"Last Samurai" (USA/NZ 2003) Kritik – Ehre, wem Ehre gebührt

„Ich behaupte, Japan entstand durch eine Handvoll mutiger Männer. Krieger, die bereit waren, ihr Leben für etwas zu opfern, das heute in Vergessenheit geraten zu sein scheint… Ehre.“

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Edward Zwick dürfte vielen Filmfreunden kein richtiger Begriff sein, eben weil seine Person einfach nie populär in den Medien vertreten war, aber Zwick hat in seiner Karriere schon mehr als einmal bewiesen, dass er nicht nur ein guter Regisseur ist, sondern auch unbedingt im Gedächtnis beim Zuschauer bleiben sollte, denn seine inszenatorischen Stärken sind zumeist unverkennbar. Dabei teilt sich die Filmografie von Zwick jedoch in zwei Teile auf, die auch den qualitativen Unterschied von Zwicks Arbeiten immer verdeutlichen. Auf der einen Seite stehen Filme wie ‚Glory‘ mit Denzel Washington, ‚Legenden der Leidenschaft‘ mit Brad Pitt, oder auch ‚Blood Diamond‘ mit Leonardo DiCaprio. Denen gegenüber sind es Werke wie ‚Shakespeare in Love‘, für den Zwick auch den Regie Oscar gewann, ‚Ich bin Sam‘ mit Sean Penn oder zuletzt ‚Love & other Drugs‘, bei denen Zwick sich viel zu oft in Nebensächlichkeiten und Kitsch verlor, die sein Können verdeckten und nicht aufleben lassen konnten. Einen seiner besten Filme inszenierte er jedoch 2003 mit ‚Last Samurai‘, in dem er sowohl seine visuelle Brillanz, als auch sein erzählerisches Talent wieder in allen Punkten offenbaren konnte.

Der abgewrackte US Captain Nathan Algren nimmt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert den Auftrag an, die Armee des japanischen Kaisers zu trainieren. Er soll die Truppen für den Kampf gegen die ehrwürdigen Samurai ausbilden, doch die Samurai sind in jedem Punkt überlegen und schlagen die kaiserlichen Soldaten in Windeseile auseinander. Algren, der den Anführer der Samurai mit seinem Willen beeindruckte, wird von den Samurai in ihr Dorf mitgenommen und lernt in den nächsten Monaten die fremden Menschen und neuen Lebensweisen kennen, obwohl er sich zu Anfang noch wie ein Gefangener gefühlt hat. Immer mehr macht er sich mit den neuen Sitten vertraut und aus Feinden werden Freunde, doch der nächste Kampf gegen die japanischen Soldaten, geführt von Algrens Auftraggeber, steht schon wieder bevor…

‚Last Samurai‘ kann an erster Stelle mit seiner handwerklichen Perfektion beeindrucken, die wirklich eine geniale Ausstattung beinhaltet und die Atmosphäre dieser Zeit brillant einfängt. Das ruhige Bergdorf der Samurai, die Ausbildungsflächen der japanischen Krieger, die Hütten, der Tempel und die Stadt im Tal, alles glänzt mit detaillierter Liebe zum Medium. Dazu die mehr als hervorragende Kameraarbeit von John Toll, der diese Orte in seiner ganzen Stimmigkeit einfängt und eine herausregende Landschaftseinstellung nach der anderen liefert, die eine wahre Augenfreude für jeden Film und Naturfreund darstellt. Dass ‚Last Samurai‘ in Neuseeland gedreht wurde, war wohl der klügste Gedankengang, denn diese einmalige Landschaft kann man so nirgendwo anders so wunderbar in Szene setzen. Untermalt wird das alles von Hans Zimmers kraftvollen Score, der zu seinem besten seiner Karriere zählt und mit gefühlvollen Tönen, wie auch den impulsiven Klängen überzeugen kann. In diesen Punkten kann ‚Last Samurai‘ wirklich niemand etwas vormachen. In der Hauptrolle als Captain Algren sehen wir Tom Cruise, der wegen seiner persönlichen Richtlinien immer wieder verachtet wird, aber in Wahrheit einfach ein guter Schauspieler ist und längst nichts mehr beweisen muss, auch wenn er ab und an mal daneben tritt. Auch als Algren zeigt Cruise wieder, zu welchen Leistungen er in der Lage ist und spielt die Entwicklung vom gebrochenen Captain zum ehrenvollen Samurai grandios aus. Auch Ken Watanabe als Samuraianführer weiß mit seinem Charisma zu überzeugen und kann gerade im Zusammenspiel mit Cruise großaufspielen.

