"Auf kurze Distanz" (USA 1986) Kritik – Sean Penn im Kampf gegen den eigenen Vater

„Ich hab die ganze Nacht auf dich gewartet.“

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James Foley ist auch einer dieser Regisseure aus der Rubrik: solider Kerl, aber nach wie vor unbekannt. Verdient oder unverdient ist auch hier schwer zu bestimmen, denn außer ‚Glangerry Glen Ross‘ mit dem einmaligen Besetzung: Al Pacino, Jack Lemmon, Alec Baldwin und Kevin Spacey (!) in den Hauptrollen, kam kein wirklicher Kracher mehr. Im Jahr 1996 folgte zwar der knackige Thriller ‚Fear‘ mit Mark Wahlberg, aber im Endeffekt war es auch nur ein Film für die Langeweile und zwischendurch. Zuletzt schlug sich Foley leider auch noch mit seinem Machwerk ‚Verführung einer Fremden‘ selber K.O. Wenn man seine Filmographie aber nochmal genauer anguckt, dann sticht da noch ein anderer Film heraus. Und zwar sein zweiter Spielfilm ‚Auf kurze Distanz‘ aus dem Jahr 1986. Wie wir es leider viel zu oft erleben, liegt hier auch wieder folgender Fall vor: verdammt starker Film, aber leider viel zu unbekannt.

Brad Whitewood jr. langweilt sich in seinem verschlafenen Vorstadtnest. Als sein leiblicher Vater plötzlich wieder vor der Tür steht, möchte er genauso sein wie er. Sein Vater, Brad Whitewood sr., ist jedoch ein gefährlicher Bandenchef, der seinen Sohn immer tiefer in seine Machenschaften einspannt und ihn sogar im Notfall eiskalt umbringen würde.

Die große Stärke von ‚Auf kurze Distanz‘ sind ganz klar und ohne jeden Zweifel die hervorragend aufspielenden Hauptdarsteller. An erster Stelle der einzigartige Charakterdarsteller Sean Penn. Als Brad Whitewood jr. zeigt er eine tolle Leistung. Mit viel Intensivität und Emotionen füllt er seinen gespaltenen Charakter grandios aus und reißt nicht nur die Schauspieler mit seinem Schauspiel mit, sondern spielt so gut wie alles und jeden an die Wand. Der weitere schauspielerische Höhepunkt ist der tolle Christopher Walken als undurchsichtiger Vater Brad Whitewood jr. Walkens Mimik ist ein Erlebnis und seine Ausstrahlung wechselt durchgehend von sympathisch zu absolut angsteinflößend. Man weiß einfach nicht, wo man gerade bei ihm steht. Aber auch die kleinen Nebenrollen neben diesen Schauspieltitanen sind mit Chris Penn, Mary Stuart Masterson, Kiefer Sutherland und Crispin Glover namenhaft besetzt.

Im Film geht es in erster Linie um das Leben von Brad jr. Ihn nervt das Dasein auf der Farm und mit dem neuen Freund seiner Mutter hat er sich ebenfalls in den Haaren. Sein kleiner Bruder Tommy schaut als einziger zu ihm auf und Brad hilft ihm wo er nur kann. Dazu beginnt er eine innige Beziehung mit Terry, ein Mädchen aus seiner Kleinstadt. Er kann die Seele zwar baumeln lassen, will aber dennoch weiterhinaus. Vor allem als er seinen Vater wieder getroffen hat und er ihn schnell zum stillen Vorbild genommen hat. Er will auch diesen Respekt und die Macht seines Vaters erlangen und in seiner Bande einsteigen. Doch alles kommt anders und Brad war sich von Anfang an nicht über die Konsequenzen seines Vorhabens im Klaren. Als der Tod plötzlich eine Rolle in seinem Leben spielt, ist nicht nur Brad selber in Gefahr, sondern auch seine Freunde und Freundin, die sein Vater ohne Rücksicht umbringen würde. Dabei wollte Brad doch immer einfach nur von ihm angenommen werden. Die Situation wird immer finsterer, genau wie Brad sr., dessen nächster Schritt für jeden anderen das Ende bedeuten könnte.

Auf kurze Distanz widmet sich der zerbrochenen Vater und Sohn Beziehung. Brad jr. möchte sich von seinem alten Ich lösen und mit seinem Vater zusammenleben und steigt in die dreckigen Geschäfte ein. Doch die erwünschte Bestätigung erreichte er damit nur augenscheinlich und die Wahrheit ist ernüchternd. Sein Vater würde ihm bei fehlendem Vertrauen sofort töten und genau diese Zweifel schleichen sich ein. Brad beobachtet einen Mord und will aussteigen. Die Realität holt ihn ein. Das schöne Leben wird zum schwarzen Grauen. Natürlich hat sein Vater nun die Sorgen, das Brad ihn an die Polizei verpfeifen will und greift zu äußerst drastischen Mitteln. Alles spannt sich an, die Lage spitzt sich zu und die letzte Möglichkeit einen Ausweg zu finden, schmerzt einen selbst am meisten.

Foleys Inszenierung ist aber mit Sicherheit nicht perfekt. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn interessiert durchgehend, in einigen Szenen fehlt jedoch die richtige Herangehensweise. Einige Handlungen wie Gefühle bleiben angedeutet und hätten etwas ausführlicher dargestellt werden müssen. Vor allem im Mittelteil hätte der Film etwas mehr Schwung gebraucht, denn das Erzähltempo fällt nicht selten etwas dickflüssig aus und sorgt für die ein oder andere bemerkbare Länge. Dennoch ist ‚Auf kurze Distanz‘ ein weitestgehend packendes Familien-Drama mit Gangsterelementen. Die aufwühlende Selbstfindung von Brad, der Mut zur Wahrheit und die Abgründe, die sich durch seinen Vater eröffnen und sich nie wieder schließen werden, verschmelzen zu einem starken und kraftvollen Film und sorgen für einiges an Spannung. Das Ende setzt dem Film noch die emotionale Krone auf und findet genau im richtigen Moment den Abspann, der die Gefühle mit dem passenden Song Live to hell grandios entfalten lässt. Sowieso ist die feinfühlige Musik von Patrick Leonard ein klares Highlight und unterstreicht die dichte Atmosphäre des Films durchweg grandios. Ein starker Film, der zwar sicher nicht ohne Schwächen auskommt, aber allein durch seine grandiosen Schauspieler etwas Besonderes wird und es verdient hat gesehen zu werden. Ein Film, der auch nach dem Ende noch einige Zeit nachwirken wird.

Bewertung: 8/10 Sternen