Klassiker-Tipp der Woche "Lautlos wie die Nacht" (FR/IT 1963) Kritik – Der letzte Coup

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„Es fällt dir wohl schwer, ein bisschen nett zu sein.“

Wenn man seinen Blick einmal durch die vergangene Filmgeschichte laufen lässt, dann kann man in jedem Jahrzehnt ganz große Sternstunden vorfinden. Wenn man sich allerdings das Land Frankreich herauspickt und sich auch mit den großen Filmen dieses Landes in der Vergangenheit beschäftigt hat, dann wird man schnell beeindruckt sein, welch kontinuierliche Qualität uns die Regisseure und Schauspieler immer wieder gezeigt haben. Man muss dazu natürlich noch sagen, dass Frankreich nach wie vor immer wieder Meisterwerke auf die Welt loslässt und nicht wie Deutschland, die Klasse ihrer Regisseure und Filme in den Anfängen der 1990er Jahre vollkommen aus den Augen verlor und sich inzwischen mit Til Schweiger und Matthias Schweighöfer selber immer wieder ins Aus schießt. Die 60er und 70er Jahre sind in Frankreich zwei Jahrzehnte, in denen die Filmemacher und ihre Darsteller sich in der Blütezeit des Landes befanden und in begeisternder Regelmäßigkeit, ein prägendes Werk nach dem anderen inszenierte. Man denke nur an Namen wie Jean-Pierre Melville, François Truffaut, Jean-Luc Godard, Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Yves Montand, Gian Maria Volonté, Jean-Paul Belmondo, Catherine Deneuve, Jacques Demy, Alain Delon, Jean Gabin und Henri Verneuil. Und genau die drei letztgenannten Männer, haben im Jahre im 1963 mit „Lautlos wie die Nacht“ einen solchen Film gemacht, den man heute nur schmerzlich vermissen kann.

Charles kommt nach jahrelangem Aufenthalt aus dem Gefängnis, doch das Verbrechen jetzt erst mal ruhen zu lassen, kommt für ihn vorerst nicht infrage, denn Charles hat die Zeit dazu genutzt, um Pläne für einen nächsten großen Coup zu schmieden. In Cannes hat er sich zum Ziel gesetzt, das Palm Beach Casino auszunehmen, doch dafür braucht er einen Partner, auf den er sich verlassen kann und der keine krumme Touren versucht. Mit seinem ehemaligen Kumpel Francis, ein arroganter Zeitgenosse, macht sich Charles auf den Weg nach Cannes und lässt Francis das Casino erkunden und jedes Detail erforschen, um den Plan auch wirklich aufgehen zu lassen. Als es ernst wird, stellt sich nicht nur der Überfall als äußerst kompliziert dar, sondern auch die Folgen in Cannes…

Im Jahre 1969 drehte das Trio Delon, Gabi und Verneuil ein weiteres Meisterwerk in der gemeinsamen Schaffenskarriere mit dem Namen „Der Clan der Sizilianer“, bei dem sogar noch Lino Ventura mit ins Boot geholt werden konnte. Gemeinsam haben „Lautlos wie die Nacht“ und „Der Clan der Sizilianer“ rein geschichtlich nichts, doch die visuelle, musikalische und schauspielerische Brillanz ist auf dem gleichen Niveau. An erster Stelle ist es das ausgetüftelte Drehbuch von Michel Audiard und Albert Simonin, die den Roman „The Big Grab“ von Zekial Marko aka John Trinian, kongenial adaptierten. Die Musik von Michel Magne setzt auf lockeren Jazz, der natürlich nicht nur in die Zeit passt, sondern auch den Film wunderbar begleitet. Noch besser ist allerdings die Optik und die exzellente Kameraführung von Louis Page, der das klare Schwarz-Weiß mit seinen hervorragenden Fotografien verbindet, seine Aufnahmen und Einstellungen in jedem Moment präzise ausarbeitet und sich zu keinem Zeitpunkt überschlägt, sondern immer nah am Geschehen ist, ohne sich von Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen.

