"L.A. Crash" (USA 2004) Kritik – Kitsch, Klischees und Verlogenheit

„Du brauchst dich doch nur mal umzusehen. Du findest nirgendwo ’ne hellere, sichere und besser beleuchtete Straße als hier, aber die weiße Frau da sieht zwei Schwarze, die die Straße runterschländern und ohne weiteres an der Uni studieren könnten und was ist? Sie kriegt Panik.“

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Mit seinem Debütfilm ‚Red Hot‘ aus dem Jahr 1993, riss Paul Haggis so rein gar nichts. Auch als Drehbuchautor konnte er sich zuvor nicht in den Vordergrund rücken. Doch seine Zeit sollte noch kommen. Und so segelte 2005 auch die erste Oscar Nominierung fürs Drehbuch von ‚Million Dollar Baby‘ ins Haus. Das wäre der verdiente Oscar gewesen. Bei der Oscar Verleihung 2006 ging die persönliche Erfolgsserie aber weiter. Für sein Episoden-Drama ‚L.A. Crash‘ konnte Haggis nicht nur den Oscar für das beste Drehbuch einstecken, sondern sein Film gewann auch noch den Goldjungen für den besten Film und den besten Schnitt. Selten waren die Oscar in zwei der wichtigsten Kategorien unverdienter. ‚L.A. Crash‘ ist oberflächliches Kino der untersten Schublade und will den Zuschauer auf plumpste Art und Weise belehren.

Über die Hochglanzaufnahmen von Los Angeles kann man zwar nicht meckern, etwas Besonderes oder gar eine beeindruckende Einstellungen kriegen wir aber sicher nicht geboten. Kameramann James Michael Mure will seine Bilder dafür aber viel zu oft philosophisch wirken lassen. Das gelingt ihm jedoch zu keinem Zeitpunkt und wirkt so unglaublich gewollt, das man als Zuschauer gerne die Augen verdrehen darf. Dazu kommen die ständigen Zeitlupeeinstellungen, die das Ganze noch emotionaler machen sollen, sich allerdings als völlig unnütz erweisen und die Szenen nur noch unnötig herauszögern. Die musikalische Untermalung von Mark Isham wirkt nicht selten deplatziert und kann die eh schon nicht vorhandene Atmosphäre zu keinem Zeitpunkt aufleben lassen. Alles wirkt einfach nur erzwungen.

Schauspielerisch gibt’s hier auch nicht viel zu melden. Da es ein Episodenfilm ist, gibt es keinen richtigen Hauptdarsteller. Matt Dillon hat hier wohl die größte Einsatzzeit und bringt so auch die beste Leistung des Films. Als rassistischer Sgt. Ryan, der trotzdem weiß, was richtig ist, füllt er seinen Klischeecharakter gut aus. Die beste Leistung des Films, ja. Eine gut geschriebene Rolle, nein. Namenhaft ist neben Dillon auch der weitere Cast. Starke Leistungen gibt es jedoch nicht. Zu sehen sind zum Beispiel Sandra Bullock, Brendan Fraser, Ludacris und Michael Peña, die durchgehend blass und uninteressant bleiben. Don Cheadle und Ryan Philippe, die ihren Job schon besser machen, aber auch nicht wirklich im Kopf bleiben. Dann wäre da noch Terrence Howard und Thandie Newton, die auch nicht völlig untergehen, gegen das schlechte Drehbuch allerdings anrennen müssen, wie gegen eine Mauer. Erstaunlich, einen solchen Cast so dermaßen zu verschenken.

Hier kriegen wir es als mit einem Episodenfilm zutun und mit vielen einzelnen Schicksalen innerhalb eines Zeitraumes von 36 Stunden in L.A. Da haben wir Detective Waters (Cheadle), der den Mord an einem Schwarzen aufklären muss und ausgerechnet eine ganz bestimmte Bindung zum Toten hat. Ein schwarzes Duo (Ludacris & Larenz Tate), das durch die Nacht zieht und über das schlechte Verhalten gegenüber Afroamerikanern aufregt, daraufhin aber das Auto von einem weißen Ehepaar (Bullock & Fraser) stehlen. Natürlich hat dieses Ehepaar auch keine guten Wörter für Ausländer übrig, vor allem nicht für den mexikanischen Schlosser (Peña). Der Schlosser hat allerdings einen ganz besonderen Schutzmantel für seine kleine Tochter, die sogar Kugeln abfangen kann, wenn es nötig ist. Dann Sgt. Ryan (Dillon) und sein junger Partner Hanson (Philippe), die die beiden Autodiebe ausfindig machen sollen, sich auf ihrer Suche allerdings ein anderes Pärchen (Howard & Newton) aus dem Verkehr picken und Ryan die Frau dann bei seiner folgenden Durchsuchung befingert. Diese Schicksale werden verbunden und völlig unrealistisch zum Ende gebracht.