Die Samurai sollten heute eigentlich jedem bekannt sein, denn gerade durch Akira Kurusawa haben sie doch einen beachtlichen Schub an Bekanntheit bekommen. Auch heute gibt es noch Filme über die Samurai, man denke da an ‚Ghost Dog‘ von Jim Jarmusch, der sich um einen modernen Samurai kümmerte und dem Weg des Kriegers (Bushido) folgte. Als Samurai bezeichnet man einen Ordenskrieger, der strickt und unabdingbar dem Ehrenkodex, genannt Hagakure, folgt und sein Leben danach ausrichtet. Das Leben dieser Samurai ist in jedem Moment vorbestimmt und die vorgegeben Grundsätze dürfen in keiner Sekunde aus den Augen gelassen werden. Wenn es jedoch sein muss und ein Fehler begangen wird, dann wird zum ehrenvollen Selbstmord, dem Hariko gegriffen, der dem Samurai noch die letzte Ehre erweist und ihn nicht als gedemütigten Mann aus dem Leben gehen lassen.

Die Inspirationen der Geschichte von ‚Last Samurai‘ sind natürlich klar, doch stören zu keinem Zeitpunkt. Wir haben unseren Captain Algren, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist und seit dem Kampf gegen die Indianer unter der Führung General Custer von schweren Schuldgefühlen zerfressen wird. Das einzige was ihm noch hilft, ist der Alkohol, der sich auch langsam im müden Gesicht von Algren abzeichnet. Ausgerechnet sein ehemaliger Vorgesetzter Colonel Bagley, der ihn zum Töten von Indianerstämmen gezwungen hat, gibt Algren die Möglichkeit, ein japanisches Kaiserheer für den Kampf zu trainieren und das dreifache Gehalt dafür zu verdienen. Er nimmt den Auftrag an, nur wegen des Geldes, und zieht mit den neuen Soldaten in den Kampf, gegen den übermächtigen Gegner. Die Samurai zerschlagen die Truppe und Algren wird zum Gefangenen, der einen der besten Samurai im Kampf getötet hat und nun auch noch im Haus der Witwe lebt. Hier bekommt er eine Entziehungskur und wird langsam, wenn auch unfreiwillig, in die neue Umgebung eingeführt. Er nimmt die Menschen an, genau wie er auch angenommen wird und es entsteht eine Bindung zwischen den Samurai und dem gefallen Soldaten, die einen ganz neuen Menschen aus Algren macht.

‚Last Samurai‘ ist einfach bombastisches Abenteuer-Kino, bei dem die visuelle Brillanz wirklich über jeden Zweifel erhaben ist. Aber Zwick versteht es auch, seine Geschichte spannend zu erzählen und mit seiner ruhigen, aber nie lahmen Inszenierung zu entfalten. Dabei liegt der Schwerpunkt natürlich ganz besonders auf dem Charakter des Captain Algren, der die verschiedensten Entwicklungsstufen durchleben muss und eine vollkommen fremde Kultur nach und nach zu seiner eigenen Kultur macht und darin auch den verlorenen Sinn seines Lebens wiederfinden kann. Vom desillusionierten Alkoholiker wird Algren zum ehrenhaften, letzten Samurai. In ‚Last Samurai‘ geht es sicher um die Annahme von einem neuen Lebensstil, um Ehre, Tapferkeit und um eine neue Liebe. Aber es geht auch um die Horizonterweiterung des Geistes und den eigenen Ansichten, die in einem Kampf beginnen und in einem Kampf enden, jedoch ist die Veränderung dabei, gerade in Bezug auf Algren, einfach beeindruckend. Man begleitet den Amerikaner in seiner neuen Welt, wie er neue Fähigkeiten lernt, die Sprache deutet und die Menschen sich dabei auch emotional näherkommen. ‚Last Samurai‘ funktioniert dazu auch noch blendend als Unterhaltungsfilm, denn richtige Längen gibt es keine und die epischen Ausmaße weiß Zwick in jedem Moment voll und ganz auszufüllen. Zwar wäre das typische Hollywoodende in dem Ausmaß nicht nötig gewesen, aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler, der im Gesamteindruck kaum stört, denn dafür ist ‚Last Samurai‘ einfach zu kraftvoll, packend und interessant.

Fazit: So und nicht anders muss Abenteuerkino aus Hollywood aussehen. 150 Minuten werden wir in eine neue Welt gezogen, in der wir uns ebenso zurechtfinden müssen wie unsere Hauptfigur und nach und nach werden wir eins mit ihr, eben genau wie unser Protagonist. Mit den fantastischen Landschaftsaufnahmen, dem tollen Score, der hervorragenden Ausstattungen, den starken Darstellern und Edward Zwicks ausgezeichneter Führung wird ‚Last Samurai‘ zu einem gewaltigen und genauso packenden Abenteuer der Extraklasse.

Bewertung: 8/10 Sternen