"Das Labyrinth der Wörter" (FR 2010) Kritik – Die Kraft der Worte

„Wenn man so jung, so früh, so sehr geliebt wird, dann ist das nicht gut. Man nimmt schlechte Gewohnheiten an. Man hält Ausschau, man hofft, man wartet. Mit der Mutterliebe macht dir das Leben in der frühsten Kindheit ein Versprechen, das es niemals erfüllt.“

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Immer wieder gibt es sie, jedes Jahr aufs Neue. Diese kleinen, unentdeckten Filmperlen, die in den Regalen von Videotheken und Läden versinken und darauf warten, sich endlich entfalten zu dürfen und zu zeigen, was in ihnen steckt. Einer dieser leider viel zu unbekannten Filme ist die wundervolle, französische Tragikomödie ‚Das Labyrinth der Wörter‘ von Jean Becker aus dem Jahr 2010.

‚Das Labyrinth der Wörter‘ besticht durch seine ruhige und feinfühlige Art und lebt immer mehr von seiner unglaublich warmen und umarmenden Atmosphären. Nicht zuletzt durch die feine Musik von Laurent Voulzy. An wenigen Stellen des Films wird seine zärtliche Klaviermusik eingespielt, die dem Film aber in keinem Fall schadet, sondern den Szenen, sei es nun Aufschwung oder Abschied, die nötige Tiefe gibt und den Zuschauer berührt. Auch die zurückhaltende Kameraarbeit von Arthur Cloquet zeigt uns ein sonniges französisches Städtchen in charmanten Aufnahmen festgehalten. Im Gegensatz dazu stehen die Szenen aus Germain’s schwerer Kindheit, immer mit einer unterschwelligen Schwere dargestellt.

Jean Becker beweist ein vortreffliches Händchen bei seiner Schauspielerwahl. Mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle, hat Becker genau den richtigen Schauspieler für seinen leicht zurückgebliebenen Germain gefunden. Depardieu, dessen Filmwahl nicht nur einmal ziemlich daneben war, beweist endlich wieder einmal, dass er ein toller Charakterdarsteller sein kann und füllt seine tragische Figur mit der nötigen Wärme die ihn sofort für den Zuschauer unglaublich sympathisch macht. Der Gegenpol zu Germain ist die gebildete, 95 jährige Margueritte, gespielt von Gisèle Casadesus. Auch Casadesus, die sich Germian endlich annimmt und in eine völlig neue Welt eröffnet, bringt eine starke Leistung und ist, wie Depardieu, direkt sympathisch. Andere Schauspieler zu erwähnen würde wohl zu weit führen, da die anderen keine wirklichen Impulse setzen.

Jean Becker inszeniert mit ‚Das Labyrinth der Wörter‘ einen kleinen, aber unglaublich berührenden Film. In jeder Szene nimmt der Film den Zuschauer mit und entführt uns in eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt. Wobei man hier Liebe nicht auf die herkömmliche Liebe übertragen sollte. Eher geht es hier um die Mütterliche Liebe, die unsere Hauptfigur Germain nie erfahren durfte und die er durch Margueritte endlich kennenlernt. Und genau darum geht es zuerst, um die schwere Beziehung von Germain zu seiner Mutter. Wobei das Wort „Beziehung“ in diesem Fall völlig deplatziert ist. Das einzige was die beiden Verbindet ist wohl der Nachname. Germain wurde von seiner Mutter in der Kindheit geschlagen und behandelt wie Vieh. Nie war er gut genug, immer war er nur ein Ding. Und auch als Germain erwachsen ist, tyrannisiert und ignoriert sie ihren Sohn wo es nur geht. Germain, der zwar die Chance hatte mit seinem Wohnwagen weit weg zu ziehen, blieb auf dem Grundstück seiner Mutter, denn die Entfernung ist nicht in Kilometern zu überwinden, die Entfernung der beiden besteht im Kopf. Doch wenn man den Punkt im Leben erreicht hat, in dem man von dem Menschen Abschied nehmen muss, egal wie schwer die Zeit war, so überrumpelt er einen doch in der Art wie man es nicht für möglich gehalten hat. Germain, der eigentlich ein herzensguter Mensch ist, dem aber die nötige Intelligenz und Feinfühligkeit in manchen Situationen fehlt, wird von seinen „Freunden“ ausgelacht, das versucht er zwar zu ignorieren doch in den einsamen Momenten treffen ihn die Worte immer wieder. Die einzigen Bezugspersonen in seinem Leben ist seine Freundin Busfahrerin Annette, sein Kater Jeremy und die 19 Tauben im Park die jeden Tag zählt. Bis er eines Tages die gebildete Margueritte dort trifft. Von diesem Moment eröffnet sich Germain eine neue Welt. Er entdeckt die Welt der Wörter und verliebt sich in die französische Literatur und gleichermaßen findet er in Margueritte endlich die Mutter die er nie hatte und den Gesprächspartner der ihm immer fehlte. Zwei Menschen, die völlig verschiedenen sind, werden durch die Kraft der Wörter zusammengefügt und starten ihre ganz eigene Geschichte voller Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung. ‚Das Labyrinth der Wörter‘ hält den Spagat zwischen tragischen und humorvollen Szenen durchgehend. Da sind es dann die traurigen Szenen die Germain’s Vergangenheit und seine Schwächen offen zur Show stellen und die schönen und lustigen Szenen mit Margueritte, oder wenn Germain sein eben erfahrenes Wissen in völlig unpassenden Situationen rausposaunt. Jean Becker inszeniert eine rührende Geschichte voller kindlicher Naivität, Schmerz und herzerwärmender Nähe und schafft damit eines der schönsten Filmerlebnisse überhaupt.

Fazit: ‚Das Labyrinth der Wörter‘, eine Geschichte irgendwo zwischen lachen und weinen. Ein Gefühl, das süchtig macht, auch wenn es phasenweise schmerzt. Der Film überzeugt durch seine sensible, liebenswerte und wirklich bezaubernde Inszenierung, seine Ruhe und die tollen Darsteller, die den Film ab dem ersten Moment direkt sympathisch machen und sich direkt in das Herz der Zuschauer spielen.

Bewertung: 9/10 Sternen