Am besten fängt man mit dem kritisieren bei der Charakterzeichnung und Entwicklung an. Die Charaktere bekommen hier nicht mal ansatzweise genügend Zeit für ihre nötige Entfaltung und werden absolut oberflächlich zurückgelassen. Hauptsache die Geschichten werden möglichst schnell und gefühllos abgegrast. Was bei einer Laufzeit von knapp zwei Stunden und im angebracht auf die vielen Episoden eigentlich irgendwie klar war. Mit vielschichtigen oder gar tiefgründigen Figuren können wir uns hier sicher nicht beschäftigen. So werden die Charaktere natürlich schnell völlig uninteressant und die einzelnen Geschichten völlig emotionslos. Frei nach dem Motto „Wen kümmert das schon.“ Das ist wohl so ziemlich das schlechteste, was ein Filmemacher erreichen kann, wenn den Zuschauer die Charaktere einfach zu keinem Zeitpunkt interessieren.

So sehen wir dann klischeebeladene Charaktere, die sich ganz plötzlich von Grund auf ändern können und einige der schnellsten, fragwürdigsten und unrealistischen Wandlungen überhaupt durchleben. Das Aufgesetzte Gequatsche, hier vor allem durch die zwei Schwarzen, die uns erklären, dass Busse nur große Fenster haben, damit man die Schwarzen von der Straße aus schräg angucken kann, geht einem nach der Zeit einfach nur noch auf den Senkel. Auch die Sache mit dem Schutzvorhang, der ein kleines Kind vor einem wütenden Araber mit geladener Pistole retten kann, setzt dem Film auch noch die Krone auf. Kopfschütteln ist angesagt. Wirklich tragisch ist hier nur, einen Film mit so einem brisanten Thema, so löchrig und ärgerlich runterzuspulen.

Noch schlimmer ist jedoch Haggis‘ Inszenierung. Mit dem Rassismus hat ‚L.A. Crash‘ natürlich ein wichtiges, aufwühlendes und aktuelles Thema. Allerdings geht Haggis das in jedem Punkt vollkommen falsch an und bleibt auch noch erschreckend aussagelos. Die Dialoge werden so in jedem zweiten Satz mit Wörtern wie „Nigga“, „Schlitzauge“ und „Saddam“ unterstützt und wirken so nicht nur unfreiwillig komisch, sondern auch noch extrem aufgesetzt. Dass wir alle unsere kleinen oder größeren Vorurteile haben, wissen wir schon so. Haggis jedoch will uns hier auf Biegen und Brechen erst mal abstempelnde Gedanken einpflanzen um uns dann ganz locker vor den Kopf zustoßen und wir uns selber mit schockierten Gesicht erwischen, wie wir nur solche bösen Gedanken hegen konnten. Diese ständige gewollte manipulieren geht vollkommen nach hinten los. Die Vorurteile, die wir alle sowieso haben und immer haben werden, wenn auch nicht so ausgeprägt wie in den extrem Fällen, kann uns Haggis auf diesem Weg sicherlich nicht austreiben. Viel mehr schenkt er uns ein ganz neues Vorurteil und zwar direkt gegen ihn selbst. Sein Können als Filmemacher darf also gerne für die Zukunft in Frage gestellt werden.

‚L.A. Crash‘ ist eine dieser hochpolierten Hollywoodproduktionen, die so gerne etwas zu sagen hätte, allerdings nicht ansatzweise einen gescheiten und vor allem ehrlichen Ton rausbekommen. Die Episoden ziehen sich nach und nach wie ein Reißverschluss zusammen und werden dabei vom geliebten Kitsch und schrecklichen Klischees der vorhersehbarsten Art begleitet. Zwischendurch werden wir auch noch mit pseudointellektuellen Geschwafel beglückt und die Geduld des Zuschauers wird auf eine harte Probe gestellt.

Am Ende stellt sich die Frage: was ‚L.A. Crash‘ uns eigentlich mit seiner lupenreinen und glattgebügelten Erzählung sagen will? Nicht viel, soviel ist sicher. Wir haben also alle einen kleinen Rassisten ins uns? Wir können das aber ganz schnell ändern? Wir können innerhalb von wenigen Stunden eine Einstellung ablegen, die wir uns über Jahre und Jahrzehnte angeeignet haben? Alles klar. Haggis will uns belehren, versagt dabei auf ganzer Linie und verärgert den Zuschauer viel mehr, als das er ihn mit diesem Thema richtig konfrontiert und nachdenklich stimmen lässt. Schlechter kann man es einfach nicht mehr machen. Wenn man sich gerne filmisch mit dem Rassismus-Thema beschäftigen will, dann sollte man eher zu ‚American History X‘ greifen, der geht das Thema nämlich ganz anders und vor allem richtig an und regt durch seine schonungslose Art zum Nachdenken an.

Fazit: ‚L.A. Crash‘ ist erschreckend sinnloses Möchtegern-Lehrkino. Haggis macht so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann und inszeniert einen Film, der weder nachdenklich macht noch irgendwie berührt. Dazu kommen die durchschnittlichen bis schlechten schauspielerischen Leistungen, die netten Bilder, die aber unbedingt etwas aussagen wollen und der unpassende Score, die dem Film so den Rest geben. Fertig ist ein klischeebeladenes, kitschiges und unnötiges Filmchen, welches man getrost vergessen kann.

„Es ist das Gefühl der Berührung. In einer normalen Stadt geht man zu Fuß, man berührt einander, rempelt sich an, in L.A. berührt dich nie jemand.“

Bewertung: 1/10 Sternen