Kritik: Your Name: Gestern, heute und für immer (JP 2016)

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Treasure the experience. Dreams fade away after you wake up.

Body-Switch-Filme. Eigentlich könnte man der Ansicht sein, dass ein derart ausgelutschtes Thema keinen Zuschauer mehr aus dem heimischen Sessel bewegen dürfte – immerhin wurde doch inzwischen wirklich alles mit jedem getauscht, Rob Schneider sogar mehrfach… Und dennoch, alle paar Jahre lockt wieder ein verheißungsvoller Körpertausch Millionen von Zuschauern in die Kinos. Wie sich wohl dieses Mal die eitle Schönheitskönigin/der arrogante Rüpel im Körper ihres/seines Mutter/Vater/Onkel/Tante/Arbeitskollegen/Haustiers schlagen wird? Obwohl gefühlt bereits jedes Szenario mehrfach durchgespielt worden ist, wird dieses Genre wohl nie vollständig aus den Kinos zu verbannen sein. Jüngstes Beispiel: die an den Kinokassen äußerst erfolgreiche laufende Jumanji-Neuverfilmung, in welcher eine jugendliche Clique sich in den Körpern ihrer Videospiel-Avatare wiederfindet. Auch 2018 beginnt mit einem Körpertausch-Film, doch anders als in vielen westlichen Vertretern wird im japanischen Anime Your Name: Gestern, heute und für immer von The Garden of Words-Regisseur Makoto Shinkai das Körpertausch-Szenario nicht nur lediglich als Gag-Vehikel genutzt, sondern entpuppt sich als äußerst sensible Coming-of-Age-Geschichte.

Gemeinsam mit ihrer Großmutter und ihrer kleinen Schwester lebt die unbedarfte Teenagerin Mitsuha Miyamizu in einem kleinen Bergdorf in Japan, in dem der technische Fortschritt noch keinen Einzug gehalten hat. Als Tochter der Miyamizu-Familie ist sie für die Pflege des örtlichen Shinto-Schrein zuständig und vollführt für interessierte Zuschauer regelmäßig die alten Brauchtümer und Rituale. Doch irgendwie langweilt sie der tägliche Trott des dörflichen Daseins und so wünscht sie sich in ein anderes Leben, natürlich nicht ahnend das ihr der Wunsch prompt erfüllt wird, denn bereits am nächsten Morgen findet sie sich im Körper von Taki Tachibana wieder, ein Teenager aus der Millionmetropole Tokio. Gemeinsam versuchen die beiden Teenager, die nun in regelmäßigen Abständen ihre Körper tauschen, herauszufinden, wie sie diesem geheimnisvollen Spuk ein Ende setzen können…

In Japan ein Sensationserfolg, in Deutschland traurige Randerscheinung: Der Animefilm Your Name. von Makoto Shinkai (5 Centimeters per Second) zeigt recht deutlich, wie es um die öffentliche Wahrnehmung der Anime-Kultur hierzulande bestellt ist. Anime ist noch immer Nische. So sehr Nische, dass selbst mein Rechtschreibprogramm das Wort noch immer rot unterstreicht. Gerade einmal an zwei Tagen wird Your Name. in den deutschen Kinos gezeigt. Dabei ist dem Verleih durchaus bewusst, dass es eine eingeschworene Anime-Fangemeinschaft gibt, denn auch Your Name wird im Rahmen der „Anime Nights“ in großen Multiplex-Lichtspielhäusern im Originalton gezeigt, hierzulande eine Seltenheit. An den Erfolg dieser Ah-Nie-Mee-Filme im regulären Kinoprogramm scheint jedoch nicht geglaubt zu werden. Lediglich dem Studio Ghibli (Mein Nachbar Totoro; Die rote Schildkröte) wird eine gewisse Strahlkraft zugesprochen, die auch Zuschauer außerhalb der eingeschworenen Anime-Fangemeinschaft ansprechen könnte. Ein trauriger Trugschluss, der dazu führt, dass der neue Film von Makoto Shinkai ungesehen aus den Kinos verschwindet, noch ehe er richtig angelaufen ist. Dabei hätte Your Name. die große Leinwand auf jeden Fall verdient, denn der Anime über zwei grundverschiedene Jugendliche, die sich plötzlich im Körper des anderen wiederfinden, ist wunderbar unterhaltsames Gefühlskino, das zudem noch einen wunderbaren Einblick in das zwischen Tradition und Fortschritt tief gespaltene Japan des 21. Jahrhunderts gibt.

Natürlich kommt auch Your Name. nicht ohne den (sich fast aufdrängenden) Klamauk eines Körpertausch-Szenarios aus. Erwacht Großstadt-Teenager Taki im Körper seiner weiblichen Leidensgenossin Mitsuha, verbringt er den Morgen erst einmal ausgiebig damit, sich die neu gewonnen Brüste zu kneten und vergisst dabei doch glatt, wie befremdlich diese Situation für ihn sein müsste. So weit, so bekannt. Was Your Name. jedoch von vergleichbaren Vertretern seiner Gattung abhebt, ist, dass die Erzählung nicht auf der humoristischen Ebene zum stehen kommt, sondern immer wieder neue Ansatzpunkte für das altbekannte Setting sucht und schließlich sogar ausgesprochen ernsthaft mit dem fantastischen Thema umgeht. Die Ambivalenz der japanischen Lebenswirklichkeit kommt durch die Figuren der Teenager Mitsuha und Taki wunderbar zur Geltung: Fortschritt gegen Tradition, persönliche Entfaltung gegen Familienerbe. Das „erstohlene“ Leben entfaltet sich meist anders als gedacht. Die pulsierende Metropole Tokio gewährt Mitsuha in der Theorie ungeahnte Freiheiten, doch schnell muss sie feststellen, dass der eigentliche Besitzer ihres neuen Körpers Taki in einen engen Käfig aus Verpflichtungen und Terminen gesperrt ist, damit er in der unbarmherzigen Großstadt überhaupt über die Runden kommt. Gerade das indirekte Zusammentreffen der beiden Teenager – (über „dezent“ platzierten Nachrichten) – wird dabei zum Highlight des Films, die auch dem Zuschauer ein Gefühl für die Probleme und Wünsche der Figuren nahebringen.

Natürlich wäre Makoto Shinkai nicht Makoto Shinkai, wenn er im letzten Drittel nicht noch einmal ordentlich auf die Tränendrüse drücken würde. Der Twist gehört jedoch zu den berührendsten Elementen des Films, weswegen hier an dieser Stelle gar nicht weiter darauf eingegangen werden soll. Stattdessen möchte ich noch einmal dazu raten, sich diesen Film im Kino anzuschauen. Solltet ihr 11.01 oder am 14.01 noch Zeit haben, nutzt die Gelegenheit und schaut euch „Your Name.“ im Kino an. Es lohnt sich.

„Your Name.“ läuft am 11.01  & 14.01. in den deutschen Kinos.

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