Wenn man sich „Lautlos wie die Nacht“ anschaut, dann freut man sich doch vor allem auf das Duo Alain Delon und Jean Gabin, die mal wieder zeigen, wieso sie zu den besten Schauspieler aller Zeiten zählten und für immer zählen werden. Jean Gabin gibt den gealterten Gangster Charles und weiß seine mimische Eigenart in jeder Szene in der bleibenden Unverwechselbarkeit auszuspielen. Gabin agiert gefasst, ruhig und doch ist er in Sachen Präsenz ein ganz eigenes Kaliber, an dem andere Schauspieler nur zerbrechen können, außer man heißt Alain Delon. Und da kommen wir auch schon zur zweiten Legende im Bunde. Delon spielt den rebellischen und übereifrigen Francis, der sich durch seine arrogante, aber dennoch charismatische Art auszeichnet. Delon ist in Sachen Coolness natürlich eine ganz eigene Hausnummer und mit Sonnenbrille und Zigarette im Mundwinkel unschlagbar. Aber Delon kann nicht nur cool sein, sondern auch hervorragend schauspielern. Gestik und Mimik sind wieder ein Erlebnis und jeder Blick trifft genau ins Schwarze. Die besten Momente entstehen dann, wenn Gabin und Delon zusammen vor der Kamera sind und diese von Grund auf verschiedenen Charaktere aufeinandertreffen, um sich gekonnt die Bälle zuzuspielen.

„Lautlos wie die Nacht“ lässt sich ohne weiteres als einer der besten Heist-Krimis überhaupt betiteln. Dabei legt Regisseur Henri Verneuil sein Hauptaugenmerk jedoch nicht auf den Überfall des Palm Beach Casino in Cannes, sondern auf die beiden Charaktere Charles und Francis und die präzise Planung, die bis in das kleinste Detail genauestens durchdacht wurde. Ohne die Spannungsschraube in krachenden Szenen explodieren zu lassen, behält Verneuil über 120 Minuten stetig sein ruhiges Tempo und arbeitet sich Stück für Stück zu dem Raubzug vor, der natürlich hervorragend dargestellt wurde und zu den besten der Filmgeschichte gehört. Das Interesse des Zuschauers zieht „Lautlos wie die Nacht“ so aus den unterschiedlichen Hauptcharakteren. Auf der einen Seite der überhebliche Francis und ihm gegenüber der ruhige und standhafte Charles, der seine Gefängniszeit mehr als genutzt hat. Wie Verneuil seinen Film so immer weiter aufladen kann, ist schon eine inszenatorische Meisterleistung und wir als Zuschauer sind gefangen in der angespannten Lage, in der jeder Augenblick das Ende des Plans bedeuten kann und auch den beiden Männern den endgültigen Gnadenstoß geben könnte. Kommt es dann zum großen Finale und jeder der Beteiligten spielt mit offenen Karten, dann lässt Verneuil die haltlose Spannung zum überkochen bringen und die Poolszene erweist sich nicht nur als Nervenkitzel pur, sondern lässt zum Abschluss noch eine ironische Bombe der Extraklasse explodieren, die den Scharfsinn, die Genauigkeit und die deliziöse Genialität der tadellosen Inszenierung fantastisch abrundet.

Fazit: „Lautlos wie die Nacht“ ist wieder eines dieser französischen Meisterwerke, an denen man sich nicht sattsehen kann und die wirklich jeder Filmfan in seinem Leben gesehen haben sollte. Ohne unnötigen Krawall oder stumpfe Actionszenen, zieht Henri Verneuil seine ganze Spannung aus den grandios gezeichneten Charakteren, die den Film über die gesamte Laufzeit tragen und von Alain Delon und Jean Gabin brillant verkörpert wurden. Das Drehbuch, die Optik, die Musik und natürlich Verneuils Inszenierung selbst sind ebenso herausragend und sorgen dafür, das „Lautlos wie die Nacht“ nicht nur ein nahezu vollkommener Heist-Krimi ist, sondern auch ein charmanter Klassiker der unantastbaren Sorte, der immer noch viel zu unbekannt ist.

Da es leider keinen Trailer zum Film gibt, hier ein kleiner Auszug von Michel Magnes Soundtrack.