"Lawrence von Arabien" (GB 1962) Kritik – Objektive Fiktion oder: Der Stoff, aus dem Legenden sind

Autor: Florian Feick

„I cannot fiddle but I can make a great state of a small city.“

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Im Jahre 1962 mit sieben Oscars ausgezeichnet und auch heute noch ein unvergessener Klassiker der Extraklasse: David Leans berühmtes Monumental-Epos ist von archetypischer Gestalt, doch obwohl es im Grunde auf ein simples Auf-und-Abstieg-Schema heruntergebrochen werden könnte, kommt es mit erstaunlich facettenreicher Vielschichtigkeit daher. Politische Komplexität, Charakterstudie, Zeit-Portrait, Religion und Philosophie werden zu einer homogenen Einheit verdichtet, universelle Themen behandelt und objektiv betrachtet. Bereits der Anfang funktioniert als einer der intelligentesten Kniffe des Historien-Genres, denn wir erleben schon nach ein paar nervenzerreißenden Minuten den lakonischen Tod des titelgebenden Protagonisten. Nur so kann gewährleistet werden, dass der Zuschauer sich voll und ganz auf das Interpretieren der großen Geschichte konzentrieren kann und nicht durch störenden Ballast wie etwaiges Mitbangen manipuliert wird.

Anschließend erleben wir den humoristisch gefärbten Aufstieg des jungen, gebildeten Offiziers Thomas Edward Lawrence, der zur Zeit des ersten Weltkriegs zu Auskundschaftungszwecken Englands in Kairo stationiert ist. Sichtlich gelangweilt von der ihm zugedachten Bürokratie, ist er permanent auf der Suche nach dem einen großen Abenteuer. Und schließlich wird er, als wäre seine flehende Bitte erhört worden, ins tiefe Arabien versetzt, um dort für die britische Krone die langfristigen Ziele des arabischen Führers Prinz Faisal in Erfahrung zu bringen. Eine lange Reise beginnt.

Sand. Hitze. Wüste. Unendliche Weiten. Lebensfeindliches Land. Die grausame Gewalt Gottes. Der Sand giert nach Blut, ernährt sich davon, verlangt zeitlebens seinen mörderischen Wegzoll und ist unersättlich; der große Feuerball am Himmel glüht währenddessen unnachgiebig und verbrennt ausgemergeltes Fleischgewebe. Kein Araber liebt die Wüste – er sehnt sich nach grünen Wiesen und erfrischendem Wasser. Nur adipöse Ausländer halten sie fälschlicherweise für einen übergroßen Abenteuerspielplatz, der nach ihren idealistischen Regeln funktioniert. Schnell sollte man diese ablegen, möchte man in der real gewordenen Hölle auf Erden bestehen. Grausame Barbaren. Schlachten sich gegenseitig für eine Karaffe voll Wasser ab – kennen keine andere Sprache als metallische Gewalt, argumentieren schlagfertig. Oh, er war Dein Freund? Nun, die Wüste wollte es nicht anders. Sie wird verzeihen. Nicht mehr lange und auch Du wirst verstehen.

Der eigenbrödlerische Lawrence ist ein Exzentriker wie er im Buche steht, und doch überwiegt die aufrichtige Sympathie mit seinen romantischen Idealen, durchaus noblen Zielen und seinem unbändig wirkenden Mut. Diese Eigenschaften sind es auch, welche ihm schleichend die Anerkennung und Bewunderung der dort herrschenden Stammesführer bescheren, die seine Ratschläge mehr und mehr wiegen. Es könnte besser nicht laufen, aber schon sehr bald erleben wir die suggestiv zu erahnende Wandlung mit unausweichlicher Gewissheit. Allmählich wird er von seiner Umgebung gebrochen, doch es ist nicht die karge Einsamkeit der Wüste, sondern die gepeinigten Seelen ihrer Bewohner, die jegliche Menschlichkeit abgelegt zu haben scheinen und auch die seine mit ausgedorrten Armen ergreifen wollen.

Obwohl einige Ereignisse fiktiven Ursprungs sind: David Lean zeigt, aber er wertet nicht. Wir erleben beflügelnde Augenblicke unendlicher Schönheit gleichermaßen wie hoffnungslose Eindrücke von der Düsternis des menschlichen Seins. Wir sind verantwortlich dafür, ob wir in Lawrence einen friedenbringenden Propheten, einen desillusionierten Kriegstreiber, der die Achtung vor dem Leben verloren hat, oder eine menschliche Waage beider Extreme sehen wollen. Legenden wurden schon immer vom Volk selbst erschaffen; und von denen, die ihre Geschichte manipulativ niederschreiben. LAWRENCE OF ARABIA als durchdachtes Werk von biblischer Omnipotenz, welches jeden Kritikpunkt mit Leichtigkeit abzuwehren vermag.

Seine Lebensgeschichte ist eine einzige gigantomanische Männerfantasie (zum Guten wie zum Schlechten), das nahezu komplette Fehlen weiblicher (Neben-)Figuren dementsprechend dem maskulin geprägten Konzept des Films geschuldet, wodurch sogar häufigere Andeutungen einer möglichen Homophilie unter ganz neuen Gesichtspunkten zu betrachten sind. Selbst das oftmalige Auftreten von dramaturgischen Längen verschmilzt schmerzhaft-symbiotisch mit den anstrengend inszenierten Wüsten-Reisen des Engländers.

Atemberaubend weitläufige Landschaftspanoramen, welche die drakonische Mächtigkeit unseres Planeten erahnen lassen – LAWRENCE OF ARABIA beeinflusste das Kino in Sachen Großproduktion seinerzeit wie kein anderer Film vor ihm. In dreieinhalb Stunden nehmen wir am Leben eines außergewöhnlichen Mannes teil, der zwar nicht immer der Heilige war, zu dem ihn einst die Medien erhoben, aber im Grunde doch ein gutherziger Mensch, welcher schlussendlich an der bitteren Realität zerbrach. Erneut obsiegen die Alten und fressen sich an den hart erkämpften Lorbeeren der Jugend satt, bringen allerdings Ordnung und Struktur in das verwüstete Land neu gewonnener Freiheit. War der Preis womöglich zu hoch? Offene Fragen. Am Ende breitet sich im Körper jedoch das wohlige Gefühl aus, einen einzigartigen Menschen kennengelernt und ein Stück weit begleitet haben zu dürfen.