"Lawless" (AT 2012) Kritik – Tom Hardy und Shia LaBeouf im Sumpf der Prohibition

„It is not the violence that sets men apart. It is the distance that he is prepared to go.“

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Seit unzähligen Jahrzehnten gibt es ein ganz besonderes Genre, welches sich unsterblich durch die Filmgeschichte schlängelt und wohl niemals daraus vertrieben werden kann: Der Gangsterfilm und alles was damit zu tun hat. Aber wer will dieses wunderbare Thema schon vertreiben, denn diese Filme offenbaren uns doch einen gnadenlosen, spannenden und gerne auch informativen Blick in die dunkle Machenschaften der falschen Seite des Gesetzes und des organisierten Verbrechens. Regisseure wie Martin Scorsese, Brian De Palma und Francis Ford Coppola haben sich ihre Heiligsprechung in diesen Fällen schon gesichert, denn Werke wie „GoodFellas“, „Scarface“ oder die „Der Pate“-Trilogie sind nicht nur Klassiker, sondern auch unzerstörbare Meilensteine, die jeder gesehen haben sollte. In diesem vielschichtigen Genre wird auch immer wieder gerne die Zeit der Prohibition thematisiert, man denke nur an Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“, oder auch an die äußerst erfolgreiche Serie „Boardwalk Empire“ mit Steve Buscemi in der Hauptrolle. Es ist in diesem Bereich immer nur eine Frage der Zeit, bis sich der nächste Regisseure dieser amerikanischen Thematik widmet. Im Jahr 2012 wurde der Stab an den angesehen Australier John Hillcoat weitergereicht, doch sein Gangster-Drama „Lawless“ erweist sich als herbe Enttäuschung.

Franklin, Anfang der 1930 Jahre: Die Prohibition bestimmt das Land und unzählige Verbrecher sehen ihre Chance, durch den illegalen Alkoholschmuggel das große Geld zu machen. Alkohol ist das gefragteste Gut auf dem Schwarzmarkt und das auferlegte Verbot wird an allen Ecken und Enden umgangen. So auch die Brüder Jack, Howard und Forrest Bondurant, die nicht nur eine Tankstelle und Roadhouse leiten, sondern gleichzeitig Alkohol produzieren und verkaufen. Das Geld fließt, die finanziellen Sorgen rücken in die Ferne, doch die Probleme lassen nicht lange auf sich warten, denn der durchtriebene Bundesagent Charley Rakes hat sich schon auf den Weg in die staubige Stadt gemacht, um das Geschäft der Brüder zu unterbinden. Seine radikale Methode: Die blanke Gewalt. Als dann auch noch Forrest ausfällt, der Anführer der Familie, sieht der jüngste Bruder Jack seine Chance, die Verantwortung zu übernehmen und seinen Ehrgeiz endlich ausspielen zu können. Dazu bittet er um die Hilfe des gefürchteten Gangsters Floyd Banner, der den brutalen Rakes aus dem Weg räumen sollen. Ein persönlicher Krieg zwischen der Familie und dem Bundesagent beginnt…

Mit seinem Endzeit-Drama „The Road“ konnte Regisseur John Hillcoat 2009 seinen größten Erfolg landen, allerdings nicht nur im kommerziellen Sinne, sondern auch die Kritiker waren begeistert von Hillcoats präziser Inszenierung, der grandiosen Erzeugung der apokalyptischen Atmosphäre und der starken Schauspielführung. Auch in „Lawless“ hat der Australier wieder einen mehr als namhaften Cast zusammentrommeln können, der allerdings zeitweise verschenkt wurde. Die Hauptrolle wurde Shia LaBeouf gegeben, den wohl die meisten aus Michael Bays „Transformers“-Chaos kennen dürfen. LaBeouf gibt den jüngsten Bruder Jack und zeigt seine beste Karriereleistung, in dem er jede Albernheit ablegt und mit durchgehend Ernsthaftigkeit eine sorgfältige und glaubwürdige Darstellung an den Tag legt. Auf der gleichen Ebene bewegt sich auch Guy Pearce als Charley Rakes, der wohl seine schmierigste Performance ablegt und seinen durch und durch bösen Charakter wunderbar ausspielt. Tom Hardy, Jason Clarke und Jessica Chastain bekommen zu wenig nennenswerte Szenen zugeschrieben, um ihr Talent wirklich entfalten zu können, doch das Charisma Hardys lässt die Leinwand immer wieder beben. Gary Oldman und Mia Wasikowska sind vollkommen nebensächlich und bekommen zusammen vielleicht knappe fünf Minuten Leinwandzeit geschenkt, die zwar die Story unterstützen, aber kein schauspielerisches Können verlangen.

