"In the Belly Of a Whale" (DE 2011) Kritik – Das Lebensgefühl der Berliner Kunstszene

Autor: Pascal Reis

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„Berlin ist eine kreative Stadt und wird von Kreativen kreativ gemacht. Kunst macht Kunst macht Kunst.“

Was der deutsche Otto Normalverbraucher mit Berlin verbindet, lässt sich schnell in einem schlichten Begriff bestimmen: Hauptstadt. Viele dürfte diese Tatsache – hoffentlich – nicht überraschen, dabei ist diese oberflächliche Bezeichnung der dreieinhalb Millionen-Metropole sicher in keiner Weise hinlänglich, schließlich besitzt Berlin derart viele signifikante Betrachtungsperspektiven, die der Stadt genau das unverkennbare Feeling verleihen, das sie – nicht nur für Bewohner und Einheimische – zu einem unantastbaren (Reise-)Muss werden lässt. Ob wir aufgrund der historischen Relevanz, dem kultureller Sortiment oder der feierwütigen Sucht auf die Millionenstadt blicken ist dabei peripher, denn wir werden immer mit der ganz eigenen Themenvielfalt an Segmenten konfrontiert, die allesamt erhebliches Interesse für sich einfangen gewinnen können.

Berlin ist eine Weltstadt, ein bedeutsamer Flecken Erde, bei der man zu jeder Uhrzeit Menschen auf der Straße begegnet, wo immer irgendwo Musik durch die Gegend schallt und sich die Gegensätze – wie in jeder anderen Großstadt – berühren wie abstoßen. Luxuriöse Operetten und versiffte Spelunken mit schalem Bier und schwarzem Frittierfett, geschniegelte Abendgarderobe oder verdreckte Kapuzen bis tief ins Gesicht gezogen. Dabei ist bis jetzt ein Bereich in Berlin bewusst unerwähnt geblieben, nämlich der künstlerische. Und genau um diesen kreativen Teil dreht sich die Dokumentation „In the Belly Of a Whale“ von Frederic Leitzke und Andreas Lamoth.

Dabei sollte man als Zuschauer jedoch keinen kritischen Blick auf die Künstlerszene von Berlin erwarten, Denkanstöße solcher Art werden konsequent gemieden, bis auf die sanfte Andeutung, dass die Taschen nicht gerade vom Bargeld in die Kniekehlen gezogen werden. „In the Belly Of a Whale“ kann seine Qualität aus der puren Authentizität ziehen. Hier ist nichts gestellt, keine Vorgabe, die unbedingt ausgesprochen werden müssen, nur um den irgendwelchen Vorstellung zu entsprechen. Die Kamera wird eingeschaltet und dann wird in 12 Episoden von den verschiedensten Künstlern, ob Urban Artists, Grafikdesigner, Fotografen oder Galeristen, sympathisch drauflosgequatscht. Der Titel „In the Belly Of a Whale“ steht symptomatisch für die Intention der Regisseure – wir befinden uns in Berlin, deswegen wird der Fokus auch zu keiner Sekunde auf eine andere Stadt gerichtet oder gar auf Kunst, die nichts mit Berlin zu tun hat.

Jedoch wird nicht die überhebliche wie arrogante Aussage gefällt, dass Berlin DER Platz für Kunstschaffende ist, Berlin per se ist nicht der Ort, der Kunst entwirft, Berlin ist eine Projektionsfläche für Kreative, die IN Berlin Kunst erschaffen, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Die Leute leben für ihre Kunst, da will sich niemand auf den Roten Teppich zwängen oder versteckt seine eigentliche Geldgeilheit. Die Menschen definieren ihren Erfolg durch das Teilen, die Annahme und den Spaß. Und das ist der springende Punkt, der die größte Bedeutung inne trägt. Kreative Menschen gibt es letztlich überall, aber nirgendwo sind sie so wie in Berlin. „Warum Berlin?“, die Frage, um die sich alles dreht. Dabei ist die einzig richtige Antwort eine Gegenfrage: „Warum nicht?“.