Kritik: Zoomania (USA 2016)

Zoomania

© The Walt Disney Company Germany GmbH

We all make mistakes. No matter what type of animal you are, change starts with you.

Disney ist ja auch nicht mehr das, was es mal war. Das mag in erster Linie negativ verstanden werden, aber eigentlich kann es genauso gut positiv gemeint sein, denn gerade im Hinblick auf diesen Unterhaltungskonzern, dessen Geschichte reich an konservativen Ideologien und großkapitalistischer Aggression ist, mag ein wenig Veränderung gar nicht so doof sein. Nun gut, letzteres mag sich durch schier nimmersatte Absorptionen mächtiger Marken wie Marvel, Pixar und zuletzt Star Wars noch eher verschlechtert haben, doch zumindest ideologisch und auch ästhetisch versucht Disney seit ein paar Jahren ordentlich zu entrümpeln und frischen Wind rein zu lassen. Dies mag zwar auf Kosten der klassischen Zeichentrickanimation gehen, obwohl der letzte gezeichnete Kinofilm des Studios, der herrlich jazzige Küss den Frosch, doch gezeigt hat, dass auch das traditionelle Disney-Musical zu inhaltlichen Erneuerungen fähig ist, aber seitdem Pixar mit Toy Story den Animationsfilm grundlegend revolutionierte, war auch Disney gezwungen sich zu verändern.

Die Nullerjahre waren wahrscheinlich die spannendsten für das Haus mit der Maus. Filme wie der cartoon-eske Ein Königreich für ein Lama, die Jules-Verne-Hommage Atlantis, der kindlich-fröhliche Lilo & Stitch und nicht zu vergessen Dinosaurier, Disneys gigantische CGI-Premiere, zeugten von einer enormen Bandbreite. Die Zusammenarbeit mit Pixar forderte, nicht bloß den Erfolg deren Filme nachzuahmen, sondern auf eigenen Beinen zu stehen. Spätestens mit Die Eiskönigin gelang es dem Studio im Computerzeitalter an die alten Erfolge anzuknüpfen. Der Film wurde zu einem internationalen Popkultur-Phänomen. Mit Filmen wie Ralph reichts oder Baymax hat Disney zudem gezeigt, dass sie am Puls der Zeit sind und sich erfolgreich Gaming- und Superheldentrends zum Nutzen machen. Mit dem offiziell 55. Kinofilm Zoomania wird diese Erfolgswelle hoffentlich nicht enden, denn die buchstäblich fabelhafte Krimi-Komödie von Byron Howard, Rich Moore und Jared Bush ist ein spannendes und überraschend politisches Gesellschaftsporträt unserer post-utopischen Gegenwart geworden.

Judy Hopps (Ginnifer Goodwin) kommt als erste Kaninchen-Polizistin in die Supermetropole Zootropolis, wo alle Tiere, ob Jäger oder Beute, friedlich zusammen leben, landet aber als Token-Kaninchen ohne das Vertrauen ihrer Kolleg_innen schnell in der Falschparken-Abteilung. Doch die ehrgeizige Judy lässt sich davon nicht unterkriegen und kommt mithilfe des Fuchses und Kleinbetrügers Nick Wilde (Jason Bateman) einer Verschwörung auf die Schliche, die dem Frieden in Zootropolis ein jähes Ende bereiten will.

Kinder werden mit Zoomania eine Menge Spaß haben und lernen warum Fuchs und Kaninchen doch Freunde sein können. Erwachsenen wird dagegen ein Spiegelbild unserer sexistischen und rassistischen Gesellschaft vorgehalten, die nach außen hin vorgibt geheilt zu sein, doch im Innern weiterhin von Angst regiert wird, was leider der aktuelle Siegeszug des Polit-Darstellers Donald Trump deutlich zeigt. Zwar leben im modernen Zootropolis Jäger- und Beutetiere friedlich nebeneinander, die präzivilisatorischen Zeiten dienen nur noch als Hintergrund für Schultheaterstücke, doch verfallen vereinzelt Jägertiere zurück in ihren Urzustand und gehen auf Jagd. Was wie eine ansteckende Krankheit anmutet, entwickelt sich schnell zum Angst-Katalysator der mehrheitlichen Beutetier-Gemeinschaft die zunehmend beginnt Jägertiere auszugrenzen und zu diskriminieren.

Sein sozialkritischer und didaktischer Anspruch in Verbindung mit den anthropomorphen Tierfiguren rückt Zoomania ganz deutlich ins Reich der Fabeln, einer Erzählform, die schon bis in die Antike zurückreicht. Natürlich sind tierische Charaktere im Disney- oder allgemein im Animationsfilm keine Besonderheit, aber die Personifikation menschlicher Eigenschaften durch Tiere, die vordergründig im Dienste einer moralischen Botschaft steht, ist sonst eher zweitrangig. Zoomania nimmt, wie auch die klassische Fabel, direkt Bezug auf den Charakter der Tierart, Kaninchen sind ängstlich, Füchse sind gerissen, nur um dann umso cleverer diese Narrative zu hinterfragen. Judy ist nämlich kein bisschen ängstlich und braucht sich auch nicht vor dem schlauen Fuchs Nick zu fürchten. Die Fabeln, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, endeten stets in dem Glauben, dass die agierenden Figuren schon aufgrund ihrer Spezies zu dem und dem Handeln gezwungen sind. Ameisen sind fleißig. Grashüpfer sind faul. Diese Lesart ist zwar sehr eng gefasst, aber sie wird auch nicht wirklich aus der Welt geschafft. Zoomania löst diese Grenzen auf und vermittelt dagegen die Botschaft, dass alle Tiere gleiche Chancen und Möglichkeiten haben sollten, ganz egal welcher Herkunft sie sind. Das lässt sich genauso gut auf aktuelle Diskussionen übertragen, sei es die Gender-Theorie, die Geschlechter als performativ, nicht rein biologisch betrachtet, oder die idiotischen Theorien z.B. eines Thilo Sarrazins, der seinen Rassismus mit genetischen Differenzen begründet.

Der eine oder andere wird Zoomania daher als Pamphlet der sogenannten politischen Korrektheit begreifen, ein rechter Kampfbegriff, der richtiges Handeln mit Konformitätsängsten auszuhebeln versucht. Vielleicht gelingt es dem Film sogar diesen ängstlichen Erwachsenen etwas beizubringen. Alle anderen können zumindest den grandiosen Humor und die nicht minder spannenden Verfolgungsjagden genießen. Denn auch wenn sich Zoomania bisher wie ein überlanges After-School-Special anhörte, hat er doch mehr zu bieten als bloßes, didaktisches Anschauungsmaterial.

Disney hat sich verändert, zum positiven, und kann dem alten kreativen Konkurrenten Pixar mittlerweile auf Augenhöhe begegnen, was aber zugegeben auch am anhaltenden Schwächeln des Lampen-Studios liegt, das zwar letztes Jahr mit Alles steht Kopf einen Instant-Classic produzierte, aber sonst weiterhin mehr auf Fortsetzungen setzt. Pixar bringt als nächstes Findet Dorie in die Kinos, Disney dagegen den Abenteuerfilm Moana, der im altertümlichen Ozeanien spielt. Ich setze auf letzteren.