Visuell lässt „Lawless“ natürlich keine Schwächen zu und die raue Optik, die immer wieder durch die staubigen Stadtaufnahmen unterstütz wird, erzeugt in den besten Momenten eine Western-Atmosphäre, die in ihrer altmodischen Art an die guten alten Zeiten erinnert. Genau wie der Score von Nick Cave, der die bröckelnde Atmosphäre immer verdichten will, sich aber in seinen hypnotischen Klängen oftmals verausgabt, anstatt wirklich ein Ziel vor Augen zu haben. Aber die Probleme des Films liegen nicht im visuellen oder schauspielerischen Bereich, sondern ganz klar im inszenatorischen, die noch vom schwachen Drehbuch, ebenfalls verfasst von Nick Caves, unterstützt werden. 2008 konnte Hillcoat noch mit großartig gezeichneten Figuren in „The Road“ begeistern, das sieht 4 Jahre später schon ganz anders aus. Unsere Hauptakteure, die Gebrüder Bondurant, sind weder Protagonisten noch Antagonisten. Man will ihnen gerne eine gewisse Sympathie zuschreiben, doch durch das Auftreten des abgrundtief bösen Bundesagenten Charley Rakes, der sich genaugenommen kaum von den Brüdern unterscheidet, fällt dem Zuschauer auf, dass die Trennlinien zwischen den beiden Seiten vollkommen verwischt wurden und es wird zur Unmöglichkeit, sich auf irgendeine Seite zu ordnen, was den moralischen Zwiespalt im Zuschauer rabiat verstärkt, aber keinerlei politische Zeitkritik ablegt.

„Lawless“ erzählt uns wieder einmal eine Geschichte über die Zeit der Prohibition, eine Thema, dass schon unzählige Male durchgekaut und nicht selten gelangweilt ausgespuckt wurde. „Lawless“ lässt sich als einer dieser Auswürfe bezeichnen, denn die Thematik wird derart höhepunktarm vorgetragen, dass wirkliche Spannung in keinem Moment aufkommen kann und Hillcoat erlaubt sich den groben Fehler, jede dynamische Intensivität in die brutalen Handlungen zu legen. Das heißt, wenn das Blut fließt oder die Fäuste fliegen, ist „Lawless“ ein präsenter und spürbarer Film, der mit seiner realistischen Gewalt durchaus den richtigen Ton trifft, aber das allein reicht nicht im Ansatz, um ein angemessenes und ehrliches Zeitporträt zu zeichnen. Die Charaktere sind nicht nur bedenklich angesiedelt, sondern auch vollkommen eindimensional. Jeder kämpft für sich, genau wie der Zuschauer, dem die Schicksale ab einem bestimmten Zeitpunkt vollkommen egal sind. Die erklärte Gesetzeslosigkeit und familiäre Bindung innerhalb der Brüder, die blinde Legalisierung der Gewalt und die politische Fragwürdigkeit sind Themen, die nur halbgar angeschnitten werden. „Lawless“ ist einer der Filme, die man schnell wieder vergessen hat, einfach weil Derartiges schon viel zu oft erzählt wurde.

Fazit: Die zeitgenössische Ausstattung, die grobe Optik und die schauspielerischen Leistungen sind die Pluspunkte, die sich „Lawless“ gutschreiben lassen kann, denn wer hätte schon gedacht, dass Shia LaBeouf endlich wieder eine wirklich starke Leistung bringt und zu keinem Zeitpunkt negativ auffällt, allerdings auch deswegen, weil die großen Darsteller zu Randfiguren degradiert werden. Darüber hinaus ist „Lawless“ allerdings eine schwere Enttäuschung, denn es gibt weder Spannung noch eine wirkliche Charakterentwicklung oder nennenswerte Höhepunkte. Wenn es gewalttätig wird, dann weiß Regisseur Hillcoat zu überzeugen und den Film fühlbar zu verkaufen, doch das ist längst nicht genug und macht noch lange kein historisches Crime-Drama aus.