“La Grande Bellezza” (IT/FR 2013) Kritik – Sorrentino wandelt auf den Spuren Fellinis

Autor: Philippe Paturel

null

„Der Neorealismus ist in erster Linie ein moralischer Begriff, der genau das als Wirklichkeit darstellt, was die bürgerliche Gesellschaft sich bemüht zu verbergen“. (Roland Barthes)

Die größten italienischen Filmemacher wie Federico Fellini („La Dolce Vita“) oder Luchino Visconti („Rocco und seine Brüder“) haben sich mit den Schattenseiten der italienischen Gesellschaft auseinandergesetzt. Nun wagt sich also ausgerechnet Paolo Sorrentino, der mit seinem letzten Film und Hollywooddebüt „Cheyenne – This must be the place“ nicht gerade für Begeisterungsstürme sorgte, an ein Rom-Epos fellinischen Ausmaßes. Die größte Überraschung dabei ist nicht, dass Sorrentino nicht gescheitert ist, sondern dass er eine den Regielegenden ebenbürtige Auseinandersetzung mit der römischen Gesellschaft abliefert, die Fellinis Gedankengänge brillant weiterführt und das moderne Rom und die Menschen dieser Stadt in all seinen Facetten wiederspiegelt.

Jep Gambardella (Toni Servillo) ist einer der angesehensten Autoren Italiens, und das, obwohl er erst einen Roman geschrieben hat. Das liegt wiederum schon 40 Jahre zurück und seine Verehrer warten schon so lange darauf, dass er endlich einen weiteren Roman schreibt. Doch Jep ist mit seinen 65 Jahren inzwischen nicht mehr der Jüngste. Auch hat er kein wirkliches Lebensziel vor Augen. Sein Leben scheint nur noch aus Feiern über den Dächern von Rom zu bestehen. Anschließend wird lange ausgeschlafen, was sogar seine Haushälterin ab und zu in den Wahnsinn treibt. Das Leben scheint für Jep nur noch ein einziges großes Labyrinth zu sein, doch dann trifft er die über 20 Jahre jüngere Ramona, eine Stripperin, die ebenso wenig wie Jep ein Ziel vor Augen hat. Kinder kriegen? Das macht für sie keinen Sinn. Damit, dass ausgerechnet diese in sich selbst gekehrte Frau ihm auf Augenhöhe begegnen kann, hatte aber selbst Jep nicht gerechnet. Sie ist es, die ihm seine Erinnerungen an längst vergangene Zeiten zurückbringt, und dann ist da noch diese zahnlose 104-Jährige, die alle nur als ‚die Heilige’ betrachten.

Mit Hilfe dieses ziellosen Autors Jep lässt uns Paolo Sorrentino fast schon wehmütig auf die ‚ewige Stadt’ blicken, in die zwar tausend Wege führen, aber scheinbar kein Weg mehr hinaus. Zwar schildert Sorrentino den Lebensabschnitt eines alternden Schriftstellers, doch könnte es hier genauso gut um die vielen ziellosen Menschen gehen, die im modernen Italien keine Zukunft mehr sehen. Genau darin besteht auch der Geniestreich Sorrentinos: Er möchte gar keine Kritik an der Gesellschaft üben, sondern uns vielmehr Gefühlslagen erleben lassen und uns die großen Themen, die schon zu Fellinis Zeiten für jedermann von Bedeutung waren – Liebe, Tod, Einsamkeit, Schaffenskrisen, etc. – vor Augen führen. Sorrentino denkt aber noch weiter. Das süße Leben: Das war etwas, wovon Fellini noch träumen konnte. Wir sind jedoch im Jahr 2013 angelangt, befinden uns in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit in Italien überhand nimmt und in der die Menschen nicht mehr wissen, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollen. Auch der böse Seitenhieb darauf, dass die italienische Wirtschaft nur noch von Gangstern am Laufen gehalten wird, zeigt mit welch genauen Beobachtungen Sorrentinos Gesellschaftsdramödie aufwarten kann. Das süße Leben also, Sorrentino widmet diesem nur entlarvende Wortgefechte und Momente der Nostalgie, wenn Luca Bigazzis Kamera in der Schönheit Roms baden geht und uns einige der bezauberndsten Aufnahmen der Filmgeschichte von der antiken Stadt schenkt.

Sowieso ist „La grande bellezza“ ein ewiges Auf und Ab der Gefühle, denn Sorrentino macht es dem Zuschauer nicht immer einfach. Oft müssen Szenen mit eigenen Gedanken gefüllt werden, damit das Ganze an Tiefe, Ausdruck und Spannung gewinnt. Nicht ohne Grund wird hier Flaubert zitiert, dem es nie gelang, einen Roman über das Nichts zu schreiben. Wahrscheinlich ist es einfach die Kunst, das Nichts mit Leben zu füllen. Das wird auch irgendwann Jep klar, dass es nicht reicht, immer nur in der Vergangenheit zu verweilen, der verflossenen Jugendliebe hinterherzutrauern und nichts aus der Gegenwart zu machen. Manchmal muss einfach ein Neuanfang gestartet werden, damit das Leben wieder genossen werden kann. Für diese Aufbruchsstimmung findet Sorrentino Bilder von unglaublicher Eleganz.

Fazit: Paolo Sorrentino hat sich mit „La Grande Bellezza“ endgültig in die Riege der größten zeitgenössischen Regisseure Europas hochgearbeitet und darf sich dafür gerne auf die Schulter klopfen, dass er nicht nur seine großen Vorbilder wie Fellini zitiert, sondern den Zuschauer konsequent im „Sog des mondänen Lebens“ baden lässt. Das ist mal schön, mal hässlich, mal episch, mal ganz ruhig erzählt, aber so pessimistisch „La Grande Bellezza“ manchmal auch scheint, es ist ein Gefühlsfeuerwerk sondergleichen, das am Ende vor allem einen wunderbaren Ausblick gewährt, wenn Sorrentino zeigt, dass es immer Hoffnung gibt, auch wenn die Wahrheit erst mal ausgesprochen werden muss, und die Wahrheit kann weh tun. Ein präzise beobachtetes Meisterwerk, das Sorrentino hier geschaffen hat.