett Ratners „X-Men: Der letzte Widerstand“ zu verstehen sein dürfte, der die Serie fast im Alleingang beerdigt hatte, kann durchaus auch als bereits vorweggenommene Entschuldigung für „X-Men: Apocalypse“ gesehen werden, denn obwohl die neuste X-Men-Installation kein wirklich schlechter Film geworden ist, bleibt er doch deutlich hinter den Möglichkeiten zurück, die sich Regisseur Bryan Singer mit „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ selbst erarbeitet hatte.